Beelitz-Heilstätten – verlassenes Sanatorium im Wald

go2knowWahrscheinlich ist die zwischen 1898 und 1930 erbaute Lungenheilstätte für Arbeiter in Beelitz-Heilstätten einer der bekanntesten „lost places“ in Deutschland. Auf einer Fläche von etwa zwei Quadratkilometer verteilen sich 60 denkmalgeschützte Gebäude. Einige Häuser wurden bereits gerettet und mit neuem Leben erfüllt. Auf dem Gelände entstanden auch ergänzende Neubauten. So beherbergt das riesige Areal gegenwärtig u. a. eine neurologische Rehabilitationsklinik, ein Parkinson-Fachkrankenhaus sowie eine Rehabilitationsklinik für Kinder. Kürzlich wurde ein Baumwipfelpfad eröffnet, der einen Blick auf das weitläufige Gelände bietet.

Gemeinsam mit einer großen Anzahl Geschichtsinteressierter und Fotobegeisterter nutzten wir zwei Tourangebot von „go2know“, Organisator von offiziellen Lost-Places-Besuchen, um unser Augenmerk auf die seit Jahren verlassenen Gebäude zu richten.

Nach Ausgabe von Lageplänen, der Beantwortung der einen oder der anderen Frage durch die freundlichen und sachkundigen Guides und hilfreichen Hinweisen zum weitläufigen Gelände und besonderen Fotomotiven strömen die Teilnehmer mit Rucksäcken und Kamera behangen, die Fäuste um die Stative geballt, den an den jeweiligen Tagen geöffneten Gebäuden entgegen. Gebäude, bei denen die zahlreichen Guides mit detaillierten Informationen aufwarteten. Das urwaldartige Grün verhüllt teilweise die Schäden an den Gebäuden. Hohe Bäume umfrieden alles, verstecken die Gebrechlichkeit.

Wir stapften an einem Zaun entlang, um das erste freigegebene Bauwerk zu erreichen. Herrschaftlich anmutende Eingänge und Treppenaufgänge, lange Gänge, zahllose Zimmer, Seitenflügel, weitere Treppenhäuser, große Säle. Viele der während der sowjetischen Nutzung zugemauerten Gänge sind wieder frei und das gesamte Ausmaß der schier endlosen Flure sichtbar. Großzügig geschnittene Zimmer. Bäderanwendungen in Gewölben mit großer heller Fensterfront. Die Sonnenterrassen vermitteln noch heute ein Gefühl von Ruhe und Wärme.

Die freundlichen Guides von „go2know“ füttern uns mit erstaunlichen Details. Der Bau der Lungenheilstätte kann in gewisser Weise als sozialer Akt angesehen werden; schließlich konnten sich die Armen keine Kur in Davos leisten. In erster Linie war dieses Bauvorhaben aber aus wirtschaftlichen Gründen zwingend notwendig. Extreme Arbeitsbedingungen, klägliche Wohnverhältnisse, schlechte Gesundheitsfürsorge und mangelhaftes vitaminarmes Essen ließen in Arbeiterkreisen die Tuberkulosefälle stark ansteigen. So fielen zunehmend dringend benötigte Arbeitskräfte langfristig aus. Was nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg des Landes gefährdete, sondern ebenso die 1891 unter Bismarck eingeführte Altersversicherung.

Mit den Heilstätten entstand eine grandiose Anlage, die wohl jeden Besucher allein durch seine Architektur begeistert. Doch hinter dieser Fassade verbergen sich erstaunliche Details. Wir erfuhren, dass es aus Gründen der Ansteckungsgefahr und der unterschiedlichen Stadien der Krankheit ausschließlich Einzelzimmer gab. Bei der Planung der Gebäude wurde sehr genau auf die Himmelsrichtung geachtet. Patientenzimmer und Terrassen befanden sich ausnahmslos auf der Südseite – der Sonne wegen. Hochwertige Wand- und Bodenfliesen (von Villeroy & Boch) wurden fugenlos verlegt, damit sich an den kritischen Stellen kein Staub bzw. Schmutz ansammeln konnte und – nach damaligem Erkenntnisstand – diese nicht von Krankheitskeimen besiedelt werden konnten. Die Kanten aller inneren Mauerecken und Vorsprünge waren abgerundet – auch um Staubansammlungen zu minimieren. Das Essen der Kranken fiel „fürstlich“ aus. Reichlich frisches Obst, Gemüse, Fleisch – äußerst gesund, aber für gewöhnlich in den Arbeitermilieus von Berlin und Brandenburg unerschwinglich. Anders als heute bekamen die Angehörigen bei ihren Krankenbesuchen Essenspakete mit nach Hause.

Für Be- und Entlüftung sorgte ein faszinierendes System. Überall auf dem Gelände sieht man kleine Häuschen, durch die frische Waldluft angesaugt, gefiltert und über sich bis auf die Größe einer Schuhschachtel verjüngende Gänge in die einzelnen Zimmer geleitet wurde. Dadurch gibt es neben dem sichtbaren Netz aus Fluren und Treppen ein sich hinter den Wänden verbergendes Geflecht, durch das man theoretisch – eine unrealistische Körpergröße vorausgesetzt – in jedes einzelne Zimmer gelangen könnte. Gewährleistet durch ein eigenes im Jahr 1903 in Betrieb genommenes Kraftwerk – weltweit eines der ersten mit Kraft-Wärme-Kopplung – erreichte man so auch eine gleichbleibende Raum-Temperatur. Die Tunnelanlagen mit den Versorgungsleitungen befinden sich exakt unterhalb des oberirdischen Wegenetzes. Demzufolge wurde das Räumen von Schnee auf diesen Wegen überflüssig. Eine letztendlich einfache aber überaus wirkungsvolle Lösung.

Die technischen Innovationen sowie die Organisation der Versorgung waren damals einmalig. Aus aller Welt kamen Fachleute, um dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst zu bestaunen und zu studieren. Auch wegen der zu jener Zeit bisher kaum im großen Stil angewandten Stahlskelettbauweise. Nach dieser Methode sollten später in New York Wolkenkratzer entstehen. Anders als dort wurden in Beelitz die Fassaden mit Klinker verblendet und Fachwerk imitiert. So ließen die landhausähnlichen Gebäude inmitten der großzügig gestalteten Parkanlage keine Krankenhausstimmung aufkommen.

Auch wenn man Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht alles über die tückische Lungenkrankheit wusste, wurde durch die hervorragende Versorgung und Behandlung der Patienten eine für die damalige Zeit sensationell niedrige Sterblichkeitsrate erreicht. Von über 1000 behandelten Menschen verstarben nur 18. Wahrlich eine Heilstätte.

Während der beiden Weltkriege wurden die Heilstätten als Lazarett genutzt. Nach 1945 füllte die Rote Armee, die hier ihren größten militärischen Krankenkomplex außerhalb sowjetischer Grenzen unterhielt, die Gebäude mit Leben. Nach Abzug der russischen Soldaten verwaisten viele Gebäude. Vergessen wurden sie indes nie. Dienten einige der imposanten Bauwerke doch u. a. als Kulisse für diverse Musikvideos – als Beispiele sei „Rammstein“ oder Meret Becker genannt. Ebenso wurden der Authentizität wegen in diesen verlassenen Gemäuern Sequenzen für Spielfilme gedreht.

Die Bilder der vom Urwald verschlungenen Tempel von Angkor kamen mir in den Sinn, als ich Unmengen von an der Hauswand herabhängenden Wurzeln von Bäumen betrachtete, die sich auf einem Dach angesiedelt haben. Über diese besondere Stelle führt der eingangs erwähnte Baumwipfelpfad, der einen Blick von oben auf den „Dachgarten“ gewährt.

Aber auch an anderen Orten wird die Kraft der Natur sichtbar: In einem riesigen Saal steht im Erker ein dickstämmiger Baum. Ebenso ist die Deckenkonstruktion mit groß dimensionierten Trägern ein Blickfang. Beachtlich! Hier und da findet man in den Fluren und Räumen noch Spuren der russischen Nutzung: das Gerippe eines eisernen Bettgestells, verbogene Beistelltische, verrottete Holzklappsitze sind willkommene Fotomotive und erinnern an eine „vergessene“ Zeit. Raum reiht sich an Raum. Obere Etagen sind nicht immer begehbar. Ein Zimmer mit gelb lasierten Klinkern diente wahrscheinlich als Baderaum. Ein anderer Saal mit halbrund angeordneten flachen Stufen dürfte man als kleines Theater genutzt haben. Eine Miniaturbühne und Klappstuhlreihen lassen Phantasien keimen: was mag an jener Stelle aufgeführt worden sein? Ein weiteres Gebäude wurde später – etwa 1930 – errichtet. Endlos lange Terrassen für die Sommerkuren liegen still im matten Sonnenlicht. Inklusive grüner Aussicht. Denn auch hier haben sich kleine Birken angesiedelt. Gruselig wirkt der große leere Fahrstuhlschacht. Imponierend hingegen ist die durchgehende Fensterfront.

Den besonderen Abschluss unserer ersten Erkundungstour bildete ein kurzer Abstecher in den Untergrund. Voran ein kundiger Führer. Mit Taschenlampen ausgestattet zwängte sich eine kleine Gruppe durch Mauerdurchbrüche bis zum Tunnelsystem. Im Lichtkegel der Lampen ließ sich die Geräumigkeit der unterirdischen Gänge nur erahnen. Hier und da Abzweigungen zu den nächsten Gebäuden – allein wäre man wohl verloren. Der Aufstieg erfolgte an anderer Stelle. Zwischenzeitlich hatte jedoch ein Mitarbeiter gewissenhaft die Tür verschlossen. Nur eine kurzzeitige Irritation – die Guides sind gut vernetzt und schon klapperte der Schlüssel und lachend beendeten wir unseren Ausflug in die „Katakomben“.

An vielen Stellen erwecken die Gebäude den Eindruck, als würden sie sich nur in einer Art Dornröschenschlaf befinden. Wir sind gespannt, was die Zukunft für die Beelitzer Heilstätten noch bereithält…

go2know ermöglicht die ausgiebige Erkundung verlassener Orte (Lost Places). Die Gebäude wurden vorher begutachtet und offensichtliche Gefahrenquellen abgesperrt. In den zugänglich gemachten Bereichen kann sich jeder Teilnehmer selbständig bewegen und fotografieren. Die Erkundung erfolgt mit Erlaubnis der Eigentümer und auf eigene Gefahr.

 
Text: Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch
Fotos: Marcus Rietzsch

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