Staub, Schweiß und Nostalgie – Eindrücke vom Wave-Gotik-Treffen 2026

Electric Litany beim Wave-Gotik-Treffen 2026
Electric Litany im Ballsaal des Parkschlosses. Die unmittelbare Nähe zwischen Band und Publikum verlieh dem Konzert eine besondere Atmosphäre.

22. – 25. Mai 2026

LEIPZIG

Meist beginnt das Wave-Gotik-Treffen (WGT) mit festen Gewohnheiten: einem Willkommensessen mit Freunden, einem gemeinsamen Getränk oder dem obligatorischen Anstehen an der Bändchenausgabe.

Für viele gehört auch das EBM-Warm-Up im Felsenkeller am Donnerstagabend fest zum WGT-Auftakt. Mich lockten hierbei weniger die angekündigten Bands als die Aussicht auf erste Begegnungen. Die Füße begannen schon früh zu schmerzen und die große Euphorie wollte sich noch nicht einstellen.

Dies sollte sich am nächsten Tag ändern. Die größte Aufmerksamkeit erhielt ausgerechnet ein Name, der im Vorfeld für Diskussionen sorgte: Kim Wilde. Für manche ist sie zu sehr Achtziger-Pop, zu sehr Mainstream, zu weit entfernt von jener Musik, die viele mit dem Pfingstwochenende in Leipzig verbinden. Vor Ort erschien diese Debatte allerdings ziemlich redundant. Die Agrahalle war brechend voll, zeitweise gab es wohl sogar einen Einlassstopp. In der dichten Menge trafen schwarze Band-Shirts auf barocke Kleider, lange Haare auf Irokesenschnitte, auftoupierte Frisuren auf schlichte schwarze Kleidung. Es wurde getanzt, geklatscht und mitgesungen. Neben mir schüttelte ein Metalfan seine Mähne, einige Reihen weiter vorne bewegte sich ein Besucher mit buntem Iro zur Melodie. Etwas abseits tanzten zwei deutlich jüngere Gäste ausgelassen. Anders als bei Konzerten, die zunächst zahlreiche Neugierige anziehen, leerte sich die Halle bis zum Ende kaum. Kim Wilde musste sich für all das weder besonders inszenieren noch demonstrativ an das WGT-Publikum anpassen. Cambodia, Kids in America oder You Keep Me Hangin’ On gehören für viele zu einer musikalischen Vergangenheit, die bis heute präsent geblieben ist. Musik, die vertraut klingt, Erinnerungen weckt und zugleich ein wenig melancholisch stimmt. Gedanken an eine Zeit, in der vieles noch neu war.

Kim Wilde beim Wave-Gotik-Treffen 2026
Kim Wilde, Agrahalle

Rosa Crux verwandelten die Kuppelhalle des Volkspalasts in einen sakralen Raum. Zahlreiche elektrische Kerzen tauchten die Bühne in ein warmes Licht. Mechanische Skelette trommelten im Takt, Fahnen wurden geschwenkt, am Rand erhob sich ein mächtiges Glockenspiel bestehend aus zehn massiven Glocken. Die Band arbeitet seit jeher mit selbst entwickelten technischen Konstruktionen, die nicht nur Klang erzeugen, sondern zugleich Teil der Inszenierung sind. Beim Song „Eli Elo“ (Danse de la Terre) erreichte das Zusammenspiel von visueller und musikalischer Darbietung seinen Höhepunkt. Zwei nackte, einzig mit Lehm bedeckte Frauen knieten auf einem Podest. Ihre Bewegungen folgten einer repetitiven Choreografie. Mehrfach holten sie tief Luft, ehe sie sich abrupt nach vorne warfen und Staub über Gesicht und Körper verteilten. Aus ihren Mündern ragten dicke, zopfartige Gebilde, die ihre Erscheinung verfremdeten und zugleich verletzlich wirken ließen.

Rosa Crux beim Wave-Gotik-Treffen 2018 (Schauspielhaus)
Rosa Crux, Schauspielhaus, WGT 2018

Ein völlig anderes Bild bot zu später Stunde Perturbator. Schlagzeug, Synthesizer, massiver Druck und eine Lichtshow, die den ohnehin gewaltigen Sound zusätzlich verstärkte. Die Musik war körperlich spürbar. Das Publikum tanzte und feierte das Duo lautstark. Trotz aller Härte gab es dabei immer wieder auch atmosphärische und fast cineastische Passagen.

Pertubator beim Wave-Gotik-Treffen 2026
Perturbator, Agrahalle

Dazwischen lagen außergewöhnliche Konzerte von Oh Hiroshima, A.A. Williams, Talk To Her und Kauan. Letztgenannte spielten lediglich zwei Stücke: eines acht Minuten, das andere unglaubliche fünfzig Minuten lang. Von Sänger und Gitarrist Anton Belov kurz mit den Worten „We see you in 50 minutes“ angekündigt. Keine klassische Konzertdramaturgie, keine Animation des Publikums. Diese Reduktion entwickelte ihren eigenen Sog: langsame Steigerungen, dichte Atmosphären, permanente Spannung.

Die einzelnen Orte prägten dieses WGT ebenso auf ganz unterschiedliche Weise. Die Agrahalle bleibt vor allem eine große Halle — funktional, weitläufig und auch bei populären Acts meist mit ausreichend Platz. Das Stadtbad dagegen bot an den heißen Tagen eine willkommene Kühle. Der Volkspalast lebte bislang von seiner besonderen Architektur und abgestuften Podesten. Durch deren Rückbau ging in diesem Jahr allerdings ein Teil des früheren Ambientes verloren. Und dann war da noch das Parkschloss. Zwischen Terrasse, Park und Außenbereich entstand dort ein deutlich entspannteres Gefühl als an vielen anderen Veranstaltungsorten. Menschen saßen mit Getränken vor dem Gebäude, aßen nebenan Pizza oder Pasta oder spazierten zwischen den Konzerten durch den Park. Für Post-Punk- oder Post-Rock-Konzerte wirkte diese beinahe gediegene Umgebung allerdings stellenweise etwas eigentümlich.

Parkschloss beim Wave-Gotik-Treffen 2025 (Foto: Michael Küper)
Parkschloss, WGT 2025 (Foto: Michael Küper)

Ungeachtet dieses Widerspruchs hinterließen der Auftritt von Electric Litany einen bleibenden Eindruck. Die Band verbindet melancholische Klanglandschaften mit dynamischen Gitarren, elektronischen Elementen und emotionalem Gesang. Alan Parsons bezeichnete die Gruppe einmal als „the next Radiohead“, auch wenn sich ein solcher Vergleich nur schwer einordnen lässt. Die improvisiert wirkende Bühne und die unmittelbare Nähe zum Publikum verliehen dem Konzert eine intime Atmosphäre. Auf engem Raum mussten vier Musiker und zahlreiche Instrumente Platz finden: Schlagzeug, Bass, Gitarren, Keyboard, Synthesizer und eine Art Zither. Frontmann Alexandros Miaris sang und spielte mit sichtbarer Intensität. Seine Bewegungen, seine Mimik und schließlich auch das völlig durchnässte Hemd machten deutlich, mit welcher Leidenschaft die Musik an diesem Abend vorgetragen wurde.

Und auch der Auftritt von Moonspell am Montagabend hallt noch nach. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Abstecher in die Agrahalle werden. Was folgte war jedoch ein unverhofft faszinierendes Konzert mit einem sympathischen und überaus präsenten Frontmann und einem herausragenden Stück: „Vampiria“. Die langsame Entwicklung, die düstere Grundstimmung und die zunehmende Intensität verliehen dem Song eine besondere Wirkung.

Moonspell beim Wave-Gotik-Treffen 2026
Moonspell, Agra

Das kulturelle Rahmenprogramm rückte diesmal in den Hintergrund. Anders als in anderen Jahren spielten Ausstellungen, Lesungen oder Museumsbesuche für mich kaum eine Rolle. Es ergab sich einzig ein kurzer Abstecher ins Agra-Café. Die meisten der dort ausstellenden Künstlerinnen und Künstler hatten in der Nacht zum Dienstag allerdings längst abgebaut. Nur die Fotografien von Ron Kuhwede hingen noch an den schwarzen Wänden. Ein Bild stach heraus: grüner Rasen, Grablichter, ein Grabstein, eine ausgehobene Grube, davor eine rot-blaue Kinderrutsche. Der Titel: „Guten Rutsch“.

Während ich zwischen Stadtbad, Volkspalast, Agra und Parkschloss unterwegs war, saßen andere vielleicht in der Moritzbastei, schlenderten durch die Räume des Grassi Museums, lauschten einem Vortrag im Ballsaal, standen vor anderen Bühnen oder verbrachten die Nächte auf diversen Partys. So existieren unzählige Versionen des Wave-Gotik-Treffens.

Vielleicht bleibt von diesem WGT deshalb weniger ein einzelner Höhepunkt als vielmehr eine Mischung aus musikalischer Intensität, schmerzenden Füßen, herzlichen Begegnungen, überraschenden Konzerten und dem Gefühl, für ein paar Tage in einer eigenen Welt unterwegs gewesen zu sein.

20 Jahre WGT-Geschichte

Pfingstgeflüster

20 Jahre WGT-Geschichte

Von 2005 bis 2025 erschien das Pfingstgeflüster als Rückblick auf das Wave-Gotik-Treffen. In 18 Ausgaben finden sich Reportagen, Interviews und Fotostrecken rund um das WGT in Leipzig. Ein Großteil davon ist weiterhin erhältlich.


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