Boris Koch und Christian von Aster – Bald

Die Einordnung dieser Geschichtensammlung fällt schwer. Ich könnte sie durchaus in die Schublade „Phantastik“ legen. Doch so richtig phantastisch klingen die Erzählungen nicht wirklich, sondern auf einen fatale Art und Weise real. Wenn ich die aktuellen Tagesnachrichten aus Politik, Wirtschaft, Klima, Not, Überwachung, Forschung, Arbeitswelt (alles nur beispielsweise) einen Tick weiterspinne, wenn ich bei einem Weiberabend nur ein wenig diskutiere „…wie soll das alles noch werden…“, wenn ich nur einen leichten Hang zur Sorge um das MORGEN habe – dann, ja dann kommt es BALD über uns. 14 in Worte gefasste Zukunftsvisionen, bei denen ich ernsthaft überlege, wie nahe wir solch einer Zukunft schon sind. Denn: verfasst wurden diese Visionen bereits 2002. In der Zwischenzeit hat sich einiges „weiterentwickelt“…

Die Moral der ersten Erzählung „Ein fast vegetarisches Verbrechen“ lautet: Verbrechen lohnt sich nicht. Oder im Detail: Banküberfälle lohnen sich nicht (mehr). Dem Protagonisten der Handlung gelingt nach seinem Knast-Aufenthalt ein außergewöhnlicher Coup. Trotz der Weiterentwicklung von Erkennung und Zuordnung von DNA-Spuren und der vollständigen Erfassung der DNA aller Bürger.

In der zweiten Geschichte geht es eigentlich um pränatale Diagnostik. Mit einer – wenn denn notwendig – vorzunehmenden „Kindsbehandlung“. Kind nach Maß – wenn man es sich leisten kann.

Haben Sie einen Organspendeausweis? Ich habe einen. Wenn es denn jemanden gibt, der im Falle eines Falles gerade meine Blutgruppe und andere gleiche individuellen Merkmale hat, ist es gut. Was aber, wenn man „inkompatibel“ ist? Das lässt sich ändern! Und eröffnet ganz neue Wege für die wirtschaftliche Organzüchtung…

Ein Raumschiff auf dem „Heimflug“, zwei Crewmitgllieder erwachen aus dem Kälteschlaf. Chaos rundherum. Jeder versucht auf seine Weise, mit der Situation klarzukommen.

Ebenfalls in den endlosen Weiten spielt die Story „Das Amrag d/n Debakel“. Eine Kolonie, Versorgungsprobleme, Piraten – beinahe ein Hollywood-Drehbuch.

Telepathie soll es ja geben. Was wäre, wenn es sie wirklich gäbe? Vielfach. BND, KGB, CIA wären nur noch reine Lachnummern und unnütz. „Die Gedanken sind frei“ wäre ein Märchen aus vergangener Zeit. Stellen Sie sich vor: bei jeder Behörde, bei jedem Personalchef kann man Ihre Gedanken hören. Mir stellte sich nach dem Lesen die Frage: braucht man dazu Telepathen? Steht in einem geheimen Entwicklungslabor bereits der Prototyp eines GedankenlesegerätesDie Welt ist nicht schön? Dann muss man sie sich schön machen. Was wir Rückständigen noch mit TV und Videos versuchen, werden sich unsere Nachfahren mit implantierbaren Chips gönnen. Was in jedem Fall Erkenntnisse vermitteln kann. Aber ob man wirklich alles erkennen will, wie in „d:“?

In fast allen Kulturen definiert sich die Männerwelt über ihre Männlichkeit. Es gibt Phallusdarstellungen unvorstellbaren Ausmaßes. In der Moderne nimmt man von solch eher unflexiblen Beweisen Abstand. Statt dessen rühmt man sich bei Männergesprächen mit Eroberungen, Abenteuern, diffus formulierten Praktiken. Oftmals steht in der Wirklichkeit allerdings statt lebendiger Partner ein Paket aus dem Erotikversandhandel dahinter. Doch wohin werden sexuelle Gelüste treiben, wenn die profane Vereinigung zweier menschlicher Körper seinen Reiz verliert? „Roboterliebe“!

„Neue Wege“ – die Zukunft der Religionstechnik nach dem Weihnachtsdebakel. Religionstechnik? Man mag durchaus kritisch zum Papst und Kirchen und Religionen stehen – trotzdem gönnt man ja jedem Menschen seinen Glauben und wie jeder damit umgeht ist seine Sache. Doch heute bereits sichtbare Tendenzen lassen eine Rationalisierung und Technisierung durchaus realistisch erscheinen.

Zeitreise, Zeitmaschine – der Traum vieler Menschen. Ungeahnte Möglichkeiten tun sich auf! Ein Raum-Zeit-Kontinuum bildet den Mittelpunkt in „Die Geschichte des transkronologischen Postamtes Pödlitz“. Hier kann ich nichts beschreiben. Hier muss einfach jeder seine Phantasie spielen lassen… ich erfahre heute etwas Bedeutendes, schreibe mir selbst einen Brief, welcher 14 Tage vorher eintrifft und damit das Ereignis verhindert, aber warum sollte ich dann in der Zukunft einen Brief geschrieben haben über etwas, was dann nicht stattfindet???? Hilfe. Der Wahnsinn ist nicht fern. Siehe daselbst auch bei „Briefe durch die Zeit“.

„Posträuber vom Mars“ – man stelle sich so etwas wie einen Comic-John-Wayne und einen Winnetou-Verschnitt vor, welche gemeinsam gegen mechanische Rindviecher kämpfen, die sich zu einem besonders hinterlistigem Zweck in einer alten Goldmine versteckt haben.

Und bleiben wir in dieser Gegend mit „Planet Texas“. Roswell dürfte ein Begriff sein und ebenso Area 51. Was die Wenigsten jedoch wissen werden, dass sich weltweit Regierungschefs zum Musizieren zusammenfinden mussten. Ursache für dieses Unwissen mag die totale Unmusikalität des Dalai Lamas sein. So blieb die Lösung eines existenziellen Menschheitsproblems von der Weltbevölkerung völlig unbeachtet.

Der Kiosk meines Vertrauens verwandelte sich urplötzlich in einen Kiosk des Grauens: ich erkannte in ihm die Basis einer außerirdischen Invasion. Für den großen „Giftangriff aus dem All“. 14 Geschichten, die nicht „schön“ im klassischen Sinne sind, und auch nicht besonders „lustig“. Sie sind eher… verwirrend, verunsichernd und faszinierend. Kann man den Anfängen wehren? Dann muss man zuerst einmal wissen, was da auf uns zukommen kann. Denn: was kommt da BALD?

Medusenblut
www.medusenblut.de
128 Seiten
ISBN 3-935901-04-6

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