Oswald Henke liest: Narbenverse

Vor Beginn der Lesung reichte der „Chef“ der Galerie den obligatorischen scharfen Mini-Drink. Gedränge am Getränke- und am Merchandising-Stand, ehe es im ungewöhnlichen Ambiente der Galerie mit den großformatigen Bildern an den Wänden dunkel wurde und sich Oswald Henke auf der kleinen Bühne positionierte. Nach der Begrüßung suchte er einen „Freiwilligen“, der ihn unterstützen sollte. Alle duckten sich weg. Für einen jungen Mann ganz hinten gab es jedoch kein Entrinnen. Seine Aufgabe war die „Bespaßung“ des Publikums, wann immer es nötig sein sollte. Nämlich immer dann, wenn die Stimmung in Richtung kollektive Depression abzukippen drohen würde.

3. Oktober 2014

BERLIN, THEARTER GALLERY

Warum kollektive Depression? Oswald Henkes „Narbenverse“ sind keine leichte Kost. Keine bunten Bienen und Blümchen und Schmetterlinge. Wenn überhaupt, so flog höchstens ein großer schwarzer Schmetterling des Schmerzes über den Köpfen der Anwesenden. Ein schwarzer Bote, der von nicht gelebten Leben, von zu früh vergangenem Leben, von der Einsamkeit und Zweisamkeit der Lebenden berichtet. Berichtet von Erinnerungen an vergangene Menschen, an vergangene Kindheit, an das Anderssein.

Die Stille kroch wie ein zäher Brei zwischen die Lauschenden. Oswald Henke zelebrierte seine Worte, hauchte sie förmlich. Sein emotionaler Vortrag zog die Hörerschaft in den Bann und konzentrierte alle Sinne. Scheinbar sprachen die Texte in ihrer dunklen Bedeutung viele Zuhörer sehr persönlich an. Betroffenheit, atemloses Stillhalten. „Narbenverse“ sind wahrlich nichts, was man den lieben Kleinen des Abends als kurze Nachtgeschichte vorliest.

Im Buch „Narbenverse“ gibt es einen Nachtrag des Lektors. Darin wird unter anderem erklärt: „Oswald Henkes Texte sind eher Essay als Gedicht; eher Rezension als Gebrauchsanweisung. Entsprechend hypotaktisch ist ihre Form. Die vorliegenden Texte enthalten lange Gedankengänge.“ Lange Gedankengänge – das trifft es gut. Diesen Gedankengängen zu folgen erforderte höchste Konzentrationen. Einlassen auf sehr berührende Texte.

Oswalds Bespaßungseinlagen mittels voluminöser Seifenblasen wurden dann auch mit Gelächter dankbar quittiert. Ebenso lockerten die Stimmung ein paar bissig-humorvolle Sprüche auf.

Kräftiger Applaus geleitete Oswald Henke von der Bühne in das wieder aufflammende Licht. Gespräche, Autogramme auf Büchern, CD und DVD, langsames Auseinanderdriften des Publikums. Ein wunderbarer Abend ging leise zu Ende.

Noch unter dem Eindruck der Lesung schluckten mich erst die Nacht und anschließend die Wagen des ÖPV…

»  Oswald Henke

Foto (Archiv): Marcus Rietzsch

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