Christian von Aster – Höllenherz

Nicht nur der Titel, des bei der diesjährigen Buchmesse in Leipzig vorgestellten Buchs, macht neugierig. Schließlich halten die Werke von Christian von Aster auch immer  Überraschungen bereit. Beherrscht der Autor doch so viele Sprachstile und Ausdrucksweisen, dass man mit seinen Büchern meistens Neuland betritt. Betreten ist natürlich Blödsinn und Neuland auch, man be-liest quasi Neu-Bücher. Und so „stürze“ ich mich auf das Buch, befriedige meine Lesegier und rausche durch die 64 Seiten.

Zuvor bewundere ich jedoch den dem Titel angemessen, dunkelrötlicher festen Einband. Darauf zu sehen ist eine schwarz-weiß-rötliche Illustration eines Teufels, dessen Schwanz aus einem ihn umfließenden Rahmen herausragt. Es folgt ein phantastisches haptisches Erlebnis: die großen Buchstaben des Titels sind ein glattes feines Relief und mit den Fingerspitzen zu ertasten. Auch der Gehörnte in Rot lässt sich erfühlen. Der Huf, die Quaste am Schwanzende, die viel zu kleinen Hörnchen und sein zerfetzter Flügel – armer Teufel.  Dieses Buch berührt mich im doppelten Sinn. Und die Überraschungen gehen weiter, denn die Gestaltung der Seiten, die Schrift und der Sprachstil passen so unglaublich gut zueinander, dass mir ein freudiges und erstauntes „Oha“ entfährt. Das Schriftfeld ist mit mehreren Randlinien im Freihandstil von einem verwaschenen schwarz-grau-düsterrötlichen vorquellenden Untergrund abgegrenzt. Auf jeder Seite befindet sich oberhalb kleine filigrane Figürchen und Gegenstände – jeweils passend zu den abgedruckten Worten. Die Schriftart vermittelt ein gewisses Alter. Der Sprachstil kann in gewisser Weise als altertümlich-romantisch mit drastischen Einsprengseln bezeichnet werden. Wenn sich diese Seiten nicht in einem gebundenen Zustand befinden würden… Es könnten ebenso lose, leicht zerschlissene Blätter sein. Eine Fundsache aus einer alten, verstaubten Kiste, die in einem Abrisshaus – Baujahr 1716 – unter dem wurmzerfressenen Gebälk ruhte. Gibt es nicht Preise für die Gestaltung von Druckerzeugnissen?

Nein, natürlich habe ich das Buch nicht nur begrapscht und bewundernd betrachtet, sondern wirklich gelesen.

Und nun kommt es: der Untertitel lautet „eine erotopoetische diableske tragischer Natur“. Die Grundgeschichte ist durchaus sehr erotisch. In der blumig-alten Umschreibung ohne die üblichen vulgären Vokabeln. Und schau an, es gibt so viele andere treffliche und nicht minder leidenschaftliche Umschreibungen für die Erste Tätigkeit des Menschen. Die Zeichnungen enden mit ihrer Deutlichkeit dort, wo die eigene Phantasie ergänzen sollte. Und schon wieder bin ich beim Betrachten… Verehrter Leser, ich bitte vielmals um Entschuldigung.

Also zur Geschichte. Der Klappentext verrät:

„Ein Teufel, seines Herzens wegen aus der Hölle verwiesen, irrt auf der Suche nach seinen Platz in der Welt umher. Zwischen Lust und Laster, Sinnlichkeit und Poesie begegnet er dabei nicht nur nymphomanischen Aristokratinnen, Narren und steinernen Göttern, sondern schließlich auch jemandem, der ihm eines Stuhles wegen ernsthaft nach dem Leben trachtet.
‚Namen aber gaben wir den Teufeln nur, um sie fortan rufen zu können.‘
Vom Autor in einer dichten poetischen Sprache erzählt und von den bildgewaltigen Illustrationen Sergej Schells unterstrichen, lässt die Odyssee des verstoßenen Teufels Leser und Betrachter bis zu ihrem unausweichlichen Ende immer wieder aufs neue staunen, schmunzeln und schaudern.
‚Vollkommenheit? Nein, die ist einem Teufel nie zu Eigen. Vielmehr muss er recht fehlerhaft geboren werden, um die rechte Missgunst für weniger Fehlerhaftes zu entwickeln…‘“

Ein Teufel mit einem Herz ist zu Recht eine Fehlbesetzung in der Hölle. Von der eigenen teuflischen Mutter verstoßen, spuckt ihn die Erde an die Oberfläche mitten in die Welt der Menschen. Aber er ist trotzdem ein Teufel. Mit Hörnern, einem Huf, langem Schwanz. Als Teufel nicht brauchbar, als Mensch aber ebenso wenig. Sterben geht nicht, den Tod bringen hingegen schon. Aber warum dieses noch, wenn es keinen höllischen Auftrag gibt? Ziellos macht er sich auf den Weg nach Irgendwo – mit gegebener nicht abstellbarer zerstörerischer Kraft. Er erlebt einige erotische Abenteuer von fulminanter Wucht. Die wunderschönen makellosen Gespielinnen des Todbringers sehen niemals wieder die aufgehende Sonne. Leidenschaften der Lenden, nicht des Herzens. Ein Teufel mit Herz… leidet. Episoden wie das Herumziehen mit einer Düsterschau, oder eine scheinbare Versteinerung werden begleitet vom einem rachedurstigen Beleidigten, der zwar den Grund vergisst, sein Ziel jedoch mühsam und stetig verfolgt. Bis ungemessene Zeit später der Teufel mit Herz zum Fundstück einer Gespielin mit Makel wird. Und zur Leidenschaft der Lenden gesellt sich die Leidenschaft des Herzens. Liebe. Nichts geht tiefer, nichts schmerzt mehr. Himmel und Hölle zugleich.

Höllenherz – ein Märchen? Eine Parabel. Das Ende wird selbstverständlich nicht enthüllt. Aber die Moral, die ich erkenne, möchte ich verraten. Der „schöne Schein“ blendet, er wärmt nicht. Eine schillernde Oberfläche lässt das Herz leer. Und so manch armer Teufel, der hier und heute den Vergnügungen der Spaßgesellschaft frönt, wird seine Erlösung darin wohl nicht finden.

Höllenherz. Zum wiederholten Male überrascht mich Christian von Aster mit seiner Phantasie, seinen Wortfindungen, seiner fast beschämend menschlichen Lebenshaltung und seinem faszinierenden und fesselnden Geschichtenaufbau. Die Kunst der Sprache verbunden mit klarem Blick und Herzenswärme – oder umgekehrt. Die Geschichten von Christian von Aster sind immer etwas Besonderes.

Edition Roter Drache
Hardcover, 64 Seiten, 12 €
ISBN 978-3-94642501-4

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