Ich bin Deutschland?

Schnee hat sich über das Land gedeckt. Der Wind weht rau über die kargen Felder. Kein Schmetterling wagt sich in die Kälte…

Ein halbes Kind noch bin ich mit meinen 18 Jahren, gerade dabei, die ersten wichtigen Taten zu vollbringen. Letztens habe ich zum ersten Mal gewählt und die Verantwortung empfand ich bedrückend. Ich unterscheide mich kaum von meinen Mitschülern. Ich bin weder besonders klug noch dumm. Ich bin ich. Ich bin einzigartig. Und doch muss ich gestehen: Obwohl ich schon 18 Jahre auf dieser Welt bin, habe ich sie nicht geändert. Vielleicht habe ich ab und zu die Welt um mich herum verschönert, indem ich jemanden half oder eine Freude machte. Doch die große Welt habe ich nicht berührt. Immer noch schwer ist es für mich, durch die Fäden, Knoten und Netze der Welt zu sehen. Die Politik mit all ihren Schachfiguren und Marionetten- sie verwirrt mich oft genug. Ich beobachte das Wirken der Großen mit Abstand.

Ein Einzelgänger bin ich, ein Bücherwurm. Oft fühle ich mich nicht dazugehörig. Nicht, dass es mich mit Traurigkeit erfüllt, doch ich registriere es. Tagein, tagaus kämpfe ich mich durch das Leben und versuche dabei, stetig zu wachsen. Ich sehe die Menschen um mich herum. Ich verfolge, was in dem Staat, in dem ich lebe, passiert. Doch wie viele Menschen habe ich das Gefühl, kaum etwas tun zu können. Die Macht wird hin- und hergeschoben. Und jetzt steht an unserer Spitze die Große Koalition. Die Erzfeinde haben sich verbunden. Und ich weiß nicht, wozu es führen soll…

Irgendwie, finde ich, pendelt unser Staat. Er weiß nicht, wohin er gehört. Er weiß nicht, was er ist. Früher einmal war er der Staat der Dichter und Denker. Mit Bedauern sehe ich die Jugend von heute, die Jugend, zu der ich gehöre. Nicht nur der Jugend fehlt eine feste Identität.

Unserem Staat fehlt diese auch. Unser Staat sieht sich im Wandel. Tradition, Technologie, Werte, Politik. Obwohl ich zur heutigen Jugend gehöre, hänge ich sehr an Altem, an Werten. Ich hänge an der Kultur. Und ich habe immer einen Blick zurück auf Vergangenes.

„Du bist Deutschland“ heißt der Slogan. Und mit Erschrecken sah ich ein Bild mit einem ähnlichen Spruch: „Denn Du bist Deutschland“. Er gehört zu einem Plakat, über dem der Kopf Hitlers prangt. Genau, Adolf Hitler. Der Mann, der Millionen von Juden in Konzentrationslager schickte. Derjenige, der die Hauptschuld an einem Weltkrieg trägt. Der Mensch, der so viel Leid über Europa brachte.

Dieses Thema lastet noch immer auf den Schultern der Deutschen. Dieses Problem tragen selbst wir Jugendlichen mit uns herum. Es ist schwer, damit umzugehen. Ich denke, wir dürfen es nicht vergessen. Was damals geschehen ist, darf niemals als Schmerz aus unseren Herzen gehen. Aber wir sollten die Schuld ruhen lassen. Ich kann nichts dafür, was damals passierte. Meine Gedanken sind weder von Rassismus noch von anderen intoleranten Strömungen geprägt. Aber wir müssen die Chance bekommen, es als Vergangen ruhen zu lassen und nicht immer wieder hervorzukramen. Wir, besonders wir Deutschen, wir jungen Deutschen, egal, welche Hautfarbe und Religion, wir müssen offen sein. Alle Menschen sollten offen sein. Deshalb möchte ich mich nicht vor dieser Kampagne verschließen.

Vielleicht hätte der Slogan anders sein sollen. Aber Hitler benutzte so viel und sagte so viel.

Wenn ich darüber nachdenke, wer ich bin, kann ich sagen: Ich bin Mensch. Ich fühle mich nicht deutsch. Ich fühle mich nicht deutsch, weil unsere Kultur untergeht. Ich fühle mich nicht deutsch, weil ich nicht mal mehr weiß, was deutsch ist.

Vielleicht ist diese Kampagne ein Weckruf, den viele nötig haben. Vieles geht schief. Vieles ging schief. Gerade deshalb sollten wir etwas tun. Dieser Slogan wirft den ersten Stein…

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