Klaus Märkert – Requiem für PAC-MAN

Eine Autobiographie – und als solches nahm ich „Requiem für PAC-MAN“ anfangs in die Hände – kann peinlich sein. Aber da ich den ersten Teil mit dem Titel „Hab Sonne“ gelesen und genossen habe, war ich zuversichtlich, dass mir Peinlichkeiten erspart bleiben würden.

Klaus Märkert, in den Achtzigern DJ in der Bochumer Discothek „Zwischenfall“ und deren Mitbegründer. Ein un-angepasster Typ, der den Hunger der Dark-Wave-Szene nach „ihrer“ Musik stillte. Den biederen Eltern der Disco-Gänger galt er wohl eher als der „Schrecken des Ruhrgebietes“. Inzwischen ist der „Zwischenfall“ Geschichte und Klaus Märkert hat seine Sturm- und Drang-Zeit weit hinter sich gelassen. Er hat Jura studiert, war als Sozialarbeiter auf der Straße und als Taxifahrer unterwegs. Auch das ist alles Vergangenheit. Heute kennt man ihn wohl hauptsächlich durch die Lesereihe „Schementhemen“ – und natürlich durch seine Bücher.

Manchmal bricht es einem das Herz; nicht im philosophischen Sinn, sondern ganz schlicht rein organisch. Ein „gebrochenes Herz“ wird durch die Zeit geheilt. Doch ist es echt gebrochen, wird es nie wieder so, wie es mal war. Klaus Märkert hat dahingehend Erfahrungen gemacht. Diese schildert er unkonventionell und trocken, mit Sarkasmus und distanzierter Beobachtung. Wer ihm einmal bei einer Lesung zugehört hat, dürfte beim Selbstlesen seinen besonderen Spaß haben. Klaus Märkert liest unaufgeregt, fast nebensächlich und haut einem dabei die schärfsten und skurrilsten Anekdoten, Sätze, Begebenheiten um die Ohren.

In „Requiem für PAC-MAN“ werden zwei Er-Lebens-Geschichten zusammengeführt: Aufenthalt in einer Reha-Klinik und ein zeitlicher Abriss der Jahre nach dem Herz-Bruch. Sein „Seelenklempner“ in der Reha sagte: „Schreiben Sie es auf!“. Und da ist nun das Geschriebene, beschrieben darin auch das deutsche Land in den 90ern. Vermag man den Tagesabfolgen in der Reha noch recht entspannt zu folgen, so sind die Schilderungen der Geschäftswelt, in welcher sich Klaus Märkert bewegt, beklemmend. Denn heute sieht man schon die weitere Entwicklung. Früher sprach man von „Wolfsgesetzen“ in der Wirtschaft. Was eine der größten Beleidigungen für Wölfe ist. Vernichten, verdrängen, fressen – dies ist wohl das Grundprinzip bei dem Computerspiel „PAC-MAN“. Und in der Wirtschaft. Und in der Gesellschaft. Was immer stärker hervortritt. „Requiem für PAC-MAN“ erhebt keinen Anspruch darauf, ein Vertreter der Gruppe Kapitalismuskritik zu sein. Gedanken muss sich schon jeder selbst machen. Hier wird nur der übliche Druck und Frust und Behördenkampf geschildert. Und zwar so, dass ein Grinsen unausweichlich ist. Aufgrund der Formulierungen. Über den unmöglich real erscheinenden Irrsinn. Über die glücklosen Versuche, eine Dark-Wave-Discothek zu etablieren. In Herne beispielsweise. Um gegen den brutalen und textentleerten Electro-Mainstream und den dahinter stehenden Gewinnen „aufzulegen“. Mit welchen Menschen-Figuren Märkert dabei in Berührung kam… Sein Mut, sich mit solchen Typen einzulassen, verwundert. Lakonisch werden Halbwelt-Kerle beschrieben. Oder eine Dame im Supermarkt sehr speziell gezeichnet. Das Lachen bleibt manchmal im Halse stecken. Zumindest wird es gedämpft, weil man einige Situationen in die eigene Erfahrungswelt umsetzen kann. Leider kann man seine eigenen Gedanken und Gefühle nicht so genial in Worten ausdrücken wie Klaus Märkert.

Verwoben in den Text sind viele Hinweise auf Songs und Bands, was dem Insider sicher alles über die musikalischen Vorlieben des Klaus Märkert erzählt.

Märkert beobachtet und beschreibt. Seine Ironie schließt ihn selbst ein. Er ist kein Held. Kein Superman. Nur ein Mitspieler bei PAC-MAN – irgendwie durchkommen lautet die Devise. „Requiem für Pac-Man“ ist ohne erhobenen Zeigefinger geschrieben. Und es ist tröstlich, zu lesen, dass es auch andere Menschen gibt. Andere Menschen, die es – wie ich beispielsweise – NICHT vom Tellerwäscher zum Millionär gebracht haben.

Allemal ist „Requiem für Pac-Man“ ein Lesevergnügen für unkonventionelle Leser.

Edition PaperOne
www.editionpaperone.de
ISBN: 978-3-941134-73-7

www.klausmaerkert.de

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