Laibach präsentierten Also Sprach Zarathustra

20. November 2017

BERLIN, KESSELHAUS

Einem unaufhaltsam und bedrohlich näher kommenden Kampfflugzeug gleich schwollen die Klänge des ersten Titels „Von den drei Verwandlungen“ an. Die Besucher des proppenvollen Kesselhauses in Berlin bekamen einen ersten Eindruck, was sie in den nächsten etwa 1 1/2 Stunden zu erwarten hatten. Experimentelle, teils minimalistische, dunkle Klangkollagen. Nahtlos ging diese musikalische Einleitung in den „Untergang“ über. Beinahe andächtig schienen die Anwesenden den im typischen Bariton und hartem, osteuropäischen Akzent von Milan Fras vorgetragenen Worten zu folgen.

„Der Mensch
ist kein Zweck
ein Übergang
und ein Untergang

Der Mensch
ist gegen sich selber
das grausamste Tier
dunkel ist die Nacht
ich will meinen Untergang“

In Berlin präsentierten Laibach eine Vertonung von „Also sprach Zarathustra“, die anlässlich einer Theaterproduktion des Anton Podbevšek Theaters in Nove Mesto entstanden ist.

Laibach sind nicht die ersten, die sich diesem Thema musikalisch genähert haben. Bereits ein knappes Jahrzehnt nach der Veröffentlichung von Friedrich Nietzsches Hauptwerk mit dem Untertitel „Ein Buch für Alle und Keinen“ hat sich Richard Strauss 1896 der philosophischen Publikation in Form einer sinfonischen Dichtung angenommen. Es folgten weitere musikalische Interpretationen von Gustav Mahler und Frederick Delius.

Nietzsche und Laibach – das passt. Wie der deutsche Philosoph den Lesern seiner Bücher, verlangt das slowenische Künstlerkollektiv seiner Hörerschaft einiges ab. Dafür werden sie verehrt und geschätzt. Und ebenso wie Nietzsche ist die Band als auch die Deutung ihrer Werke umstritten. Wurde der Philosoph und sein Begriff „Übermensch“ vom Nationalsozialismus instrumentalisiert, sollen sich die slowenischen Künstler auch fast vier Jahrzehnte nach Gründung für das künstlerische Spiel mit Symbolik und das teils martialische Auftreten wiederholt rechtfertigen und erklären.

Eine tiefgründige Auseinandersetzung ist unerlässlich, um Laibachs Kunst zu erfassen. Doch auch ohne Nietzsches Werk – das wichtige Punkte seiner Philosophie wie Gottes Tod, den bereits erwähnten „Übermensch“ und den Willen zur Macht enthält – in Gänze zu kennen, kann die Darbietung beeindrucken. Einzelne Worte und Sätze, Bilder und Gesten verbunden mit den schmerzhaften und beunruhigenden Klangkollagen riefen verschiedene Gefühle hervor und stimulieren die eigene Gedankenwelt.

Verstärkt durch Projektionen an drei Leinwände und die Hallenwand wirkte die Klangerzeugung mittels langer Messer und der Kombination von Geigenbogen und E-Gitarre beklemmend.

Streicherarrangements, sanfte elektronische Töne und Mina Špilers in diesem Moment zerbrechlich wirkende Stimme ließen den Abschluss des ersten Konzertteils bestehend aus zehn Titel vom Also-sprach-Zarathustra-Album hingegen fast „versöhnlich“ erscheinen.

„Oh Himmel über mir, du Reiner! Tiefer! Tiefer!
Du Licht-Abgrund!
Du bist meine Reinheit,
Mein Glück vor Sonnen-Aufgang
Du bist meine Höhe
Oh Himmel über mir
Du Schamhafter!

Hier kommt die Sonne, die Sonne hell
Oh Himmel in der Nacht, du Feiner, Tiefer! Höher!
Ich weiß es schon
Du willst mich los sein;
Schon kommt die Morgendämmerung
Du bist meine Freiheit
Oh Himmel über mir
Du, Verschwinder

Hier kommt die Sonne, die Sonne hell
Hier kommt die Sonne, die Sonne hell
Die Sonne hell“

Es folgte ein spannender Ausflug in die mittlerweile 37jährige Bandgeschichte, der u. a. Titel wie „Ti, ki izzivaš”, „Wirtschaft ist tot“ oder „Anti-Semitism“ enthielt. Manches Stück wurde hierfür neu arrangiert. Mit einem kraftvollen Finale bestehend aus „Bossanova“ und dem grandiosen Blind-Lemon-Jefferson-Cover „See That My Grave Is Kept Clean” wurden die zufrieden wirkenden Anwesenden in die Berliner Nacht entlassen.

Fotos: Marcus Rietzsch

TITELLISTE

Von den drei Verwandlungen
Ein Untergang
Ein Verkündiger
Von Gipfel zu Gipfel
Das Glück
Die Unschuld II
Das Nachtlied II
Das Nachtlied I
Als Geist
Vor Sonnen-Aufgang
Parnassus
Cold Song
Anti-Semitism
Brat Moj
Hell: Symmetry
Le Privilege Des Morts
Ti, ki izzivaš
Wirtschaft ist tot
Bossanova
See That My Grave Is Kept Clean

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