Hackedepicciotto & Martina Bertoni im UT Connewitz

Hackedepicciotto im Schauspielhaus Leipzig beim Wave-Gotik-Treffen 2019 (Foto: Marcus Rietzsch)
Hackedepicciotto im Schauspielhaus Leipzig beim Wave-Gotik-Treffen 2019 (Foto: Marcus Rietzsch)

7. März 2020

UT CONNEWITZ, LEIPZIG

„Das UT in Connewitz ist eine Bühne für Potential. Ein Ort mit sichtbarer Geschichte, der die Künste legitimiert. Als ältestes Lichtspieltheater Leipzigs führen zahllose kreative Spuren zu den hohen Emporen und dem tiefroten Vorhang in die Vergangenheit zurück. Ein Raum für Künstler, dankend angenommen und vielfach bespielt.
An diesem Abend traten drei Musiker auf, die ihre Darbietung dem Publikum offerierten. Danielle de Picciotto und Alexander Hacke folgten der Cellistin Martina Bertoni auf die Bühne.

Martina Bertoni ist eine besondere Vertreterin der Klassik, die ihr Instrument auf (Ab)wege führt, die bis in die Tiefen klangvoller atmosphärischer Musik reichen. Was man von einem Aufgebot an Künstlern erwartet, erschafft sie alleine auf der Bühne. Mit ihrer ruhigen und bodenständigen Präsenz verkörpert sie ihre Kunst freundlich und erhaben. Leichtigkeit vermittelt ihr handwerkliches Spiel, so gezielt und feinfühlig sie ihr Instrument umgreift, wo jeder Ton sitzt und sitzen muss. Martina Bertoni spielt in der Zukunft. Ihre getragenen Töne nimmt sie in Schleife auf, sie kehren an anderer Stelle wieder, ganz Teil eines Zeitspieles. Als kraftvolle, tiefe Klänge. Ihre Stücke sind eine Assoziation von Zeit, den Meerestiefen, der Tidengewalt in ihrem Rhythmus, welche sie unter Kontrolle hat und den Hörern präsentiert.

Die Zeit zerrinnt uns in den Fingern und auf ihren Saiten, bis der letzte tiefe Atemzug des Cellos im Theater verhallt. In Martinas erschaffenen Klängen tritt ein Duo ein, welches sich bereits Jahre zuvor einen besonderen Ruf erworben hat und unter beider Namen als „hackedepicciotto“ etwas Neues erschafft. Danielle de Picciotto („Space Cowboys“, „Das Institut“) ist Künstlerin, Musikerin, Autorin. Alexander Hacke nicht minder umtriebig im Leben, ist besonders bekannt für seine rhythmusgebende Rolle der Band „Einstürzende Neubauten“.

„The Current“ heißt ihr neues Werk und soll in seiner Äquivokation Veränderung anstoßen. Ein reißender Fluss, unberechenbarer Strom, über den ein jeder selbst die Kontrolle verfügen kann, im Hier und Jetzt. Der berühmt berüchtigte Hackesche Bass, der die Neubauten erst zum Einstürzen bringt, erzeugt als reine Kraft eine dominante Bedrohlichkeit, getragen von Danielles Erscheinen. In kraftvoller Eleganz, rezitierend mit einer Ausstrahlung, die ihre gemeinsame Musik trägt. Ruhig und in sich geschlossen. Alltäglich tönende Landschaften, industrielle Klänge, verwoben mit tragenden instrumental erzeugten Tönen, ergeben ein einzigartiges musikalisches Werk. Als Multi-Instrumentalisten, deren handwerkliches Können nicht vor Instrumenten Halt macht, sondern die Ebene der Klänge und Geräusche aufgreift und ausreizt, scheint die Beherrschung für Beide nur ein Mittel zur Erzeugung der Töne und Klänge zu sein, die ihr musikalisches Werk formen. Violine, Schalmei, Drehleier und Autoharp gehören zu Danielles Repertoire, mit Alexander am Schlagzeug und der Bassgitarre. Ihr vielfältiger Gesang, ihre Rhetorik und Darbietung umfasst eine differenzierte stimmliche und musikalische Technik, die Tonlagen und Gesangstechniken bis hin zum Kehlkopfgesang nicht auslässt. Abgestimmt und durchgetaktet tönt Alexander Hackes Stimme ins Mikrofon, während er mit einer Hand den Regler verschiebt und mit der anderen die Perkussion dirigiert. Sein Spiel auf der Gitarre reizt die gesamte Länge der Saiten aus. Es sind Texte, die prägnant und symbolisch eine klare Richtung formen, von Veränderung zeugen und immer wieder sagen, dass es einer bedarf. Zwei ebenbürtige Partner, die „hackedepicciotto“ zu einem mitreißenden, kraftvollen, sphärischen und entrückenden Strom werden lässt. Ihr gemeinsames Spiel ist ein bleibender Eindruck, in dem beide den Ton angeben, denn bekanntlich bedurfte es zweier, den Gedanken reifen zu lassen, aus dem Paradies zu fliehen.

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