Leidenschaftlicher Protest: Algiers – Live in Berlin

Algiers

17. September 2019

LIDO, BERLIN

Auf der Bühne stehen Keyboard, Schlagzeug, Gitarre, Bass und Synthesizer. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt Ungewöhnliches. Eine schwere Kette mit dicken Gliedern beispielsweise. Oder einen Gitarrenkorpus mit zwei Spiralen anstelle der üblichen sechs Saiten. Oder einen Cellobogen und ein frei stehendes Becken. Am 17. September erwartete die Besucher des noch Platz bietenden Berliner Lidos alles andere als ein konventionelles Rock-Konzert, das sich in eine musikalische Schublade einordnen lässt.

Nachdem der Support „Partner“ und der mit hörenswertem Indie Rock ein Ausrufezeichen setzenden Special Guest „Tusks“ den Abend eröffnet hatten, platzierten die teils konzentriert, teils gelöst wirkenden Musiker aus Atlanta (USA) ihre Instrumente. Während die hypnotisierenden wie bedrohlich anmutenden Klänge des in Endlosschleife eingespielten Instrumentalstücks „Our Collective Spirit Is a Hammer to Crush the Oppressors‘ Skulls” den Raum füllten, betrauerte Frontmann Franklin James Fisher das Verschütten seines Drinks und richtete ein paar launige Worte an das schon während des Soundchecks aufmerksame und gespannte Publikum.

Als die Bühne in blauviolettes Licht getaucht wurde und die Musiker den Song „Animals“ mit enthusiastischem rhythmischen Klatschen einleiteten, sprangen der Funke und die Energie umgehend über. Ein fesselnder, beinahe ritueller Start, der viel versprach und noch mehr hielt. Die Leidenschaft und Hingabe, mit der die Stücke präsentiert wurden, hätte kaum größer sein können. Franklin James Fisher wirbelte zwischen Pianostuhl und Mikrofonständer herum. Soweit es die knappen Platzverhältnisse auf der Bühne zuließen, lebte auch Ryan Mahan (Synthesizers, Backgoundgesang und Bass) seinen Bewegungsdrang aus. Äußerst faszinierend, mit welcher Dringlichkeit, mit welchem inneren Feuer die „Klagelieder“ vorgetragen wurden. Die Musiker ließen keinen Zweifel an der Wichtigkeit der dargebotenen Stücke. In dem elektrisierenden Hybrid aus Post Punk, Soul, Gospel, Rock und Blues schwang viel Protest und Wut mit. Wut auf Rassismus, Unterdrückung und die negativen Auswirkungen des Kapitalismus.

„Four hundred years of torture
Four hundred years a slave
Dead just to watch you squander
Just what we tried to save
Now death is at your doorstep
And you’re still playing games
So drown in entertainment
Cause all our blood is in vain”

(aus Blood)

Das erwähnte rhythmische Klatschen und die stellenweise ungewöhnliche und überaus passende Klangerzeugung, aber vor allen Dingen der mehrstimmige, an Work- und Prisonsongs erinnernde Gesang verstärkten die Aussagen der Lieder um ein Vielfaches.

„How hate keeps passing on
This is how the hate keeps passing on”

(aus Death March)

Für den einen oder anderen Gast entwickelte sich der Abend zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. So gab sich mancher Besucher den mitreißenden Rhythmen der experimentellen und hochemotionalen Mischung ausgelassen hin. Nicht verwunderlich, dass die Band nicht ohne Zugabe in die Nacht entlassen wurde. Das beschwörende und lange von Franklin James Fishers Pianospiel und Gesang getragene Stück „Hymn for an Average Man“ und das lärmende, erstaunlich punk-rockige „Void” bildeten den Abschluss eines großartigen Konzerts.

Setlist:
Our Collective Spirit Is a Hammer to Crush the Oppressors‘ Skulls (von CD)
Animals
Black Eunuch
Cleveland
Walk Like a Panther
There Is No Year
Old Girl
We Can’t Be Found
Irony. Utility. Pretext.
The Cycle / The Spiral: Time to Go Down Slowly
Cry of the Martyrs
The Underside of Power
Blood
Death March
Zugabe:
Hymn for an Average Man
Void

Fotos: Marcus Rietzsch

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