Herbstnächte 2003

26. bis 28. September 2003

RABENSTEIN, BURG RABENSTEIN

Bruno Kramm sprach es während des Auftritts von Das Ich an: „Die Herbstnächte sind das letzte richtige Underground-Festival der schwarzen Szene“. Damit hat er wohl nicht ganz unrecht – einmal abgesehen von den kleinen regionalen Veranstaltungen. Nach der Ankunft bei strahlendem Sonnenschein am Freitag Nachmittag bekam man schnell den Eindruck, dass sich trotz des fünfjährigen Jubiläums kein großes Kommerzdenken in den Köpfen der Organisatoren breit gemacht hat. Im Gegenteil: u.a. wurde auf Park- oder Zeltplatzgebühren verzichtet. Unter diesem Idealismus litt aber keineswegs die Professionalität. Mit den Jahren hat man dazugelernt und für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Nur der Pakt mit Petrus hielt nicht ganz bis zum Schluss. Aber auch der Regen und damit verbundene Schwierigkeiten mit der Elektronik auf der kleinen Bühne wurden gemeistert. Das Programm wurde etwas umgestellt und die Auftritte der beiden verbleibenden Bands auf die Hauptbühne verlegt – vollkommen unkompliziert und mit der Gewissheit, das Beste aus der Situation gemacht zu haben.

Die Burg Rabenstein stellte eine ideale Location für die anstehenden Auftritte namhafter Bands und Newcomer aus dem Wave-, Electro-, Mittelalter- und Gothicbereich dar. Hier wurde im Gegensatz zu anderen Festivals auch viel Wert auf die optische Untermalung durch den gezielten Einsatz von Licht und Nebel gelegt. Die Bühnen waren in schwarz gehalten, um für die richtige Atmosphäre zu sorgen und das gelungene Gesamtbild abzurunden. Ein schöner Mittelaltermarkt vervollständigte die Szenerie der Burg und schaffte das passende Ambiente. Mit Speisen und Getränke wie z.B. verschiedene nicht alltägliche Obstweine, Crepes, Spanferkel und Rahmfleck (eine leckere Backware mit Käse oder mit Schinken und Käse) zu annehmbaren Preisen sorgte man für das leibliche Wohl der Besucher.

Genauso herrlich wie die Atmosphäre in der Burg stellte sich auch das Gebiet um die Burg dar. Der Naturschutzpark Fläming lädt zu ausgiebigen Erkundungsmärschen ein. In dem weitreichenden und relativ unberührten Waldgebiet vergisst man die Zeit, kann seinen Gedanken nachhängen und die Stille und spürbare Mystik genießen. Die Landschaft bietet dunkle hohe Wälder, fast undurchdringliche Schonungen, weite Felder, Wiesen, sanfte Hügel und darin eingelagert stille Dörfer, fast wie aus einer vergangenen Zeit…

Ebenso bieten sich Ausflüge in nahegelegene Ortschaften wie z.B. Belzig an, um Kirchen; Friedhöfe und andere schöne Bauwerke und Örtlichkeiten zu entdecken. Zeit für diese Aktivitäten, für Gespräche mit netten Menschen oder einfach nur zum Relaxen war reichlich vorhanden. Am Nachmittag standen Lesungen von u.a. Boris Koch, Pee Wee Vignold, Morpheus und Kaaja Houyda auf dem Programm. In der hohen Scheune mit ihrem wuchtigen Gebälk konnte hier ein ganz besonderer Zauber entstehen.

Das Lauschen schöner Klänge war dann jeweils ab dem frühen Abend angesagt, als die ersten Bands die beiden Bühnen betraten. So durfte man sich am Freitag u.a. über mittelalterliche, sehr trommelorientierte Klänge von Osiris Taurus freuen oder beim Auftritt von Faith and the Muse der Wirklichkeit entfliehen.

Eine positive Überraschung stellten am Samstag Kamikaze 52 aus Berlin dar. Die Musik, die ein wenig an Tura Satana erinnerte, ist zwar nicht unbedingt richtungsweisend und neu, aber allein durch die einzigartige Ausstrahlung der asiatischen Sängerin doch etwas überaus Besonderes. Sie zog mit ihrer Gestik und Mimik alle Blicke auf sich und lebte die harten Klänge aus. Um hier noch eines daraufzusetzen, holte man sich bei einem Song Unterstützung in Form von einigen Feuerkünstlern. Vor der Bühne wurde Platz geschaffen, trotzdem waren die ersten Reihen hautnah am Geschehen. Man musste doch etwas Vertrauen in das Können der Feuerartisten haben, schließlich wirbelten „Feuerbälle“ knapp an den Köpfen der Zuschauer vorbei.

Garanten für eine gute Livedarbietung sind Das Ich. Stephan Ackermann untermalte mit seiner „schizophrenen“ Mimik und Theatralik die tiefsinnigen Texte über Menschheit, Krieg und Tod. Ein Dämon, welcher der scheinheiligen Welt der Kirche und der Gesellschaft entgegen lacht und die Stirn bietet; ironisch auf die Szene und das Leben blickend. Mit sichtlichem Spaß und harten Beats brachten die Urgesteine aus Bayreuth die Fans zum Tanzen.

Beim ersten Auftritt am Sonntag stellte sich dann eine Frage: Warum hatte man bisher von der Gruppe Allgemeink-nkret noch nichts gehört? Gibt es diese Band doch schon seit vielen Jahren und musste man doch feststellen, dass hier etwas Besonderes dargeboten wird. Minimalistische Elektroelemente, die einem die 80er Jahre ins Gedächtnis brachten, ein Sprechgesang, der an die Ausdrucksweise eines Oswald Henke erinnerte, deutschsprachige Texte zwischen Melancholie und Euphorie, dazu ein bezaubernder weiblicher Gesang, Akustikelemente und sogar Bläserarrangements ergaben eine ganz spezielle Stimmung. Leider kam dann der Regen, so war der Genuss etwas getrübt. Nichtsdestotrotz sollte man sich den ungewöhnlichen Namen Allgemeinkonkret merken.

Zum Ausklang gab es dann – wegen der eingangs beschriebenen technischer Probleme ein wenig verspätet – noch ein absolutes Highlight. Die Letzte Instanz betrat die Bühne und bedankte sich für das Ausharren im Regen bei den knapp 300 Verbliebenen mit einem packenden Auftritt. Geiger Muttis Stolz schien noch mehr auf der Bühne herumzuwirbeln als sonst. Man fragt sich doch immer wieder, wie es ihm möglich ist, seinem Instrument dabei noch diese klaren melodiösen Töne zu entlocken. Aber auch seine Mitstreiter wollten ihm hier in nichts nachstehen und sprangen im Takt auf und ab. Brennende Ekstase schienen Sänger Robin Sohn und Cellist Benni Cellini zu beherrschen. Beide traten barfuß auf. Bei den mittlerweile doch ziemlich frischen Temperaturen eine tapfere Angelegenheit. Vor der Bühne das gleiche Bild: Das Publikum ließ sich mitreißen, sprang, tanzte und feierte zum Abschluß noch einmal ausgiebig, bevor sich mit einer vierfachen Feuerspuckeinlage die Herbstnächte dem Ende neigten.

Natürlich war dies nicht alles: Aus dem Angebot der weiteren Bands wie z.B. Bloody Dead And Sexy, Love Is Colder Than Death, Wolfenmond, Formfleisch, Scream Silence, The Last Dance, Diary Of Dreams, Down Below, End und On The Floor – um nur einige zu nennen – dürfte für jeden Geschmack etwas dabei gewesen sein.

Fazit: Wer weniger auf das Große steht, kurze Wege mag, gute Musik in einer passenden Umgebung hören möchte und Wert auf die kleinen Details legt, dem dürften die drei „Herbstnächte“ wieder einmal eine gute Zeit bereitet haben und die Vorfreude auf das nächste Jahr entfacht haben.

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