Mein erstes Bizarre Festival erlebte ich 1990 auf der Loreley. Ich war noch nicht volljährig, die Ramones waren der Höhepunkt des Tages und der Veranstaltungsort setzte Maßstäbe, die bis heute nur wenige Open-Air-Festivals erreicht haben. Die Freilichtbühne lag oberhalb des Rheins, eingerahmt von einer malerischen Landschaft bestehend aus Felsen, Wiesen und Wald. Ansteigende Zuschauerränge ermöglichten einen guten Blick. Das Gelände fühlte sich offen und großzügig an. Trotz namhafter Bands hatte das Festival noch etwas angenehm Unfertiges und Subkulturelles.
Das fünfjährige Jubiläum 1991 sollte groß gefeiert werden. Aus einem Tag wurden zwei. Aus elf Bands wurden 26. Aus der wildromantischen Loreley wurde das Waldstadion in Gießen. Das bedeutete mehr Platz und mehr Besucher.
In meiner Nostalgie-Kiste liegt noch immer das schlichte vierseitige Programmblatt mit der Running Order, einem skizzierter Plan des Stadions und einem grob gezeichneten Ausschnitt von Gießen mit handschriftlichen Markierungen für Camping- und Parkplätze.
Auffällig sind die frühen Anfangszeiten. Insbesondere am zweiten Festivaltag, als „The Goodies“ bereits um 9 Uhr auf der Bühne standen. Aus heutiger Sicht wirken diese Zeiten zumindest ungewöhnlich. Wenn man zudem bedenkt, dass der letzte Auftritt am Samstag erst gegen Mitternacht begann, dürften sich auch damals nicht allzu viele zu so früher Stunde auf den Weg ins Stadion gemacht haben. Auch ich kam erst gegen 11 Uhr auf dem Gelände an.
Zwischen Ticket und Flyer taucht ein Bravo-Artikel mit dem typischen Tonfall einer Jugendzeitschrift jener Zeit auf. Dort ist von „wüst brodelndem Synthigewitter“, „totaler Ekstase“, „Waver-Gespenstern“, „Faustkampf-Opfern mit Veilchenaugen und eingeknickten Vorderzähnen“ und „handfesten, im Stadionkampf erprobten Gestalten“ die Rede. Manches liest sich wie eine Mischung aus Endzeitfilm und Straßenschlacht.

Einige Beobachtungen waren durchaus treffend. Wie von der Bravo beschrieben, waren die schwarz gekleideten Gruftis und Waver diesmal deutlich in der Minderheit. Die geschilderten „Hooligan-Ausschreitungen“ wiederum passen kaum zu meiner Erinnerung. Zwar flogen zeitweise Plastikbecher durch die Luft, manchmal in ganzen Schwärmen, doch eher als überdrehte Festivaldynamik denn als Gewaltausbruch. Auch die im Artikel beschriebenen brennenden Becherberge habe ich nicht mitbekommen. Das eigentliche Chaos spielte sich ohnehin außerhalb des Stadions ab.
Für die rund 28.000 verkauften Tickets gab es zu wenig offizielle Campingmöglichkeiten, zudem reisten viele Besucher bereits am Freitagabend an. Die Folge waren Staus, Ratlosigkeit und improvisierte Zeltplätze in Parks und Vorgärten. Vermeintlich wurde sogar auf Verkehrsinseln campiert. Gießen schien kapituliert zu haben. Davon war im Stadion aber nichts zu spüren.
Das Line up liest sich nach wie vor beeindruckend: Pixies, Bad Religion, Danzig, The Alarm, Cassandra Complex, Stiff Little Fingers, Myrna Loy, Escape With Romeo und viele andere. Laut Bravo legte Iggy Pop „eine der wildesten Shows seiner langen Karriere hin“ und New Model Armys Konzert wird als „Monster-Gig mit einer langen Serie von Zugaben“ beschrieben. Aber auch Szenen abseits der Bühne blieben im Gedächtnis. Etwa ein Stand mit Bootleg-Kassetten. Bereits kurz nach den jeweiligen Auftritten waren dort Mitschnitte erhältlich. Nach dem Konzert von Danzig soll der Verkauf allerdings ziemlich abrupt beendet worden sein. Angeblich fand Glenn Danzig die Sache weniger charmant. Eine Aufnahme von den Pixies hätte ich gerne mitgenommen.
Die an jenem Wochenende entstandenen Fotos sind kaum vorzeigbar: unscharf, teils zu dunkel, technisch misslungen. Und trotzdem transportieren sie für mich ein Gefühl der Unbekümmertheit. Wie die Bilder von menschlichen Türmen – wacklige Gebilde aus Körpern, die für kurze Zeit im Gleichgewicht blieben.
Die Bravo nannte das 5. Bizarre einen „Hexenkessel“. Für mich war es einfach ein besonderes Wochenende.









