Amphi Festival 2006

22. bis 23. Juli 2006

KÖLN, TANZBRUNNEN

Freitagmittag. Abfahrt Richtung Köln. 5 Stunden Fahrt liegen vor uns. Minimum. Bei brütender Hitze. Und KEINE Klimaanlage im alten Gefährt. Nach kurzen Stopp zwecks Verproviantierung dann die vom ADAC empfohlene Route über Jena. Nun, kann man nicht meckern. Hat alles gepasst. Es gab auch ausreichend Parkplätze. Leider befinden sich die lebensrettend schattenspendenden Bäume über eine reichliche Strecke hinweg noch im Spur-HO-tauglichen Format. Unsere Pausen beschränkten wir auf das Notwendigste. Die relative Kühle des Abends ließ uns dann auf einem Rastplatz vor Köln die notwendige Erholung finden, für die vor uns liegenden zwei Festivaltage.

Samstagmorgen. Brütende Hitze. Nahe der Location einen Unterm-Baum-Parkplatz gekapert und zu Fuß über die Hohenzollernbrücke in die Altstadt. Eine Fülle von Menschen, dazu die stehende Wärme – kein wahrer Genuss. Ich hab mir ein Paar solcher Wander-Abenteuer-Sandalen gekauft. Luftig und wunderschön *sarkastisch grins*. Gelegentlich hatte ich sie in den nächsten Tagen sogar an den Füssen. Manchmal ist der Selbsterhaltungstrieb doch stärker ausgeprägt, als der Drang zum eigenen Stil. Erwähnte ich schon die brütende Hitze? Ja? Na gut. Also in dieser Hitze gegen 14.00 Uhr zum Tanzbrunnen-Entree. Eine Demo der „Schwarzen“? Ein Volksaufstand? Da gerade in diesem Augenblick eine schwarze Wolke unter Grollen und Grummeln ihr Wasser über uns auszuschütten begann, verzichteten wir auf pünktliches Erscheinen zum Massen-Ansteh-Event-ohne-Einlass. Wir holten unsere Presse-Bändchen und genossen unter unserem Vectra-Blechdach unseren Proviant. Schon war der Regen vorbei. Die Wärme nicht. Dunkle Wolken versprachen aber weitere Duschen.

Bewaffnet mit Knirps-Schirmen (tja, man wird älter…) erhielten auch wir nach standesgemäßer Wartenschlangenteilnahme Zutritt zum Tanzbrunnen. Gar nicht übel diese Location. Eine Halle, eine Freiluftbühne, viel Platz Drumherum und teilweise sogar von der Bühne leicht nach hinten seitlich ansteigend. Große blütenartige Segelkonstruktionen spendeten teilweise Schatten. Wir mussten als notorische Anti-Rothäute oftmals den Baum-und Buschbestand am Rande des Areals zwecks Sonnenschutz aufsuchen.

Auch die notwendige Fress- und Shopping-Meile war vorhanden. Die Erstgenannten mit atemberaubenden Hoch-Preisen. Nun ja, unsere Vectra-Schlafzimmer-Küchen-Kombination ließ uns nicht im Stich und wir hielten unseren Konsum auf dem Gelände doch in engen finanziellen Grenzen. Es waren wirklich schweinisch hohe Preise – eine „Wasser-Tankstelle“ war deshalb ständig von Volk umlagert. Duschen, Trinken, Wasserflaschen auffüllen – nur so war die Hitze auszuhalten. Denn die kurzen Schauer brachten nicht wirklich eine Abkühlung.

Worüber wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja, Festival. Außer Sonne bekamen wir straff organisiert ein abwechslungsreiches Programm geboten. Im Gegensatz zu allen bisher von uns besuchten Festivals fanden Zeitverschiebung nur nach vorn statt – was zur vorübergehenden Verwirrung führte. Alle Bands kann und will ich hier nicht „durchhecheln“ – das Gesamtprogramm zählt. Und das stimmte! Nur meine Lieblingsbands – womit ich die anderen nicht „schlecht machen“ will – aber die Geschmäcker sind halt verschieden. Welle:Erdball – die Faszination der konsequenten Einhaltung des C64-Sounds, dazu das poppigartige Outfit in einer Stilmischung Ende 50er Anfang 60er Jahre – wirkt irgendwie brav. Ist aber gar nicht brav. Ist bissig, ironisch, sarkastisch. Und deutsch – womit Fehlinterpretationen fast ausgeschlossen sind. Das ganze kommt mit einer fröhlichen wirkenden Selbstverständlichkeit her-über… man achte auf die Texte! Unheilig – der Graf wie immer selbstbewusst und das Publikum mitreißend. Unterhaltsam und tanzambitionenfördernd, romantisch. Musik zum Seele-baumeln-lassen. VNV Nation – ein knubbeliges wadenfreihosentragendes Energiebündel springt wie Flummi auf der Bühne herum und ist Eins mit den Zuhörern. Ronan scheint vom Kontakt mit uns, seinem Fans, zu leben. Seine Vortragsweise erscheint so lebendig; will sagen: als würde er gerade in diesem Augenblick und nur für uns sein Lied singen, seine Gedanken formulieren. Seine balladenartigen Stücke – mit authentisch wirkendem Gefühl herübergebracht – da muss ich schon aufpassen, dass mir keine Tränen der Rührung aus den Augen purzeln. Um 22.00 Uhr war dann Schluss mit dem „Lärm“! Ruhe den Anwohnern. Welche Anwohner eigentlich? Messe, Park, Bahn. Egal. Auf jeden Fall nun etwas „Leises“ – Henke und Aster lesen. Wir haben es versucht… zuzuhören.

Nun ist Sprechen sicher etwas anderes als Singen. Es ist leiser. Und die millionenfach auf dem Boden zertretenen Trinkbecher aus Kunststoff machten scheußliche Knistergeräusche. (Warum kann ich mich nicht davon befreien, das Schwarze Volk für etwas „Besseres“ zu halten? Es scheint leider auch hier massenhaft rücksichtslose Dreckfinken zu geben.) Das Zuhören wurde zur anstrengenden Arbeit. Und dazu die Unentwegten, denen es vollkommen einerlei ist, ob ihr lautstarkes Geschwätz andere stört. Irgendwann gaben wir es auf. Sehr ungern. Denn der Vortrag von Oswald Henke war bissig, witzig. Komödiantenhaft überzeichnete Texte ließen uns lachen, schmunzeln und recht nachdenklich werden.

So begaben wir uns eben in das Theater, worin weiterhin „gelärmt“ wer-den durfte. DJs waren ein Weilchen schon Zugange. Wir hatten uns zwischendurch auch schon mal Lola Angst mit ihrer Orgel angetan – okay, gewöhnungsbedürftig, neu, frech und interessant

Das Tun der beiden Berliner werden wir aufmerksam verfolgen.

Jetzt aber genossen wir Diary of Dreams – auch wir können uns der dunklen Stimme, diesem Charisma, nicht entziehen. Etwas irritierend das hysterische Aufkreischen der Weiber, als das lange Haar ungebändigt über die Schultern fiel. Wo sind wir denn? Fliegen demnächst wie bei den Boygroups der Popkultur Slips auf die Bühne?! Der Wirkung des Auftritts konnte dies trotzdem keinen Schaden zufügen. Wir blieben dann noch ein wenig, um dem elektronischen DJ-Set von The Retrosic zu lauschen. Aber mir waren der erschreckend umfangreich herumliegende Müll und das vom verschütteten Bier klebrige Parkett (was bringt nicht mehr ganz standfeste Menschen dazu, sich mit mehreren vollen Bierbechern im Halbdunkel durch eine tanzende Menge zu drängen?) suspekt.

Nachtruhe…

Sonntag. Brüllende Hitze. Das ist nichts Neues? Was kann ich dafür?! Jedenfalls verbrachte ich die Stunden bis zum Auftritt der Letzten Instanz auf einer Steinumrandung unter schattigen Bäumen und bewachte meine Stiefel. Der Sound kam auch hier gut und laut genug an.

Letzte Instanz – ein Phänomen diese Band. Kein Sänger-Wechsel konnte der wachsenden Popularität Einhalt gebieten. Sie bieten eine mitreißende Show und die Songs sind einfach Klasse. Als sie bei einem Konzert in Berlin ihr aktuelles Album vorstellten (war zu diesem Zeitpunkt gerade erschienen), wurden die Texte schon mitgesungen. Sie sprechen eine sehr verständliche Sprache, sind lustig. Dabei aber nicht flach, sondern mit intelligentem Touch. Achtung: Letzte Instanz kann „abhängig“ machen! Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Steve von And One – da muss ich mal etwas Oberlehrerhaftes von mir geben: er ist über die Jahre „gereift“ und kommt unwahrscheinlich menschlich ´rüber mit viel Selbstironie. Die „alten“ Songs sind noch immer mitreißend und haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Und das neue Album wird lächelnd beworben. Was soll ich da viel schreiben… And One auf der Bühne und der Jubel bricht los. Was muss ich da noch zu erklären versuchen?

Gedanken zum Schluss… ein gelungenes Festival in organisatorischer und künstlerischer Hinsicht. Dankeschön dafür. Die Lesungen sind im Lärm leider etwas untergegangen. Sehr zu unserem Bedauern. Essen und Trinken schrecklichst teuer – was aber nicht dem Einfluss des Veranstalters unterliegt. Größter Wunsch: nächstes Jahr vielleicht auf der Loreley?! Wir freuen uns sehr darauf.

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