Kim Wilde im WGT-Line-up: Irritation und Erinnerung

Schallplatte The Very Best Of Kim Wilde

Als der Auftritt von Kim Wilde beim Wave-Gotik-Treffen angekündigt wurde, ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten. Verwunderung, Spott, Ablehnung. Kim Wilde habe mit Gothic nichts zu tun und deshalb beim WGT nichts verloren, hieß es. Andere fragten halb ironisch, wann denn auch Modern Talking oder Heino auf dem Festival auftreten würden.

Neu sind solche Debatten nicht. Seit Jahren ringt die Szene um ihre eigenen Grenzen. Was gehört dazu? Was nicht? Welche Künstlerinnen und Künstler passen auf ein Szene-Festival — und ab wann kippt das Ganze in kitschige Achtziger-Jahre-Nostalgie mit schwarzer Kleidung?

Kim Wilde zählte nie zur Schwarzen Szene. Ihre Songs liefen im Radio, ihre Videos im Fernsehen und ihre Bilder waren regelmäßig in Jugendzeitschriften wie Bravo oder Popcorn zu sehen. Und doch dürften viele ältere Besucherinnen und Besucher des WGT mit genau dieser Musik und dieser Ästhetik aufgewachsen sein. Nicht unbedingt als prägender Lebenssoundtrack, aber durchaus als Teil einer frühen musikalischen Umgebung, in der unterschiedliche musikalische Genre oft noch ungeordnet nebeneinanderstanden.

Greifbar wird diese Zeit heute vor allem über ihre medialen Spuren. Dabei wirkt der Inhalt alter Zeitschriftenausschnitte meist banal: Frisurentrends, Hitparaden, belanglose Kurzinterviews. Schnell konsumierbare Popkultur auf dünnem, vergilbtem Papier; nicht dafür gedacht, Jahrzehnte zu überdauern. Und doch sind genau solche Fragmente erhalten geblieben. Auf den Seiten der damaligen Illustrierten taucht auch immer wieder Kim Wilde auf: blondes Haar, kontrollierter Blick, kaum ein Lächeln. Nicht düster, aber distanziert. Keine schrille Ausgelassenheit, sondern eine zurückhaltende Melancholie, wie sie damals einen Teil des New Wave prägte.

Collage aus Bravo- und Popcornausschnitten, die Fotos von Kim Wilde und wenig Text zeigen

Diese Atmosphäre findet sich auch in einzelnen Songs wieder. Besaß Kids in America noch eine unmittelbare Energie, wirkte Cambodia deutlich kühler und melancholischer. Und auch das tanzbare The Second Time hatte etwas Unterkühltes, Unnahbares.

Synthie Pop und New Wave sind längst fester Bestandteil des WGT. Acts wie Visage, Soft Cell, Camouflage oder Alphaville sind dort in den vergangenen Jahren aufgetreten und zugleich fest in der Popkultur der 1980er-Jahre verankert. Kim Wilde gehört ebenfalls zu dieser Epoche, wird jedoch stärker als Vertreterin der kommerziellen Chartmusik dieser Zeit wahrgenommen. Vielleicht liegt gerade darin der Reiz des Bookings. Zwischen alten Platten, Bravo-Ausschnitten und Popcorn-Seiten tritt eine Vergangenheit hervor, die vielen vertraut erscheint, aber unterschiedlich gelesen wird.

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