Nocturnal Culture Night 2013

Das war es nun wohl mit dem Sommer für dieses Jahr. Am Festival-Samstag widmete man sich noch ganz dem Suchen schattiger Plätze. Der Sonntag tröpfelte hingegen vor sich hin – ließ sich allerdings von heftigen Regengüssen abhalten. Nur die letzte Band „Camouflage“ sah sich dann einigen Regenschirmdächern gegenüber. Was der Begeisterung aber keinen Abbruch tat. Dem kleinen Band-Lebenslauf lauschend war die Hörergemeinschaft vom ersten bis zum letzten Titel enthusiastisch dabei. Ein „Ur-Gestein“, das bereits seit Anfang der 1980er Jahre aktiv ist – und immer noch sehr beliebt, wie der Beifall deutlich bewies.

Aber zum Anfang: Der frühe Vormittag des Freitags war von der Anreise der Händler erfüllt. Erste Bands trafen ein. Überall wurde gewerkelt, aufgebaut, ausgepackt. Erste Tonproben waren zu vernehmen. Die Organisatoren per Dauerlauf im Dauerstress.

Auch wir waren fleißig, beschränkte sich unser Aufgabenbereich diesmal doch nicht auf den Bereich der Berichterstattung. Der Bildband mit dem Titel „Schon unser Heut ein Gestern ist“ sollte erstmalig in Form einer Ausstellung präsentiert werden. Gezeigt wurden Fotoaufnahmen und individuell gestaltete Zitate zum Zauber des Verfalls.

Seltsam gestaltete sich die Parkplatzzuordnung. Chaotische Sortierung wäre eine noch schmeichelhafte Beschreibung. Was sich dann auch im Verlauf des Festivals herausstellte: wiederholt wurde nach Autobesitzern „gefahndet“, die ihr Fahrzeug umsetzen mussten, um anderen den Weg nach Draußen zu ermöglichen.

Doch während die ersten Bands die Bühnen betraten, war dies vergessen und es zählte nur noch die gute Stimmung der immer zahlreicher zuströmenden Gäste.

Ein kleines Herbstfestival, mit kleinen Pannen und großer familiärer Stimmung. Familie im wahrsten Sinne des Wortes: diverse Kinder in verschiedenen Größen tummelten sich auf dem Gelände. Teilweise sich schon richtig professionell bewegend. Mini-Fotografen mit einem Blick für das perfekte Bild. Erstaunlich. Und erfreulich. Ebenso wie das überwiegend vorherrschende augenfreundliche Schwarz.

Vermisstenanzeige: Feuershow, Tänze auf dem Mittelaltermarkt… Ansonsten verblieb uns das jährliche Ritual: die leckere heiße Schokolade auf dem Mittelaltermarkt. Die kulinarische Versorgung schien hingegen vielseitiger geworden zu sein. Angenehm: das um Knoblauchbrot erweiterte Angebot. Überaus köstlich.

Steinmäuerchen, Bänke, Zierpflöcke und Wiese boten Möglichkeiten, Rücken und Beine auszuruhen. Was auch reichlich in Anspruch genommen wurde. Denn Musik konnte man ja trotzdem genießen. Ruhe- und Bewegungsphasen gingen so nahtlos ineinander über. Das ist wohl das Besondere am Kulturpark Deutzen. Alles eng beieinander und doch Raum genug zum Ausweichen.

Auf der Kulturbühne – insgesamt bietet das NCN-Festival drei Bühnen – wechselten sich Lesungen, Modenschau und „ruhigere“ musikalische Darbietungen ab. Dazu fand hier die erwähnte Fotoausstellung ihren Platz. Leider bot die Kulturbühne für „Widukind“, die im vergangenen Jahr krankheitsbedingt absagen mussten, keinen optimalen Rahmen. Der Auftritt mit Anonymus-Masken war beeindruckend, aber zeitweise beeinträchtigt vom Soundcheck auf der kleinen Bühne nebenan. So waren „Widukind“ diesmal zwar anwesend, jedoch ziemlich Lärm-bedrängt.

#36 -- Widukind

 
Wie eine Geschichte schauspielerisch gestaltet kam die Modenschau von „Eve Couture“ allgemein gut an. Vor allem wohl wegen der laufstegbeschreitenden Damen. Ein Augenschmaus mit Augenzwinkern.

Die Texte von Sara Noxx – zwischen provozierend und nachdenklich – konnten leider nicht besonders viel Publikum fesseln. Der Vorteil dadurch war der persönliche Kontakt zu den Ausharrenden. Die Klänge, die von der Hauptbühne herüberdrangen, störten bedauerlicherweise und so kam keine optimale Atmosphäre auf. Schade für Sara Noxx und die Lauschwilligen.

Sara Noxx

 
Sprechgesang mag im ersten Moment nicht besonders spannend klingen. Da bedarf es schon eines besonderen Talents und einer besonderen Bühnenpräsenz. „Oberer Totpunkt“ beherrschen das perfekt. Bettina Bormann mit ihrer akzentuierten, klaren Stimme und einer faszinierenden Körpersprache, dazu eine minimale, punktgenaue musikalische Begleitung – das ist einfach fesselnd und umwerfend.

#43 -- Oberer Totpunkt

 
Klassische Instrumente und ein blanker Schädel mit Tattoo: „Die Kammer“ unter Marcus Testory. Sein versiertes fünfköpfiges KAMMERorchester aus Cello, Viola, Violine, Tuba und Minimal Drums unterstützten ihn und seinen Gitarrist Matthias Ambré. Kammermusik mal nicht nur klassisch. Träumerisch, melodisch, aber mit temperamentvollen Schwung – wunderschön.

Die Bands in gewohnter Mischung. Elektronisches und Handgemachtes. Bekanntes und Unbekanntes. Straffe zeitliche Trennung zwischen kleiner und großer Bühne. So ließ sich Pendeln ohne Hörverluste.

Eine der großen Überraschungen trat am Freitagabend auf: „Torul“. Der Sänger mit einer Wahnsinns-Stimme und enormer Leidenschaft überzeugte durchgehend.

#1 -- Torul

 
Ebenso konnten „Diary of Dreams“ mit einem sehr agilen selbstbewussten Frontmann begeistern. Eine temperamentvolle Darbietung mit gewohnter Stimmqualität. „Diary of Dreams“ rissen die Menge mit.

#9 -- Diary Of Dreams

 
Der Headliner am Samstag – Phillip Boa und sein Voodooclub – wurde von vielen mit Spannung erwartet. Wie gewohnt schien Phillip Boa schwer verstimmt zu sein. Ein Glück auch, dass böse Blicke nicht wirklich töten können. Die Stimmung im Publikum war nichtsdestotrotz prächtig und Klassiker wie „Container Love“, „Kill Your Ideals“, „And Then She Kissed Her“ und „This Is Michael“ sorgten für vorbehaltlose Begeisterung.

#48 -- Phillip Boa And The Voodooclub

 
Eine deutliche Anlehnung an die legendären „Front 242“ garantierte den drei stabil gebauten Herren von „Autodafeh“ eine mitstampfende Zuhörergemeinde. Unglücklicherweise verlor sich der Druck der Klänge nach einigen Metern, was die Leidtragenden der hinteren Reihen zu „Lauter“-Rufen veranlasste.

Es gab viele bekannte und unbekannte Bands. Nicht alle wollten wir hören, nicht alle konnten wir hören. Es war ein großes Vergnügen, abseits der Bühnen über das Gelände zu schlendern, nette und ausführliche Gespräche zu führen oder durch die Reihen der Händler zu bummeln.

Apropos Händler – in diesem Fall der offizielle Merchandising-Shop. Unter dem Eindruck des mittäglichen Konzertes der Italiener „Low-Fi“ musste eine CD erstanden werden. Die minimalistische Musik, irgendwo zwischen Dark bzw. New Wave und Electro, fuhr sofort in Kopf und Beine. Mitreißend. Eine Band, die man sich merken sollte.

#51 -- Low-Fi

 
Eine Band, die man sich schon lange gemerkt hat: „Haujobb“. Daniel Myer – hier nicht nur als überallgegenwärtiger Mitmacher bei gefühlten 100 anderen Bands, sondern mit seinem eigenen Projekt. Mit dem richtigen „Bums“ trifft er immer den richtigen Nerv.

#47 -- Haujobb

 
„Bloody Dead And Sexy“ gefielen ebenfalls. Der exaltiert auftretende Sänger hielt die Bühne in Bewegung. Mit theatralischen Gesten unterstrich er seinen ausdrucksstarken Gesang.

#55 -- Bloody Dead And Sexy

 
Auf der kleinen Bühne tauchte ein Sänger mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze auf. Ein schwarzer Bart ergänzte den äußerst verdächtigen Eindruck. Dazu zwei bösartig aus einem grimmigen Gesicht funkelnde Augen. Dass die spanische Band insgesamt allen Grund zum Zorn hatte und hat – verständlich. „Terrolokaust“ entluden diese Wut in Form düsterer Electro-Rock-Klängen. Überaus passend. Wenn wir nur nicht immer das Gefühl gehabt hätten, der finster dreinblickende Sänger ist besonders auf uns wütend…

#16 -- Terrolokaust

 
Die neuen Band-Bekanntschaften haben sich gelohnt. Das Bekannte und Bewährte verbreitete ohnehin die passende Stimmung. Die Mischung schien jedenfalls allen Anwesenden gefallen zu haben.

Wir kommen wieder. Die Unterkunft ist jetzt schon gebucht. Und wenn dann noch die Parkplatzorganisation – wie im vergangenen Jahr – klappt und man ggf. eine Trinkwasserentnahmestelle auf dem Gelände einrichtet, steht einem erfolgreichen 9. NCN nichts entgegen.

Text: Edith Oxenbauer & Marcus Rietzsch

Fotos: Marcus Rietzsch

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