Hieronymus Bosch. Visions Alive

6. Juli 2016 - 18. Juni 2017

BERLIN, ALTE MÜNZE

Anlässlich des 500. Todestags von Hieronymus Bosch wurde eine multimediale Ausstellung kreiert. Die Worte auf dem werbenden Faltblatt – „bildgewaltig, rätselhaft, phantastisch“ klingen „reißerisch“ und der Skeptiker geht von einer Übertreibung aus. Aber nein: Die Beschreibung ist keineswegs übertrieben.

Der auf der Internetseite zur Ausstellung ersichtliche Text fasst die wichtigsten Daten und Informationen perfekt zusammen:

Das Jahr von Bosch in Europa
Das Jahr 2016 in Europa wurde zum Jahr von Hieronymus Bosch erklärt. Gestaltet wurde es zum Gedenken an einen der meist rätselhaften Maler in der Geschichte der westlichen Kunst, der vor 500 Jahren im August 1516 verstorben ist. Dafür werden in der Heimatstadt des Malers ‘s-Hertogenbosch (Niederlande), in Madrid, Venedig und anderen Städten Europas großzügige Ausstellungen mit Bildern von Bosch selbst und auch von den modernen Künstlern, die unaufgeklärte Symbole und Geheimnisse der Kunststücke des herausragenden Künstlers der nördlichen Renaissance beinhalten, gezeigt.

Professor der Alpträume
‚Bewundernswerte und merkwürdige Fantasien… öfter übel als furchtbar‘, hat ein anderer Holländer, Karel van Mander, der ein Zeitgenosse des Malers und der Autor von Schilder-Boeck (Maler-Buch) war, über die Bilder von Bosch geurteilt. Merkwürdig, unverständlich, erschreckend – diese Beiwörter werden am meisten für die Kunststücke von Bosch benutzt. Sämtliche Aberglauben und Ängste, welche einen mittelalterlichen Menschen quälten, verkörperte er in seinen Werken. Nicht umsonst ist das Bild ‚Der Garten der Lüste‘, welches das Menschenvolk darstellt, das in einer Falle seiner Sünde gefangen ist, und den Zeitgeist hineinsaugt, zum Symbol des Mittelalters geworden.

Das Erbe
Bosch sind ungefähr 30 Kunststücke zugeschrieben, aber unterzeichnet sind von ihm nur sieben davon. Kein Bild hat den Namen, welchen Bosch selbst verliehen hat. Sämtliche Namen für die Bilder wurden später von den Forschern der Kunststücke von Bosch gegeben. Über sein Leben ist noch weniger bekannt – er entstammte einer eingeborenen Malerfamilie, hat vorteilhaft geheiratet, hatte keine Kinder, bestand in der religiösen Bruderschaft Unserer Lieben Frau. Wer ist eigentlich Hieronymus Bosch? Einige bezeichnen ihn als Surrealist und nennen ihn ‚Ehrenprofessor der Alpträume‘. Andere behaupten, dass in seinen Werken die Geheimnisse der Alchemisten, Astrologen und Zauberer derjenigen Epoche verschlüsselt werden. Dritte zählen den Künstler zu den Irrgläubigen, Mitläufern der verbotenen Sekten, obgleich wohl bekannt ist, dass Bosch ein sehr religiöser Mensch war.

Über die Ausstellung
In den Räumen der Ausstellung ‚Hieronymus Bosch. Visions Alive‘ bemühten sich die Organisatoren, sämtliche vorhandenen Informationen über das Leben und die Kunststücke von Bosch zu sammeln, einschließlich der phantastischsten Versionen. Der Multimedia-Teil ist ein echter Karneval der furchtbaren und gleichzeitig attraktiven Gestalten des Malers. Man kann endlos diese Schattenspielwelt mit dem schleimigen Geschmeiß, den dickbäuchigen Ungeheuern, Fischen mit menschlichen Beinen, Leuten mit Fässern statt der Bäuche, spinnenförmigen Wesen betrachten. Nach der Anmerkung von dem Kunsthistoriker Lew Ljubimow: ‚Der Ekel paart sich dort mit dem Ekel und in dieser ekelhaften Kombination wird er auf einmal unheimlich attraktiv. Dieser Ekel, diese Ausgeburt der stinkenden Moraste, der dunklen faulen Innereien scheinen einfach lustig, sogar gemütlich – solche offenherzige innere Freude in den Werken des Künstlers und so erstaunlich ist die Malerei selbst!‘

Autor der Ausstellung
Das Unternehmen ‚Artplay Media‘ entwickelt und realisiert die Ausstellungsprojekte in den modernen Multimedia-Formaten. Die Technologien, die bei der Entwicklung der Ausstellungen verwendet werden, beinhalten mehrkanalige Animationsgrafiken, dutzende moderne Beamer der höchsten Auflösung, riesengroße Bildschirme und den Surround-Sound. Früher hat das Unternehmen solche populären Ausstellungen wie ‚The Great Modernists‘ und ‚Michelangelo. Schöpfung der Erde‘ veröffentlicht.“

Der Name „Bosch“ ist abgeleitet von ’s-Hertogenbosch, seinem niederländischen Geburtsort. Ursprünglich hieß der geheimnisvolle Künstler Jheronimus van Aken. Die aus Aachen stammende Familie betrieb eine Malerwerkstatt, in welcher mehrere Familienmitglieder tätig waren. Wohl deshalb wählte sich Hieronymus einen Teils des Namens seiner Geburtsstadt als seinen eigenen. Und er dürfte wohl einer der rätselhaftesten bekannten Maler sein. Verrückt, bizarr, surrealistisch – Phantasien gebannt, die man selbst nie hätte träumen können. Man vermutet versteckte Codes der damaligen „Wissenschaften“ von Astrologen, Alchimisten und Zauberern. Seine Endzeit-Visionen wurden zur Inspiration nachfolgender Künstlergenerationen – Surrealisten, Dadaisten, Musiker. Und nun diese lebendige Vision…

Der Weg führt durch schwarze, blick- und lichtdichte Vorhänge in einen Vorraum. Dieser ist rundherum mit informativen Schrifttafeln bzw. Monitoren versehen. Eine Galerie mit Portraits oder Symbolen aus der Lebenszeit von Hieronymus Bosch geben einen guten Einblick in die Zeit der Renaissance. Zwei multimediale Stationen sind dicht umlagert. Hier lassen sich Gemäldedetails inklusive Deutungsversuche aufrufen. Doch unsere Neugier ist zu groß (hatte doch ein gewisser Herr Christian von Aster – seines Zeichens ein großartiger Wortakrobat – in höchsten Tönen dieses Ereignis gelobt) und so sollte die „Theorie“ warten.

Im nächsten kleinen Raum warten rundherum Projektionen von Gemäldedetails auf uns. So hat man das noch nie gesehen! Die Gemälde an sich bestehen aus so unzähligen Details, dass man sich kaum darauf konzentrieren und einlassen kann. Hier schweben sie groß in leuchtender Farbigkeit. Gebannt – nicht nur mit den Augen, auch die Füße scheinen festgeklebt am Boden – steht man in dieser Rundum-Installation. Ungeheuer, die Konglomerate aus vielen Dingen sind. Mischwesen. Albtraumhafte Kreaturen. Wilde Tiere und Menschen, die wie Schemen wirken. Verwachsene Musikinstrumente. Es bewegen sich Vögel, etwas hüpft, Blätter regnen… etwa eine halbe Stunde stehen wir wie erstarrt und können uns nicht aus der Faszination lösen. Schwebende Bilder, immer in Bewegung. Die begleitende Musik nehmen wir zu diesem Zeitpunkt nur als Randnotiz wahr.

Endlich löst sich die Blockade und wir nähern uns vorsichtig dem nächsten Raum. Unsere Kinnladen geben der Schwerkraft nach. Ein großer Raum mit diversen Sitzgelegenheiten: einige Stühle und Bänke laden zum Verweilen ein. Und: Sitzsäcke. Oder besser: Liegesäcke. Eine Einladung, die wir nicht ausschlagen können. Nachdem wir uns niedergelassen haben, verlieren wir uns vollständig. Über die langen Projektionswände tanzen die Bilder, um dann neuen Einzelheiten Platz zu machen. Nun nehmen wir auch die teils sphärische, träumerische und kirchliche Musik wahr. Die gemalten Halluzinationen und deren perfekte klangliche Untermalung lassen uns gewissermaßen entrücken und der realen Welt abhandenkommen. Etwa eine halbe Stunde währt ein „Durchgang“, ehe die gewaltigen Bildwelten von neuem starten. Trotz Wiederholung können wir uns nicht lösen.

Bei jeder „Vorführung“ entdecken wir neue Details. Nein, wir finden keine Erklärung, keine Deutung. Wispernd versuchen wir, das Eine oder Andere zu „erkennen“. Auch nach wiederholter intensiver Betrachtung lichtet sich in unseren Köpfen nichts. Dies ist aber nicht ärgerlich. Es ist einfach etwas Wunderbares, wenn Bilder, Bewegung und Musik eine solch betörende Einheit bilden. Ein an einem Haken schaukelnder Schlüssel – das leise Quietschen, welches man nicht nur erahnt, sondern auch deutlich hört – ist nur eines der vielen Details, die uns nachhaltig beeindrucken. Toll. Es gibt so viele Deutungen, von Höllenqualen für Sünder, Versuchungen und Gefahren der Lüste. Doch die Liebeszenen wirken kaum erotisch. Ob all die gemalten Schrecken den Bürgern der damaligen Epoche wirklich Angst gemacht haben? Das Mittelalter war einen dunkle Zeit.

Wir lassen das Bildhafte über die Augen ins Hirn fließen und durch die Ohren sickern die unglaublich stimmigen Töne. Wir sind mittendrin, schwimmen im unteren Rand, der wie Wasser wirkt und werden Teil dieser Visionen. Hier zählt nicht der Kopf, sondern vielmehr der emotionale Zugang.

Kurz vor Schließung – wir befinden uns nun annähernd drei Stunden in dieser (Alp)traumkulisse – sind wir die Vorletzten, welche sich mit Bedauern aus dem Bosch-Tempel lösen. Ohne dieser rätselhaften Landschaften überdrüssig geworden zu sein.

Die Ausstellung ist barrierefrei, ein kostenloser Audio-Guide für Smartphones wird angeboten. Der Altersangabe – geeignet für Kinder ab 6 Jahre – wollen wir uns nicht anschließen. Erwachsene verstehen das Gesehene kaum, wie sollten diese dann die Fragen eines Kindes beantworten?

Noch bis Ende Oktober sind diese Visionen in Berlin zu erleben. Genug Zeit, um sich frühzeitig einzufinden, einen Sitzsack zu ergattern und den Tag dort zu verbringen. Vielleicht mit Thermoskanne und Stullenpaket. Zeit zum Träumen muss man sich eben nehmen.

Text: Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch
Fotos (aufgenommen in Moskau): ARTPLAY Media/BOSCH.Visions Alive

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