Wo Endlichkeit Gestalt annimmt – Der Powązki-Friedhof in Warschau

Ich betrete den vor über 230 Jahren angelegten Warschauer Powązki-Friedhof durch das steinerne Tor der Heiligen Honorata. Links steht die Statue eines römischen Kriegers. Schwert und Schild tragen christliche Zeichen – Dornenkrone, Auge der Vorsehung, Friedenstaube. Die Ikonografie ist eindeutig: Kampf, Erlösung, Sieg des Guten über das Böse. Rechts befindet sich ein Trauerkranz mit dem Monogramm Chi (X) und Rho (P) – die griechischen Anfangsbuchstaben für Christus.

Nach dem Durchschreiten bleibt mein Blick an der Skulptur eines alten bärtigen Mannes hängen. Er kniend am Boden. In einer Hand hält er ein Stundenglas. Symbol für die Endlichkeit der Zeit. Die Adern treten deutlich hervor. Es wirkt beinahe so, als wäre der Mann nur für einen kurzen Moment erstarrt. Auch wenn sich hier und da etwas Patina gebildet hat, leuchtet die weiße Oberfläche ungewöhnlich hell. „Sic transit gloria mundi“ (lateinisch: So vergeht der Ruhm der Welt) lautet die Inschrift auf der Grabplatte. Eine nüchterne Feststellung.

Noch ist die Luft kühl. Der Frühling zeigt sich nur zögerlich. Einzig eine Magnolie blüht auf einem Grab. Anfangs liegt der Friedhof unter grauen Wolken, später bricht die Sonne hindurch und verändert die teils verwitterten Oberflächen. Die Schatten werden härter, Details treten hervor.

Ich halte mich links, folge einem breiteren Weg. Doch eine systematische Erkundung ist unmöglich. Mehrfach biege ich in kleine Pfade rechts und links ab. Zu viel zieht meinen Blick an.

Dieser Ort wird von der Fülle an eindrucksvollen Skulpturen bestimmt. Ohne sie wäre er wohl kaum bemerkenswert, vielleicht sogar monoton. Keine inszenierten Ruhepunkte. Keine offenen Flächen. Kein Gras bricht die Strenge auf. Stattdessen: Grab an Grab, Stein an Stein. Dazwischen lange, gerade Wege, die ein nüchternes Raster bilden. Parallel, wiederholt, fast endlos. Über vierzig Achsen in Nord-Süd-Richtung. Alte Bäume säumen diese Wege. Mächtige Wurzeln brechen den Boden auf. Die Gräber sind selten bepflanzt, Blumen erscheinen eher als temporäre Geste denn als ein Element der langfristigen Gestaltung. Erst durch die kunstvollen Statuen verwandelt sich der Friedhof in eine Galerie unter freiem Himmel.

Engel sind allgegenwärtig. Etwa als mitleidende Wesen voller Kummer und Schmerz. Oder als Begleiter des Übergangs ins Himmelreich mit ausgebreiteten Flügeln und hoffnungsvollen Blick nach oben.

Zwischen diesen Motiven tritt die Skulptur einer junge Frau aus hellem Stein hervor. Kein Engel, keine allegorische Trauernde im üblichen Sinn. Ihr Kleid fällt schwer und weit, wird nach unten hin breiter, fast gleitend die breite Grabplatte entlang. Eine Schulter ist entblößt. Das Haar lang und leicht gewellt. Beinahe beiläufig hält sie ein Stundenglas. Ihr Blick ist nach unten gerichtet, doch in der Haltung liegt keine Schwere.

Andere Arbeiten sind direkter. Tief im Schatten oder hinter Händen verborgene Gesichter. Gekrümmte, in sich zusammengesunkene Körper. Ausdruck von Trauer und Wehmut.

Ebenfalls unmissverständlich ist die Gestaltung des Grabs von Krzysztof Kieślowski, dem Regisseur der Drei-Farben-Trilogie. Zwei schwebende Hände bilden ein Rechteck – einen imaginären Kamerarahmen. Ein Lebensinhalt als Grabmotiv.

Der Filmemacher ist nur einer von über einer Million Menschen, die auf der über 40 Hektar großen Nekropole bestattet wurden. Kreuze aus Stein und Metall prägen das Panorama. Dazwischen tauchen wiederholt verblichene Porträtfotografien aus Porzellan auf.

Erst später fällt mir auf, wie stark sich meine Wahrnehmung auf das Sehen konzentriert hat. Der Verkehr der umliegenden Straßen rückte in den Hintergrund. Selbst das Zwitschern und Rufen der Vögel nahm ich kaum wahr. Der Blick bestimmte meinen Aufenthalt.

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