Ein Fundstück aus den 90ern

Plattencover von Man of Straw

Beim Stöbern in Kisten mit altem Kram fielen mir zwei Rechnungen eines Schallplattenversandhändlers in die Hände. Überbleibsel aus dem Jahr 1988. Zwischen Konzerttickets, Flyern und anderen Erinnerungsstücken hatten sie mehr als drei Jahrzehnte überlebt. Judas Priest, LL Cool J, The Stranglers, Juliane Werding, Invisible Limits, Pink Floyd, Terence Trent D’Arby, Kim Wilde, Alison Moyet, Deep Purple, Fleetwood Mac und viele weitere Namen stehen dort wie selbstverständlich untereinander. Diese wilde Zusammenstellung war das Ergebnis einer Sammelbestellung und spiegelte die unterschiedlichen Geschmäcker von Familie und Freunden wider.

Rechnung eines Schallplattenversandhändlers, 1988

Die Rechnungen weckten Erinnerungen an die Versandkataloge jener Zeit. Auf mehreren hundert Seiten reihten sich die Einträge dicht aneinander, in winziger Schrift gedruckt auf dünnem Papier und alphabetisch sortiert. Von A Flock of Seagulls bis ZZ Top. Manche Bands kannte ich, andere sagten mir überhaupt nichts. Meist beschränkten sich die Informationen auf Künstler, Titel, Format, Bestellnummer und Preis. Singles waren bereits ab 49 Pfennig zu haben, LPs teils für eine Mark. So fanden gelegentlich auch Veröffentlichungen den Weg auf den handschriftlich ausgefüllten Bestellschein, deren Musik ich bis dahin noch nie gehört hatte.

Nicht alles, was auf diese Weise Teil meiner Sammlung wurde, erwies sich als Volltreffer. Manche Platten legte ich lediglich ein einziges Mal auf. Andere wurden nach kurzer Zeit nur noch selten hervorgeholt. Doch einer dieser Zufallsfunde sollte mich deutlich länger begleiten als alle anderen. Bis zum heutigen Tag.

Als Anfang der 1990er Jahre wieder einmal eine Lieferung eintraf, war davon noch nichts zu ahnen. Die Spannung war wie immer groß. Zunächst fiel mir das Cover ins Auge. Zu sehen waren vier auf dem Boden liegende Männer. Erde und Laub bedecken Teile ihrer Körper, Schnecken kriechen über ihre Arme und Gesichter. Ihre Augen sind geschlossen. Nachdem ich die durchsichtige Schutzfolie entfernt hatte, zog ich die Schallplatte vorsichtig aus der Hülle, legte sie auf den Plattenteller und setzte die Nadel auf. Während ich die Hülle in den Händen drehte und die Angaben auf der Rückseite las, erklangen nach einem kurzen Knistern die ersten Takte des Debütalbums von Man of Straw aus den Lautsprechern. Schon die dreieinhalb Minuten des Openers „Graveyard“ begeisterten mich. Nach einigen weiteren Stücken war klar: Der Kauf hatte sich gelohnt! Die Musik bewegt sich zwischen Post-Punk und Gothic Rock – dunkel, eingängig und rhythmisch. Keiner der zehn Songs enttäuschte mich.

Rückseite der LP von Man of Straw mit Tracklist

Zu einem ähnlichen Urteil kam damals auch die Zillo-Rezensentin Christiane Langkamm. Sie bezeichnete „Graveyard“ als „dunklen Ohrwurm“ und verglich das Album mit schwarzen Gewitterwolken, die gleichermaßen bedrohlich wie faszinierend wirken. Auch ihr Verweis auf Joy Division als einen der Bezugspunkte erscheint nachvollziehbar, ohne dass Man of Straw wie eine bloße Kopie wirken. Am Ende ihrer Besprechung stand ein ebenso knappes wie eindeutiges Urteil: „Endlich mal wieder eine wirklich gute Wave-Platte!“

Umso erstaunlicher erscheint es mir heute, wie selten mir Man of Straw begegneten. Kein Freund hörte sie, in keinem Club lief ein Song von ihnen, auf keinem Festivalplakat stand der Name. Auch als das Internet allmählich zum selbstverständlichen Recherchewerkzeug wurde, änderte sich daran zunächst nichts. Es gab keinen Wikipedia-Eintrag, keine nennenswerten Informationen zur Bandgeschichte und kaum Hinweise auf die Musiker. Über lange Zeit fand sich lediglich ein Discogs-Eintrag zur LP. Dort wird Man of Straw als „unbekannte Band und eine vergessene Perle aus Reutlingen“ beschrieben – eine Formulierung, die das Schicksal der Gruppe recht treffend zusammenfasst. Erst später tauchten vereinzelt Aufnahmen bei YouTube auf. 2019 meldete sich Man of Straw mit einem Reunion-Konzert beim Takt Bizarre Festival zurück. Danach wurde es wieder ruhig.

Man of Straw war nie eine bekannte Band, das Album nie ein gesuchtes Sammlerobjekt. Von den diversen Blindkäufen jener Zeit ist es wohl die einzige Platte, die ich bis heute immer wieder höre.

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