Lacuna Coil – Italiener im Schneegespräch

Dank massiver Verkehrsprobleme ist es sozusagen ein „Last-Minute“-Interview geworden. Aber etwas außer Atem (auch dank meiner Nervosität) konnte ich mich endlich im Backstage-Bereich zwischen Sängerin Cristina Scabbia und Sänger Andrea Ferro (beide passend winterlich mit Mütze verpackt) auf ein Sofa fallen lassen, das von Minute zu Minute bequemer wurde. So entstand dann dieses wirklich ausführliche Dokument über das Tourleben der Band, Pläne für das nächste Album, Songwriting – und was für die Band „Erfolg“ wirklich bedeutet.

Wie ist Eure Tour bisher verlaufen?

C: Sehr, sehr gut. Das Publikum war begeistert – und wir sind wirklich zufrieden.

A: Für uns war es eine neue Idee, auf „Christmas-Tour“ zu gehen. Es war toll, daß eine Menge Konzerte ausverkauft waren.

Ihr wart dieses Jahr in den USA gewesen, hattet aber auch viele Konzerte in Deutschland und in ganz Europa. Wo hat es Euch am besten gefallen?

C: Ehrlich gesagt ist es einfacher, in Amerika zu spielen. Wenn man sozusagen „auf der Straße“ lebt, wird dort mehr geboten. Man findet auch um drei Uhr morgens noch ein offenes Restaurant oder kann seine Wäsche reinigen.

Was das Publikum angeht, ist es aber beinahe überall gleich. Es hängt sowieso immer von den Menschen selbst ab, nicht vom Land, in dem sie leben. Manche sind offener, zeigen ihre Gefühle und singen lauthals mit. Anderen gefällt es besser, einfach nur zuzuschauen…

A: In Deutschland kommt man eine Stadt, wo das Publikum voll mitgeht und in der nächsten geht es sehr viel ruhiger zu. Im gleichen Land! Meine Erfahrung hat gezeigt, daß es in dieser Region eher gemäßigt zugeht.   (Traurig, aber wahr! Anm. d. Verf.)

Vor einem Jahr seid Ihr auch in Nürnberg -gemeinsam mit Sentenced- aufgetreten. Was für eine Idee stand dahinter, nochmals hier zu touren?

C: In Amerika kam unser Album erst Mitte 2003 heraus. Es war ein großer Erfolg bei den Hörern – und sie wollten uns live sehen. So waren wir ständig auf Tour… Während dieser Zeit hatten wir natürlich nicht die Möglichkeit, ein neues Album zu produzieren. Aber wir dachten, es ist eine gute Kombination, gemeinsam mit Moonspell, Passenger und Poisonblack auf „Christmas-Tour“ zu gehen.

A: Wir wollten die vielen Fans in Europa nicht vergessen und zeigen, daß wir uns nicht nur auf Amerika konzentrieren. Außerdem haben wir jetzt auch ein Video laufen. Wir möchten hier im Gedächtnis der Leute bleiben!

War es gut, gemeinsam mit Sentenced aufzutreten?

C: Ja, es hat gut zusammengepaßt. Es wurden Menschen mit einem ähnlichen Musikgeschmack angesprochen. So konnten wir uns ihren Fans präsentieren – und natürlich auch umgekehrt.

Als Ihr begonnen habt, auf Tour zu gehen, wart Ihr in ganz Europa unterwegs – in Eurer Heimat Italien aber eher selten. Gibt es dort kein großes Publikum für Metal oder Gothic?

C: Italien hat keine musikalischen Wurzeln in diesem Bereich. In Deutschland beispielsweise kann man in ein Kaufhaus gehen und eine Slayer-CD anhören. Italien ist da viel konservativer. Man hört dort italienische Künstler oder einfach kommerzielle Sachen. Man hört sie im Radio oder tanzt dazu in der Disco – und am anderen Tag vergißt man sie, weil es schon wieder etwas Neues gibt. Es gibt schon viele Metal-Hörer, allerdings mehr in der „Underground-Szene“. Mittlerweile haben wir aber auch viele Auftritte in Italien.

A: Gerade hatten wir mehr als zwanzig! Das Interesse wächst, aber Rockmusik ist noch nicht so gegenwärtig wie in Deutschland, England oder Amerika. In Italien gibt es eine große Dance- und Popszene. Aber besonders bei italienischen Rockbands steigt die Popularität Schritt für Schritt.

C: Vielleicht liegt es auch etwas daran, weil wir nicht in italienischer Sprache singen. Viele Italiener sprechen kein Englisch! Vermutlich verstehen sie unsere Songs nicht und bevorzugen daher italienische Musik. Viele italienische Musiker arbeiten außerdem mit großen Labels und dementsprechender Promotion. Davon hängt wirklich viel ab.

Ist es sehr schwer für Euch, so lange von Familie und Freunden getrennt zu sein?

C: Ich habe Glück – mein Freund ist der Bassist der Band! Aber ich glaube, für alle anderen ist es sehr schwer.

Eine weitere Schwierigkeit ist, daß man manchmal wirklich ein Stück Privatsphäre braucht – und das ist fast unmöglich, weil man auf Tour ständig von Leuten umgeben ist. Dann wird man leichter nervös und schreit auch schon mal grundlos jemanden an… Aber wir wissen, wie wir sind und können die negativen Dinge zur Seite schieben. Nach fünf Minuten ist der Streit vorbei und wir sind wieder die besten Freunde.

Ist es nicht als Frau auf Tour besonders schwierig?

C: Nein, wirklich nicht. Zumindest nicht immer… Es hängt vom Benehmen der Leute ab, die man um sich hat. Ich wurde noch nie schlecht behandelt. Außerdem ist auch die Art, wie man sich selbst gibt, mitentscheidend. Ich bin nicht der Typ Frau, der z. B. sagt: „ Ich esse jetzt dies und das nicht… usw.“. Alles was ich brauche, ist einmal am Tag duschen. Ich bin ein unkomplizierter Mensch. Wahrscheinlich ist es für alle anderen anstrengender… (lacht)

A: Es versucht natürlich jeder, höflich zu einer Frau zu sein, sie mit Respekt zu behandeln und ihr ihre Privatsphäre zuzugestehen. Männer sind mehr Kumpels, sind gruppenbezogener – die Beziehungen zwischen Männern sind ganz anders. Mit seinen Freunden geht man schon mal rüpelhaft um. Bei Frauen ist man vorsichtiger.

C: Nein, das stimmt nicht. Aber ich habe mich auch schon mal beschwert. Das liegt in der Natur der Frauen! (lacht)

Angenommen, Ihr habt für die nächste Tour einen Wunsch frei! Mit wem würdet Ihr gerne auf der Bühne stehen?

C: Metallica! Metallica als Supportband! (lacht)

A: Früher haben wir uns immer gewünscht, mit Type O` Negative zu touren – und heuer hat es geklappt. Vielleicht wäre es auch wirklich toll, mit Metallica unterwegs zu sein, nicht wegen ihrem letzten Album, sondern wegen ihrem hohen Bekanntheitsgrad. Der Name „Metallica“ allein ist regelrecht historisch, selbst wenn man die letzten zwei, drei Alben nicht so mag. Metallica ist eben Metallica…

C: Aktuell mit Moonspell ist es auch sehr schön, weil wir sie schon seit Jahren kennen und es ist, als ob „südeuropäische Brüder“ zusammen wären. Wenn wir in die nähere Zukunft blicken, bieten sich sicher eine Menge interessanter Möglichkeiten. Dieses Jahr müssen wir uns darüber nicht den Kopf zerbrechen, weil wir zuerst an unserem neuen Album arbeiten wollen.

Denkt Ihr während der Tour schon über neue Songs nach?

C: Während der Tour nicht, da ist man viel zu viel mit anderen Dingen wie Promotion, Soundcheck und dem Auftritt selbst beschäftigt und es fehlt einfach die Inspiration. Wir brauchen außerdem unsere eigene gewohnte Umgebung und müssen alle zusammen entspannt in unserem Proberaum sitzen. Dort herrscht eine ganz andere Atmosphäre.

A:Unser Gitarrist und unser Bassist hatten zwischen den Tourblöcken eine Menge Ideen und haben schon viel Material aufnotiert. Wir werden uns damit beschäftigen, wenn wir zu Hause sind und einiges davon für neue Songs verwenden.

Gibt es schon konkrete Pläne für Euer neues Album?

C: Ja, wir haben, wie gesagt, neues Material gesammelt und begonnen, neue Lieder zu schreiben, die allerdings noch nicht ganz fertig sind. Wir arbeiten viel an Arrangements und Texten, oft ändern wir sie noch bis kurz vor den Studioaufnahmen.

A: Nach der Tour gönnen wir uns ein paar Wochen zum Entspannen. Dann beginnen wir sofort mit der Arbeit. Wir wissen noch nicht, wie lange es dauern wird, die Songs fertigzustellen und aufzunehmen. Ich hoffe aber, wir können das Album im Sommer oder Anfang Herbst herausbringen.

Wird es ähnlich wie „Comalies“ klingen – oder völlig anders?

C: Anders – aber trotzdem im typischen „Lacuna Coil-Style“. Wir sind der Meinung, es macht keinen Sinn, etwas komplett anderes zu machen, nur um den Leuten unser Können zu beweisen. Wir machen keine Musik, um zu zeigen, wie gut wir Gitarre spielen können. Natürlich könnten wir anspruchsvollere Musik bieten, aber wichtig ist doch, daß die Songs gut ankommen. Und wir werden unseren Stil beibehalten, denn wenn wir uns dafür entscheiden würden, etwas völlig anderes als Lacuna Coil-Songs zu machen, könnten wir das Projekt auch gleich umbenennen. Lacuna Coil ist für uns die perfekte Balance zwischen aggressiven und melodischen Parts, es muß gefühlvoll sein, das Herz berühren und sowohl in gute Stimmung als auch in andere Dimensionen versetzen können.

A: Für uns macht es keinen Sinn, einen unserer Songs im Depeche Mode oder Pink Floyd-Stil zu spielen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen „Veränderung“ und „Entwicklung“. Man kann sich ändern und Hip Hop spielen – aber für uns bringt das nichts. Wir möchten von „Comalies“ aus einen Schritt weiter gehen und noch bessere Songwriter und bessere Sänger werden. Wir sehen noch viel Potenzial in der Band und fühlen uns noch nicht alt. „Comalies“ war bis jetzt unser bestes Album, wir können uns aber noch verbessern und wollen nicht „Comalies II“ aufnehmen.

C: Natürlich machen wir nicht „Comalies II“! Das würde gleiches Musikmaterial bedeuten und wir befinden uns in ständiger Weiterentwicklung. Trotzdem wird eindeutig zu hören sein, daß die Musik von uns stammt – so viel ist schon sicher.

Wer von Euch schreibt die Texte? Sie sind nicht immer leicht zu verstehen und sehr individuell zu interpretieren…

C: Wir möchten mit unseren Texten keine Märchen erzählen und niemanden belehren. Es ist prinzipiell unser Leben und unsere Gefühle in Worte gefaßt. Wir halten unsere Emotionen fest, die wir beim Hören der Musik spüren. Das ist auch der Grund, warum wir nie Texte schreiben bevor die Musik komponiert ist. Es muß alles zusammen-passen; so könnten wir nie in trauriger Stimmung ein heiteres Lied mit fröhlicher Musik schreiben. Wir warten, bis die Melodie fertig ist und versuchen dann, die Bedeutung des Stücks einzufangen.

A: Es ist angenehm, sich vom natürlichen Gefühl, das aus der Musik kommt, inspirieren zu lassen. Manchmal hört man Wörter einfach aus der Musik heraus und behält sie dann auch in den Lyrics bei. Es ist fast, als ob der Text schon immer im Lied gewesen wäre.

C: Wir arbeiten fast wie jemand, der eine Skulptur anfertigt. Zuerst hat man das Rohmaterial vor sich – und dann schneidet man immer weiter daran herum, bis die endgültige Form entsteht. Wir pressen nichts zwanghaft in eine bestimmte Richtung und machen keine Musik zu einem vorgegebenen Text. Für uns wäre das keine natürliche Vorgehensweise.

Fällt es Euch schwer, in Englisch zu texten?

C: Ich glaube, es ist sogar leichter für uns. Im Italienischen muß man sehr lange nach passenden Wörtern suchen, um ein sinnvolles Ergebnis zu erzielen. Schade, daß Du kein italienisch verstehst! Wenn man Stücke bekannter Künstler übersetzt, klingen die oft wirklich übel! Dafür hört sich die italienische Sprache aber sehr musikalisch an.

A: Wenn wir einen typischen Metal-Song spielen, paßt das schlecht zu italienischen Wörtern. Englisch klingt da direkter und besser. Italienisch paßt dafür sehr gut zu melodischen Stücken. Daher tun wir uns manchmal schwer, weil unsere Songs beides beinhalten. Aber es muß spontan bleiben, wir können uns nicht zwingen, einen italienischen Text zu schreiben.

Spielt Ihr heute Abend schon etwas Neues?

C: Nein, heute noch nicht!

A: Die Stücke sind auch noch nicht endgültig fertig…

C: Außerdem möchten wir die Songs nicht vor dem Album-Release spielen. Wir wollen alles komplett präsentieren: das ganze Konzept von der Bühnengestaltung bis zu den Outfits.

Euer neues Video läuft jetzt bei VIVA. Bringt Euch das einen Karrierevorteil?

A: Normalerweise schon…

C: Es ist positiv, weil wir die Möglichkeit bekommen haben, in einem populären Sender gezeigt zu werden, ohne dafür unsere Musik zu verändern. Uns war das sehr wichtig, weil oft gedacht wird, man bezweckt damit nur, ein viel größeres Publikum zu erreichen. Aber von uns wird ein Video gezeigt, das ein Jahr alt ist – und wir gehören noch zur „Underground-Szene“. So bringen wir etwas vom „Underground“ in den „Mainstream“. Wir stehen für Metal bzw. Gothic Metal im Mainstream – und halten dafür sozusagen die Flagge hoch, mitten in einem Haufen Müll. Und das macht uns stolz!

A: Wenn man sich selbst treu bleibt, seinen Musikstil beibehält und ein gutes Video dazu macht, ist das in Ordnung. Es ist eine gute Möglichkeit, sich vor einem Publikum zu präsentieren, das sonst nie die Gelegenheit hat, solche Musik zu hören, weil es nicht zur Gothic- oder Metalszene gehört.

C: Einige werden das Video sehen, sich mit der Musik beschäftigen und so näher an die Metal-Szene heranrücken. Man öffnet Türen für Menschen, die Metal bisher skeptisch als „böse“ Musik betrachtet haben.

Wer hat den Song für das Video ausgewählt?

C: Im Prinzip alle gemeinsam, denn es hat sehr vielen Leuten gefallen.

A: Das Video wurde auch für den amerikanischen Markt gemacht. „Heavens a lie“ ist ein ziemlicher Hit bei den amerikanischen Radiosendern. Er lief erfolgreich quer durch die USA – so war die logische Konsequenz, das Video zu diesem Song zu drehen.

Glaubt Ihr, der Erfolg anderer Bands wie etwa Nightwish oder Evanescene ist für Euch von Vorteil?

C: Von Nightwish profitieren wir wohl nicht, aber im allgemeinen ist es schon gut für uns. Ich glaube, es hängt nicht vom weiblichen Gesang ab. Evanescenes Erfolg ist vermutlich wirklich positiv für uns, weil wir in vielen Berichten als einer ihrer Inspirationsquellen benannt werden. Wenn nun diese Band so viele Alben verkauft und in einem Interview sagt, daß sie Lacuna Coil mögen, kann das zur Folge haben, daß die Fans von Evanescene denken, daß wir ebenfalls gut sein müssen. Und dann kaufen Sie auch unsere CD – obwohl wir eigentlich immer noch in eine andere musikalische Sparte gehören. Wir gehören zur Metal-Szene und ich glaube nicht, daß Evanescene dort hingehört.

A: Sie sind einfach sehr populär, auch durch den Filmsoundtrack. Ich bin der Meinung, sie haben einen großen Teil des Musikmarktes für uns geöffnet. „Comalies“ soll jetzt auch in Japan, China und auf den Philippinen veröffentlicht werden. Vorher hat niemand an den Erfolg einer Metalband mit Gothic-Elementen und einer Sängerin geglaubt! Jetzt sieht jeder Evanescene als Beispiel – warum soll es also nicht funktionieren?

Ich denke allerdings nicht, daß wir im Stande sind, eine Position wie sie einzunehmen. Hinter ihnen steht massig Promotion und wir haben nicht die Möglichkeit, auf gleiche Weise „beworben“ zu werden. In werbetechnischer Hinsicht gehören sie eher zum „Pop-Typ“ und nicht in den Metal- oder Rockbereich.

Und wie ist es mit Within Temptation? Kennt Ihr die Band?

C:Vom Namen her… Aber wir hören nicht viel Bands mit weiblichem Gesang. Viele glauben, wir hören nur solche Musik, nur weil bei uns ebenfalls eine Frau singt. Das ist völlig falsch! Erst als wir unser erstes Album schon veröffentlicht hatten, haben wir überhaupt ähnliche Bands mit Frauen entdeckt.

Man sieht mittlerweile des öfteren Bands, die Euch in gewisser Weise ähneln. Eigentlich hattet Ihr ja fast eine Vorreiterrolle…

C: Oft werden Bands unter einen Hut gesteckt, nur weil sie eine Sängerin haben. Wenn man sich genau mit der Musik beschäftigt, unterscheiden sich alle voneinander. Vor allem haben wir zwei Sänger! Wir benutzen die Frauenstimme als Element, um die aggressiven und melodischen Songteile getrennt herauszuarbeiten. Das ist etwas, das viele Bands mit nur einem Sänger nicht können. Wir können in einem Stück verschiedene Atmosphären schaffen.

A: Wir werden vermutlich schon mehr beachtet, seit das Video läuft. Außerdem haben jetzt wirklich mehr Menschen die Gelegenheit, uns als Band kennenzulernen. Der Musikmarkt ist riesig – und hat Platz für viele verschiedene Bands.

Würdet Ihr Euch als typische Gothic-Band bezeichnen?

C: Wir sind eine Mischung aus Gothic, Rock und Metal. Wir können Klischees nicht ausstehen! In dem Moment, in dem man einem Klischee zugeordnet wird, erreicht man nur einen bestimmten Teil der Leute. Das kann gerade in den Anfangszeiten einer Band ein Handicap sein. Manche Menschen ordnen sich einer bestimmten Gruppe zu und sind der Meinung, daß sie auch nur Musik hören dürfen, die eindeutig dieser Gruppe zuzuordnen ist. In Europa ist diese Mentalität vorherrschend! Klischees halten auch davon ab, andere Musikrichtungen zu erforschen – und genau das möchten wir. Ich mag z. B. sehr gerne Faith no More – sie haben auch keinen total festgelegten Stil.

Wenn man als Band ein paar Jahre unterwegs war, ist es gut, nicht total auf eine bestimmte Sache festgelegt zu sein. So kann man seine kreative Freiheit ausleben und keiner beschwert sich über das, was man gerade macht. Wir wollen verschiedene Möglichkeiten ausprobieren und nicht nur eine Gothic-Band sein.

A: Vielleicht haben wir beim ersten Album noch mehr in das Bild einer Gothic-Band gepasst. Wir wurden in diesen Bereich kategorisiert, weil viele andere dieser Bands wie z. B. Moonspell beim gleichen Label waren. Nach dem zweiten Album und vor allem nach „Comalies“ sind wir davon weggekommen und haben unseren Musikstil geöffnet. Natürlich hatten wir am Anfang unsere Vorbilder und haben versucht, so zu klingen. Aber man lernt mit der Zeit, seinen eigene Sache zu entwickeln und ist auch offener für andere Einflüsse.

Wer sind bzw. waren denn Euere Vorbilder?

A: Am Anfang waren wir alle große Fans von Paradise Lost, Type O` Negative, Tiamat und Septic Flesh – Gothic- und Metalbands im Allgemeinen. Jetzt mögen wir alle Facetten der Rockmusik.

C: Wir sind aber immer noch Fans dieser Bands. Wenn uns aber etwas gefällt, daß nicht in diese Kategorie passt, hören wir es trotzdem. Das ist eine Frage des Gefühls – und wenn man die Musik mag, muß man sich erlauben dürfen, sie auch anzuhören.

A: Wir hören alles von Black Metal bis Rock – kein Problem!

C: Aber dafür ziehen wir immer schwarze Klamotten an… (lacht)

Auf Euerer Webpage ist der Bandname Lacuna Coil als Synonym für „leere Spirale“ und als Symbol für das Leben erklärt. Ist das eine korrekte Definition?

C: Es steht nicht wirklich für ein leeres Leben – eigentlich gibt es gar keine korrekte wörtliche Übersetzung. „Lacuna“ ist ein lateinisches Wort und bedeutet sinngemäß „leerer Raum“, aber nicht in negativer Bedeutung sondern z. B. wenn man sich an etwas nicht mehr erinnern kann. „Coil“ ist das englische Wort für „Spirale“. Wir haben einfach die Wörter zusammengesetzt.

A: Außerdem hatten wir zuerst einen anderen Bandnamen – und zwar „Etherial“. „Etherial“ bedeutet, daß etwas „Atmosphäre hat“. Als wir einen Plattenvertrag bekamen, mußten wir den Namen ändern, um rechtliche Probleme zu vermeiden, da es zwei weitere Bands gab, die das Wort in ihrem Namen verwendet haben. So haben wir einen persönlichen Namen entwickelt in dem wir versucht haben, die gleiche Bedeutung wie „etherial“ beizubehalten, etwas mit „Atmosphäre“ zu schaffen. So steht diese „Leere“ also auch nicht für einen Mangel an Fröhlichkeit oder Lebenssinn.

C: Es bedeutet definitiv nicht, daß wir etwas im Leben vermissen. Wir sind eigentlich sehr positive Menschen und haben auf der Bühne viel Spaß. Wir haben keine Depressionen – daß paßt gar nicht zu unserem Stil, und schließlich sind wir auch Italiener! (lacht)

Wie seid Ihr als Bandmitglieder zusammengekommen?

C: Andrea und Marco waren schon miteinander befreundet…

A: Als wir jung waren, so ungefähr 14 oder 15 Jahre, sind wir zusammen Skateboarden gegangen. Dann haben wir aus Spaß mit dem Musikmachen angefangen und die Musik hat sich immer weiter in Richtung Metal entwickelt. Später haben wir Christina kennen-gelernt, und sie gebeten, sich die Band mal anzuschauen… Es war ein natürlicher Prozess, der vom Jugendalter bis heute gedauert hat und wir kennen uns schon seit vielen Jahren.

C: Es wurden auch einige Mitglieder ausgetauscht und andere Freunde, die wir kannten, kamen in die Band.

A: Wenn man diese Arbeit macht, macht 50 % des Erfolges aus, daß man mit den anderen Bandmitgliedern in einer guten Beziehung steht, weil man sehr viel Zeit miteinander verbringt. Allein in diesem Jahr waren wir acht Monate zusammen unterwegs. Wenn man mit den anderen nicht klarkommt, wäre jeder Tag ein Albtraum. Ich glaube, das wäre unmöglich und man würde sich nach zwei Tourneen trennen.

Was wärt Ihr wohl von Beruf, wenn Ihr keine Musiker geworden wärt?

C: Oh, vielleicht hätte ich ein eigenes Restaurant oder einen Partyservice. So etwas in der Art, denn ich koche wirklich sehr gerne. Vielleicht auch ein Künstler, der z. B. Skulpturen modelliert, da ich sehr gerne mit den Händen arbeite.

A: Ich habe niemals im Leben daran gedacht, Sänger zu werden. Das hat sich einfach ergeben, als wir begonnen haben, aus Spaß Musik zu machen. Mit der Zeit wurde es eben professioneller. Aber ich liebe Musik von Grund auf und würde vermutlich immer irgendwie im Musikbusiness tätig sein – egal ob als Sänger oder nicht…

Wie sind Eure Karrierepläne und Wünsche für die Zukunft?

A: Wir wollen auch in einigen Jahren noch Musik machen. Das Problem vieler „Hype-Bands“ ist, daß sie nicht lange am Markt bleiben. Im letzten Jahr war Linkin Park angesagt, heuer Evanescene, vor zwei Jahren Korn. Und nächstes Jahr gibt es eine neue musikalische Sensation…

C: Lacuna Coil! (lacht)

A: Hoffentlich Lacuna Coil! (lacht ebenfalls)

Aber wir hatten sowieso nicht die „klassische“ Metal- bzw. Rockband-Karriere. Nachdem wir unser erstes Album herausgebracht hatten, haben wir uns musikalisch gesehen immer gesteigert. Und auch die Zahl der Fans ist gewachsen.

C: Und Metal-Fans sind wirklich sehr treue Fans! Sie sagen nicht: „Da gibt es eine neue Band mit einem hübscheren Sänger…!“. Sie vergessen deine Musik nicht und begleiten deine Entwicklung.

A: Wir wünschen uns ein kontinuierlich wachsendes Publikum und wollen nicht kurz im Rampenlicht stehen, um kurz darauf zu verschwinden.

C: Einige Bands haben einen Riesenerfolg und können nicht damit umgehen, weil alles neu und aufregend für sie ist. Wir waren anfangs sogar sehr schüchtern auf der Bühne – und jetzt ist es ein völlig normales Gefühl. Dieses Gefühl kann man aber nicht lernen, man muß es sich Tag für Tag selbst erarbeiten und seine Erfahrungen zur Weiterentwicklung nutzen.

Seid Ihr vor den Auftritten nervös?

C: Ich bin eigentlich ein sehr nervöser Mensch. Vor den Shows aber in der Regel nicht, vor allem wenn ich weiß, daß meine Stimme 100-prozentig einsatzfähig ist. Momentan fühle ich mich recht selbstbewußt. Nervös bin ich allerdings, wenn ich mich krank fühle oder wenn es technische Schwierigkeiten gibt. Wenn ich in Form bin, ist das aber auch kein Problem.

Momentan ist aber leider ein „gutes“ Wetter zum krank werden…

C: Wir waren auch kürzlich krank. Das ist die „Sickness-Tour“ – jeden hat es erwischt. Die „Christmas-Sickness-Tour“…

Aber die ist ja nun bald vorbei…

A: Nach dem heutigen Auftritt folgen noch vier weitere.

C: Dann haben wir es geschafft…

Zwangsweise geschafft hatte ich auch das Interview, denn die zur Verfügung stehende Zeit war wirklich wie im Flug vergangen. Daß es nicht nur fünf Minuten gewesen waren, habe ich erst beim Niederschreiben gemerkt! Und ich hätte doch noch so viele Fragen gehabt…

An dieser Stelle aber nun „Vielen Dank“ an alle, die das Interview ermöglicht haben – und vor allem an meine überaus sympathischen Gesprächspartner Christina und Andrea. Viel Glück und Erfolg für Euere künftigen Pläne!

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