Nocturnal Culture Night 2018

Peter Hook & The Light

7. - 9. September 2018

DEUTZEN, KULTURPARK

Ein bekannter Komponist des 19. Jahrhunderts stellte einst fest: „Die Musik ist die Sprache der Leidenschaft.“ Sicherlich darf bezweifelt werden, dass er damals auch nur ansatzweise erahnen konnte, welche Entwicklungen im Bereich der Musik in den folgenden 150 Jahren gemacht werden würden. Elektrische Gitarren und Schlagzeuge, Verzerrer, Keyboards, Synthesizer und vieles mehr. Und doch hat sich am Grundsatz dieser Aussage nichts geändert. Schließlich ist es diese Leidenschaft, die sich am ersten oder zweiten Wochenende im September Jahr für Jahr auf, vor und hinter den vier Bühnen des wunderschönen Kulturparks Deutzen zeigt.

Mit viel Enthusiasmus, Liebe zur alternativen Musik und offenen Ohren für die Bedürfnisse der Besucher sorgen Veranstalter Holger Troisch und seine Mitstreiter regelmäßig für Überraschungen und präsentieren spannende neue Bands ebenso wie namhafte Künstler, die man nicht jeden Tag zu sehen bekommt, im Rahmen des Nocturnal-Culture-Night-Festivals.

In diesem Jahr löste beispielweise kein Geringerer als Marc Almond („Tainted Love“, „Say Hello, Wave Goodbye“) mit einem spitzbübischen Funkeln in den Augen für Begeisterungsstürme unter vielen Anwesenden. Das Zusammenspiel zwischen Künstler und der scheinbar der Gegenwart entrückten Zuhörer zu beobachten, gestaltete sich als überaus erfrischend.

Fast schon als sensationell darf das Konzert von Claudia Brücken und Susanne Freytag, die in den 80er-Jahren bei der deutschen Synthie-Pop-Band „Propaganda“ aktiv waren, bezeichnet werden. Schließlich lag der letzte gemeinsame Auftritt in Deutschland über drei Jahrzehnte zurück. Unter dem Namen „D:uel“ (angelehnt an einen Titel von „Propaganda“) präsentierten die beiden Sängerinnen das 1985 erschienene Album „A Secret Wish“. Für so manchen Fan ging damit ein Wunschtraum in Erfüllung. Die Präsentation von Titeln wie „Dr. Mabuse“, „P.Machinery“ oder das „Throbbing Gristle“-Cover „Dicipline“, bei dem Susanne Freytag die Peitsche schwang, verwandelte am späten Sonntagnachmittag erwachsene Frauen aber vor allen Dingen Männer in aufgeregte Teenager. Herrlich. Eine interessante Bemerkung am Rande: Ralf Dörper, einst Gründer der Band „Propaganda“, trat am Freitag mit „Die Krupps“ ebenfalls beim NCN auf.

Dem aber nicht genug: Mit „Peter Hook & The Light“ hatte man einen weiteren Hochkaräter verpflichtet, der zu einer musikalischen Zeitreise einlud. Gemeinsam mit seinen drei Bandkollegen entführte der ehemalige Bassist von „Joy Division“ und „New Order“ das begeisterungsfähige Publikum in die Jahre 1976 bis 1980, als er zusammen mit Bernard Sumner, Ian Curtis und Stephen Morris den Weg für Post Punk, Dark Wave und Gothic Rock bereitet hat. Die Stimme des 1980 durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Ian Curtis im Kopf verursachten Stücke wie „New Dawn Fades”, „Transmission“, „She´s lost control”, „Shadowplay”, „Warsaw“ (!) und natürlich „Love will tear us apart“ Gänsehaut. „Peter Hook & The Light“ bereicherten bereits 2012 an gleicher Stelle das Line-up des NCN-Festivals. Schon damals erlebte das Publikum einen mitreißenden Auftritt. Doch die Darbietung im Jahr 2018 fiel noch intensiver aus und wird sicherlich dem einen oder anderen Besucher lange im Gedächtnis bleiben.

Und so dürften wohl nicht wenige Anwesende die Frage nach den persönlichen Höhepunkten mit einem der vorgenannten Künstler beantworten. Mich hingegen brachte diese Fragestellung ins Straucheln. An zu viele Auftritte erinnere ich mich mit einem breiten, inneren Lächeln.

Bereits der Festivalauftakt am Freitagnachmittag mit der Band „Suir“ beeindruckte. Nach wenigen Takten erfasste die dunkle Melancholie Körper und Geist. Mit den Worten atmosphärisch, entrückt kann das Zusammenspiel von Denis Wanic and Lucia Seiss wohl bestens beschrieben werden. Wer die Band bisher nicht kannte, sei der Song „White Spheres“ ans Herz gelegt. Prädikat: hörenswert. Definitiv einer der herausragenden „Newcomer“ dieses Festivals.

Auf der Parkbühne – einer von vier Auftrittsorten im Kulturpark Deutzen – ging es nach diesem verheißungsvollen Start Schlag auf Schlag weiter. „Whispering Sons“ – wohl DIE Post-Punk-Band der Stunde – standen auf dem Plan. Diesen Auftritt durfte man sich einfach nicht entgehen lassen. Die bemerkenswert tiefe Stimme von Sängerin Fenne Kuppens und ihre wiederholten emotionalen Ausbrüche in Verbindung mit einer unverwechselbaren Mischung aus schwelgerischen Gitarren und angemessener Rhythmik war absolut mitreißend – und fraglos einer meiner zahlreichen Höhepunkte.

Auch das französische Electro-Duo „KaS Product“ – ungeachtet einer mächtigen Verspätung – hielt das Niveau hoch. Insbesondere die starke, stellenweise laszive Bühnenpräsenz und der variantenreiche Gesang von Mona Soyoc zogen die Besucher in den Bann. Darüber hinaus sind Titel wie „Never come back“ und „So young but so cold“ stetige Garanten für eine gute Stimmung.

Einen ebensolchen Glanzpunkt setzte „The Foreign Resort“ aus Dänemark mit einer wunderbar sehnsuchtsvollen Melancholie – getragen von der einfühlsamen Stimme von Mikkel B. Jakobsen und tollen Songs voller energiegeladener wie elegischer Momente, die punktgenau den Weg in Kopf und Beine fanden.

Das intensive Konzert von „I Like Trains“ stellte unbestritten einen weiteren persönlichen Höhepunkt dar. Der eindringliche, teils schon fast sanft flüsternde Gesang von David Martin und der behutsame, langsame Aufbau der Stücke drangen tief ins Innere vor und zogen den Zuhörer in einen heftigen Strudel aus aufwühlenden Gedanken und Emotionen. So bescherte der schwermütige Post Rock tiefe seelische Augenblicke, die noch lange nachwirkten…

Das 13. NCN bot zudem reichlich Platz für Neuentdeckungen, die einem länger im Ohr bleiben. Wie die Stimme und die kalte Rhythmik bzw. Melodie der mir bis dato vollkommen unbekannten Formation mit dem auf den ersten Blick etwas seltsam anmutenden Namen „Rue Oberkampf“. Doch der Name passt: Oberkampf ist ein Pariser Viertel, welches für sein Nachtleben bekannt ist. Und die dargebotenen Stücke mit französischen und deutschen Texten sind allesamt clubtauglich. Ein kurzweiliger, vielversprechender Auftritt.

Ebenfalls seit dem NCN neu auf meiner Wiedergabeliste steht der bittersüße Wave des skandinavischen Duos „White Birches“, das zur Mittagszeit einen beeindruckten Auftritt absolvierte. Mit einer hingebungsvollen und verletzlich wirkenden Darbietung verzauberte und belohnte Sängerin und Teilzeitgitarristin Jenny Gabrielsson Mare diejenigen, die zu so früher Stunde den Weg auf das Festivalgelände gefunden hatten.

Es fällt schwer, alle erlebten Konzerte gebührend zu würdigen. Neben den bereits erwähnten Künstlern blieben mir beispielsweise die stark von kanadischen Electropionieren wie „Skinny Puppy“ geprägte, dunkle und atmosphärisch dichte Musik von „Fïx8:Sëd8“ in positiver Erinnerung. Einzig den recht monotonen und stark verzerrten Gesang empfand ich auf Dauer wenig aufregend.

Nicht unerwähnt bleiben sollte „Box and the twins“, die für ihren verträumten Dark Pop mit viel Melancholie selbst eine überaus passende und poetische Beschreibung liefern: „Der Klang von zerschellendem Glas. Gegen das Fenster prasselnder Regen. Der Ton brechender Herzen. Mitternachtsfrost.“

Ferner bescherten die mit neuem Sänger und zum Trio geschrumpften „Agent Side Grinder“, die meine anfängliche Skepsis aufgrund der Personaländerungen schnell zerschlagen konnten, eine schöne Zeit.

„Armageddon Dildos“, die schon bei der Erstauflage dieses Festivals im Jahre 2005 aufgetreten sind, sorgten ebenso für eine prächtige Stimmung unter den Gästen. Der sympathisch wirkende und bestens gelaunte Uwe Kanka suchte den Kontakt zum Publikum und trat in Interaktion mit einzelnen Besuchern. EBM in hoher Qualität.

Aber nicht nur die musikalische Auswahl hebt dieses Festival von vielen anderen ab. Tragen doch das wunderschöne Festivalgelände mit viel Grün und reichlich Sitzgelegenheiten, die kurzen Wege zwischen den Bühnen und insbesondere das Publikum selbst zu einer angenehmen Atmosphäre bei. Schaulaufen und seltsame Kostümierungen wie bei diversen größeren Veranstaltungen stellen in Deutzen die absolute Ausnahme dar. Vielmehr stehen Musik und eine gute Zeit mit Freunden und Gleichgesinnten im Mittelpunkt.

Am Sonntagabend, kurz vor dem Ende des Festivals, raunte eine neben mir stehende Besucherin ihrem Begleiter freudestrahlend zu: „Einmal NCN, immer NCN.“ Viele Besucher sind Wiederholungstäter. Auch ich werde wieder kommen…

Fotos: Marcus Rietzsch

» Nocturnal Culture Night
» NCN @ Facebook

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.