Henke – Maskenball der Nackten

Noch bevor die ersten Klänge aus den Boxen dringen, wirft „Maskenball der Nackten“ Fragen auf. Dem Betrachter des Covers blickt ein Porträt entgegen. Doch kein gewöhnliches Porträt. Die Ansicht ist zweigeteilt. Links ein männliches Antlitz, an dem rechts direkt eine weibliche Gesichthälfte anschließt. Doch nichts ist wie es scheint. Könnte es sein, dass der Betrachter in die Irre geführt wird? Sehen wir hier wirklich den Teil eines weiblichen Gesichts? Oder lässt uns Schminke und Perücke dies nur glauben?
Ein Gesicht – halb männlich, halb weiblich. Ein Widerspruch. Eigentlich gegensätzlich. So wie auch die Worte „nackt“ und „Maskenball“. Schließen sich diese nicht gegenseitig aus?
Letztendlich sind wir alle nackt – zumindest hinter der äußeren Hülle. Hinter den unterschiedlichen Masken, die wir tagtäglich vor uns hertragen, um zu täuschen oder um uns zu schützen.

Wer im vergangenen Jahr eines der Konzerte von „Henke“ erleben durfte, bekam schon den einen oder anderen akustischen Ausblick auf den „Maskenball der Nackten“ und die Kraft und Nachdrücklichkeit einiger darauf enthaltenen Stücke. Stücke mit Gänsehautfaktor. Stücke, die umgehend fesseln und Stücke, die erschlossen werden wollen. Leichte Kost bieten andere – nicht „Henke“. Da steckt einem dann auch schon einmal ein dicker Kloß im Hals. „Medea tötet, was sie liebt…“

Das Album zeigt sich überaus facettenreich. Akzentuiert, treffsicher, mitreißend, temperamentvoll setzen die Musiker ihre Instrumente ein. Dazu in einem perfekten Zusammenspiel die Stimme von Oswald Henke. Sprechend, hauchend, flüsternd, schreiend – unterschiedlichste Gefühlswelten durchlebend. Die Texte entführen zuweilen in die tiefste Dunkelheit. „Kein Licht, nur Leere, bin allein“ – Worte der Hoffnungslosigkeit, aggressiv und inbrünstig vorgetragen. Als eine Art Gegenpol schwebt über allem nicht nur bei diesem Stück („Epilog“) eine sanfte Klaviermelodie, die ein klein wenig Mut und Zuversicht schenkt. Bisweilen bleibt trotzdem eine gewisse – harte – Endgültigkeit. „In jedem Bett ein totes Kind…“

Nachdenkliche, tiefgründige Lieder. Zumeist ein Blick auf die uns umgebende Wirklichkeit.
Emotionale Abgründe, die die Heile Welt – eine Scheinwelt? – bröckeln lässt. „Maskenball der Nackten“ ist ein grandioses Album, das die dunkle Seite des Lebens offenbart. Erschreckend und paradoxerweise auch irgendwie tröstlich.

1. Dokument 2
2. Valiumregenbogen
3. Rote Irrlichter
4. Grauer Strand
5. Zeitmemory
6. Vergessen
7. Epilog
8. Fernweh ist
9. Ein Jahr als Tag
10. Maskenball der Nackten
11. Nur allein
12. Medea

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