Goethes Erben: Am Abgrund in Nürnberg

1. Oktober 2018

NÜRNBERG, HIRSCH

Der Konzertabend begann ungewöhnlich: Keine Vorgruppe, sondern ein Vorfilm stimmte die Anwesenden ein. Im Mittelpunkt der gekürzten Fassung der Dokumentation „Warum weiterleben?“ stand „Menschenstille“, ein Musiktheaterstück „über Depression, Freitod-Gedankenspiele, das Leiden des Einzelnen und das vielgestaltige Leiden der Gemeinschaft“. Bilder und Worte, die zum Nachdenken anregten und ein wenig die Intention hinter „Menschenstille“ näher brachte.

Ohne große Unterbrechung startete im Anschluss der erste Teil des Konzerts von „Goethes Erben“, in dem das kürzlich erschienene Album „Am Abgrund“ eindrucksvoll vorgestellt wurde. Steht die Menschheit am Abgrund? Gibt es noch Hoffnung, dem Sturz in die Tiefe zu entgehen? Die zehn dargebotenen Stücke zeichneten ein sehr düsteres Bild, welches leider dem allgemeinen Eindruck, den man beispielsweise während der Lektüre einer Tageszeitung gewinnt, nur allzu gut widerspiegelt. Mich beschlich das beklemmende Gefühl, dass die Menschheit die Kante zum Abgrund bereits überschritten hat und nur noch in der Manier einer Zeichentrickfigur der nicht mehr zu entkommenden Schwerkraft trotzt. Der Absturz scheint unausweichlich. Texte und Musik rissen die Zuhörer in einen dunklen Strudel. Oswald Henke, kreativer Kopf und Mittelpunkt des Bühnengeschehens, wählte teils klare, präzise Worte, um den Ist-Zustand aus seiner Sicht zu beschreiben. Besonders nachhaltig und wuchtig bahnte sich das anklagende „Lazarus“ seinen Weg in Körper und Geist:

„Wir warten auf Schüsse
Auf das klägliche Töten
Dann wenn in Europa wieder Acker mit Fleisch von Leichen gespickt
Blutrot jegliche Freiheit und Meinung zu Feigheit erstickt
Blutende Mütter und weinende Kinder
Wir schießen und heulen
Wir bigotten Sünder“

Ebenso wie die wenig zuversichtlichen Worte „Die Menschlichkeit ist verbrannt“ aus dem Song „Darwins Jünger“. So hegte ich wiederholt den Wunsch nach einem Hoffnungsschimmer. Vergeblich. In Zeiten, in denen Fremdenfeindlichkeit schon fast salonfähig geworden scheint, Fakten keine Rolle mehr spielen, Gutmensch ein Schimpfwort ist und Despoten erschreckend an Einfluss gewonnen haben, wirkt Optimismus wohl eher wie das Pfeifen im Walde. Mit den Worten „am Abgrund tanzend lade ich ein…“ beschloss Oswald Henke den ersten musikalischen Abschnitt des Abends und entließ die beeindruckte Besucherschar in eine Umbaupause.

Der anschließende, zweite Teil stand ganz im Zeichen der Vergangenheit der Band. Wobei man auf eine typische Best-of-Darbietung verzichteten, sondern vielmehr eine Art gut aufeinander abgestimmte Retrospektive des Schaffens von „Goethes Erben“ präsentierte, welche mit dem Lied „Es ist Nacht“ eingeleitet wurde:

„Ich bin blind
Aber fühle mich
Kann meinen Körper spüre,
wenn ich meine Muskeln anspanne…“

Es folgten das rhythmische und eingängige „Der Eissturm“ und das eindringliche wie bedrohliche „Nichts bleibt wie es war“. Unterstützt von den drei hervorragenden Musikern Tobias Schäfer, Tom Rödel und Markus Köstner hatte Oswald Henke mit seiner überaus emotionalen Darbietung zwischen leidend und wütend zu diesem Zeitpunkt längst die meisten Gäste in seinen Bann gezogen. Doch wer glaubte, dass die gezeigte Darstellung diverser Gefühlsausbrüche nicht steigerungsfähig sei, wurde eines Besseren belehrt. Die Umsetzung von „Zimmer 34“ ließ wohl so manch offen stehenden Mund zurück. Einfach grandios und bizarr. Und auch wer diesen Wahnsinn und diese Verzweiflung in der Vergangenheit schon das eine oder andere Mal live erlebt hat, war von dem Gezeigten wie Gehörten fasziniert und ergriffen. Doch eine emotionale Verschnaufpause wurde nicht gewährt.

An den Song „Angespuckt“ schloss sich „Die Brut“ an:

„Erst die die anders sprechen
dann die mit dunklem Haar
dann die, die anders denken
schließlich die eigene Art – Die Brut
Und der Tag wird kommen…“

Die mahnenden Worte aus dem Jahr 1993 könnten kaum aktueller sein. Musikalische Höhepunkte auszumachen, ist unmöglich. Auch der nächste Titel – „Kopfstimme“ – schlich sich bedrohlich in die Köpfe der aufmerksamen und begeisterungsfähigen Hörerschaft. Und dann versprühten die vier Musiker doch noch einige Funken Optimismus und Hoffnung:

„Es ist die Absicht meiner Tat
Allein zu sein
Als letzter zufrieden dem Ende des Tages beizuwohnen
Mit dem Wissen der nächste wird wieder fröhlich sein…“

(aus „Mit dem Wissen“)

Das anschließende fast schon beschwingte, fröhliche „Märchenprinzen“ mündete in das Stück „Mensch sein“, welches für ein perfektes Konzertende sorgte:

„Mensch sein
Frei sein
Freigeist
Freiheit
Schluss!“

„Goethes Erben“ wurden mit teils ekstatischem Applaus und überschwänglichem Jubel bedacht, ehe die zufriedenen Besucher den Heimweg antraten oder sich noch die eine oder andere Band-Devotionalie signieren ließen…

Fotos: Marcus Rietzsch

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