Herzschlag: Dolina + Lola Kumtus + Froe Char

Dolina

2. Juli 2016

BERLIN, ACUD MACHT NEU

Der Weg zum uns bis dato unbekannten Club mit dem ungewöhnlichen Namen „Acud macht neu“ führte an unzähligen kleinen Kneipen mit Fernsehapparaten und Leinwänden vorbei. Zahlreiche Fans, Sympathisanten und Interessierte verfolgten das Viertelfinalspiel der Fußballeuropameisterschaft von Deutschland gegen Italien. Vor dem anvisierten Ziel bildete eine große Lücke in der Häuserfront Raum für eine gemischte Zuschauermenge, die teils gespannt das Treiben auf dem großen Bildschirm beobachteten. Wir „kämpften“ uns durch die Massen in einen kleinen Hinterhof.

Der Alternative Kunstverein ACUD e.V. hat aus einem abbruchreifen Haus eine Heimat für verschiedene Kunstprojekte geschaffen. In dem Gebäude sind ein Kino, ein Theater, eine Galerie sowie Gastronomie und Büroflächen vorhanden. Ein augenscheinlich tolles Konzept, in dem sicherlich viel Arbeit steckt. Im Parterre finden wir einen kleinen Raum, der für Konzerte zur Verfügung steht. Hier sind wir richtig. Doch bevor die erste Musikerin die Bühne betreten sollte, musste noch das Ende des Spiels abgewartet werden. Mit Herzrasen erlebten die abwechselnd jubelnden deutschen und italienischen Enthusiasten die Verlängerung und das nicht endend wollende Elfmeterschießen, ehe endlich das Konzert beginnen konnte.

Die spärlich beleuchtete Bühne offenbarte sofort den alternativen Charme des Clubs bzw. der Veranstaltung. Lautsprecher wurden zum Teil von Bierkästen gestützt. Holzböcke mit Leimplatten trugen eine Vielzahl kleiner und mittlerer Gerätschaften mit Drehknöpfen und Steckern. Darüber „lagerte“ ein unüberschaubares Knäuel dünner Kabel. Auf dem Boden liegend wartete eine Gitarre auf ihren Einsatz. Ein verwirrender Eindruck.

„Froe Char“, das Soloprojekt von Klangtüftlerin Christina (einer Hälfte des französisches Duos „Illustration Sonore“), stellte dem Hauptstadtpublikum Teile ihres 2013 erschienen Albums „Fossil“ und ihrer EP „Foreigner Skin“ (2015) vor. Hochkonzentriert und flink huschten die Finger der jungen Dame über die Tasten und Knöpfe, um Klangwelten zwischen Minimal, Dark Noise und Techno zu erzeugen. Rasant jagten sich die Beats. Und auch die Gitarre kam zum Einsatz: Mit einen Drumstick wurde dem Saiteninstrument Töne abgerungen. Den vielen kleinen „Kästchen“ entlockte sie teils ungewöhnlich Klänge, was das Konzert zu etwas Besonderem machte. Wobei wir einhellig der Meinung waren, dass mehr „Personal“ dem Auftritt gut getan hätte. So konnte sich Christina dem Ausdruck ihrer Songs nicht voll widmen. Trotzdem gab es selbstverständlich den wohlverdienten Applaus.

Die Umbaupause bewegte sich in einem überschaubaren Rahmen und wurde mit sehr angenehmen Klängen aus der Konserve kurzweilig überbrückt, ehe das Duo „Lola Kumtus“ aus Finnland ins Rampenlicht trat. Das Duo – deren Pseudonyme an die Geschlechtsdetermination durch Chromosomen angelehnt sind – verschwendete keine Zeit und riss das Publikum schnell mit. Obwohl „XX“ mit entzückender Weiblichkeit die Blicke auf sich zog, stand Sänger „XY“ im Mittelpunkt. Mehrmals griff er sich die frei stehende Nebelmaschine, um seine Partnerin und die Klangerzeuger tatkräftig per Knopfdruck hinter einem Schleier kurzzeitig verschwinden zu lassen. Jedoch brillierte der junge Herr nicht nur mit unbändigem Temperament, sondern ebenso mit einer klaren kräftigen Stimme. Dazu gesellten sich packende, synthetische, stellenweise experimentelle Klänge, die in Füße und Beine fuhren. So bedankten sich die Anwesenden mit kräftigem Beifall. Via Facebook bat der Sänger später für einen „Mangel an Intensität“ um Entschuldigung. Schuld sei Fieber gewesen. Wir haben den Auftritt durchaus als intensiv wahrgenommen und sind nun sehr neugierig, wie sich sein Temperament noch steigern lässt. Die nächste Möglichkeit, ein Lola-Kumtus-Konzert zu besuchen, werden wir sicherlich nutzen.

Zum Abschluss des Konzertabends folgte der Hauptgrund, das „Acud macht neu“ an jenem Abend zu besuchen: Dolina. Mit einer aufregenden Stimme zog uns Dolina sofort in ihren Bann. Obwohl auch hier viel Energie in das Drehen von Knöpfchen und das Drücken von Tasten einging und die stimmliche Präsenz nicht voll ausgelebt werden konnte. Normalerweise Kopf eines Trios, für jenen Auftritt aber nur zu zweit angereist, hatte die namensgebende Frontfrau alle Hände voll zu tun. Ein kleines elektronisches Schlaginstrument, welches leicht hallend reagierte und die phantasievollen Kompositionen waren eindrucksvoll und gingen unter die Haut. Kühle, melancholische Balladen, an die 80er Jahre anklingend, drangen wabernd in Ohre und Beine. Der gut gefüllte Raum zeigte sich begeistert.

Wenn der Raum nicht so verqualmt gewesen wäre, hätten wir sicherlich an den anschließenden, von DJs gelieferten Klängen noch länger unsere Freude gehabt. So füllten wir im Innenhof aber unsere Lungen mit Sauerstoff und gönnten unseren tränenden Augen eine längere Pause. Leider ein kleiner Wehrmutstropfen, trotzdem hat sich der Ausflug vollends gelohnt. Unsere Nacht endete im frühen Morgengrauen, während die Drosseln bereits ungeniert lärmten…

Text: Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch
Fotos: Marcus Rietzsch

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