Nosferatu – Stummfilmabend zur Erinnerung an F. W. Murnau

16. Juli 2016

STAHNSDORF, SÜDWESTKIRCHHOF

Der Gruselklassiker der Stummfilmzeit, „Nosferatu“ von F. W. Murnau, aufgeführt in der Kapelle des Südwestkirchhofs Stahnsdorf unweit der letzten Ruhestätte des Regisseurs – könnte es einen passenderen Ort geben?

Ursprünglich angelegt wegen der Platzknappheit in Berlin hatte die Geschichte andere Pläne und der „Kalte Krieg“ brachte mit der Mauer einen Dornröschenschlaf über den Südwestkirchhof Stahnsdorf. Nach der Wende war es die reine Freude, diesen völlig verwilderten „Garten“ zu durchstreifen. Aufwändige Restaurierungsarbeiten an Mausoleen haben in der Zwischenzeit die vielfältige Schönheit der ansehnlichen Grabstätten wieder zum Strahlen gebracht. Die Wege lassen sich mittlerweile beschreiten, ohne sich durch Äste und Gebüsch kämpfen zu müssen. Der märchenhafte Zauber beim Entdecken zwischen mächtigen Baumstämmen einzeln aufrecht stehender Grabsteine oder im Moos versunkener kleinerer Steine, deren Inschrift kaum zu erahnen ist, lässt den Besucher nicht los. Die schmalen Pfade münden auf breite Alleen. Aufgrund der Weitläufigkeit des Geländes des zweitgrößten Friedhofs in Deutschland begegnet man nur ab und zu anderen Menschen. Ansonsten darf man diese Oase der Ruhe für sich alleine genießen. Wer an diesem Ort keine Romantik verspürt, ist ein nicht zu rettender Materialist. Die Kapelle aus Holz nach norwegischem Vorbild ist wundervoll hergerichtet. Die durch die Jahrzehnte ungehindert einwirkende Witterung entstandenen Schäden sind nicht mehr zu sehen.

Und so waren wir uns einig: Für die Aufführung des Gruselklassikers der Stummfilmzeit, „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“ von F. W. Murnau, können wir uns kaum einen passenderen Ort vorstellen. Zudem der Regisseur unweit einst seine letzte Ruhestätte fand.

Nach einem längeren Streifzug über den Friedhof fanden wir uns somit bei der Kapelle ein. Ausnahmslos ehrenamtlich Mitwirkende boten Speisen und Getränke an. Der selbstgebackene Kuchen schmeckte lecker. Auf den bereitgestellten Bänken nahmen zahlreiche Gäste Platz. Unabhängig davon, ob sie einer Führung folgten, einen Spaziergang unternahmen oder einen der beiden an diesem Tag gezeigten Stummfilme (am Nachmittag lief bereits „Sunrise – Lied von zwei Menschen“) sehen wollten – das liebevoll organisierte „Catering“ wurde gerne angenommen.

Die schlichte Schönheit des Bauwerks und die Wärme des Holzes strahlen Gemütlichkeit aus. Die kleinen Fenster vermitteln so etwas wie Bauernhaus-Stil. Den schweren Kirchenbänken wurden Stühle zur Seite gestellt. Sogar neben der kleinen Orgel auf der Empore fanden einige Besucher Platz.
Mit anderen Worten: Die Abendveranstaltung war „ausverkauft“. In den letzten Jahren hat sich die Einstellung der Lebenden zum Friedhof wohl gewandelt. Neben Trauer ist an jenen Orten Besinnlichkeit zu finden. Und das Lebendige ist so weit nicht vom Tod entfernt. Die Vereinigung von Beidem zeichnet den neuen Umgang mit Friedhöfen aus: Werden und Vergehen, Lachen und Weinen sind die zwei untrennbaren Seiten des Lebens. Und so trank man vor und nach der Vorstellung seinen Kaffee oder aß ein Stück Kuchen mit dem Blick auf Mausoleen und Grabsteine auch ohne Tränen in den Augen. Ein sehr schönes Miteinander. Können Verstorbene mehr Ehre erfahren als die Gesellschaft von Menschen, die sich bei ihnen wohl fühlen?

Ehe „Nosferatu“ startete, hielt der Sprecher des Fördervereins, Olaf Ihlefeldt eine kurze Einführungsrede. Seine Begeisterung für den Kirchhof sprach aus jedem seiner Worte. Mit den vielen Ehrenamtlichen stemmt der Verein u. a. die Wiederherstellung von Mausoleen. Zu besonderen Anlässen werden Gruften beleuchtet und zugänglich gemacht. Anschließend stellte er den „Begleitmusiker“ Carsten-Stephan Graf von Bothmer vor. Dieses Temperamentsbündel ohnegleichen machte allein durch sein Auftreten großen Eindruck. Mit kindlicher Freude, ungezügelter Leidenschaft, ohne „Starallüren“ sprach er über Details zum Film. Überaus interessante und mitreißende Erläuterungen.

Zugegeben: Der Name Carsten-Stephan Graf von Bothmer und seine „Arbeit“ waren uns bisher nicht geläufig. Doch es dauerte nicht lange, ehe wir vom besonderen Talent dieses Musikers überzeugt waren. Seine Kreativität gleicht einem aktiven Vulkan – explosiv und exklusiv.

Wie bei Stummfilmen üblich trugen Texteinblendungen zum Verständnis der Erzählung bei. Und auch wenn diese teilweise in Sütterlin gehalten wurden – was in der Kürze der Zeit schwerlich komplett zu Entziffern war – erschloss sich selbstverständlich die Handlung allein aufgrund der Bilder. Die Mimik und Gestik des Theaters der damaligen Zeit mag sich an moderne Sehgewohnheiten reiben – aber nur so können das Geschehen und die Gefühle auf der Leinwand ohne Worte verstanden werden. 90 Minuten Dramatik. Max Schreck als Nosferatu – unheilvoll, melancholisch, düster und doch auch traurig. Eine geniale Verkörperung des Grafen Dracula. Wahrscheinlich unerreicht.
Gekrönt wurde die Darbietung des Films aber von der musikalischen Begleitung. Wie in alten Zeiten. Da sitzt ein Musiker vor Tasten und Pedalen und setzt seine Gefühle, die er beim Betrachten des Films empfindet, in Melodien und Klänge um. Phantastisch! Sanft perlende Flächen bei liebevollen Umarmungen. Jagende Hektik, wenn Kutschen und Pferde durch wilde Landschaften ziehen. Unheilschwanger, wenn Schreck sich an Deck des Schiffes aus dem Sarg erhebt. Dass man einen Stummfilm so intensiv erleben kann… einfach grandios. Ferner entlockte Carsten-Stephan Graf von Bothmer der Orgel stellenweise Töne, die man einem anderen Instrument zugeordnet hätte.

Wir waren hellauf begeistert und schlossen diesen Abend mit dem Besuch einiger Mausoleen ab, deren Beleuchtung in der mittlerweile eingetretenen Dunkelheit mystisch wirkte.

Text: Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch
Fotos: Marcus Rietzsch

» Carsten-Stephan Graf von Bothmer
» Förderverein Südwestkirchhof Stahnsdorf e.V.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.