Ein aufwühlender Konzertabend: Goethes Erben und Sara Noxx

Oswald Henke (Goethes Erben)

3. Oktober 2016

BERLIN, COLUMBIA THEATER

In neuem, altem Glanz wie zu Zeiten, als die US-Airforce ein Kino für die auf dem Flughafen Tempelhof stationierten Soldaten betrieb, bot die vor einem Jahr neu eröffnete Veranstaltungsstätte einen würdigen Rahmen für die letzte Station der gemeinsamen Mini-Tournee von Sara Noxx und Goethes Erben.

Zwar hätte der Saal noch dem einen oder anderen Besucher Platz geboten, der Stimmung tat dies jedoch weder auf noch vor der Bühne einen Abbruch. Schließlich hatte die Berlinerin Sara Noxx, die den Abend eröffnete, ein Heimspiel. So freute sie sich über einige bekannte Gesichter im Publikum, die ihre Begeisterung deutlich zum Ausdruck brachten. Aber auch die anderen Anwesenden zog die sympathische Sängerin mit ihrer klaren Stimme im Sprechgesang an. Verhaltene Leidenschaft, disziplinierte Körpersprache und doch faszinierend. Elektronisch-kühle Klänge, die an Anne Clark erinnerten. Die Hörerschaft dankte mit angemessenem Beifall.

Als Oswald Henke zu weichen Klavierklängen die Bühne betrat und die ersten Worte eindringlich ins Mikrophon sprach, lauschte das Publikum gebannt.

„Genau betrachten, nicht blind stolpern, die Zeit betrügen,
unbegreiflich unsere Existenz, deren Bedeutung.
Nicht Erinnerungen kaufen,
die Unendlichkeit wäre fast erreicht, doch zu welchem Preis?
(…)“

Ein wahrlich ungewöhnlicher Konzertauftakt. Ruhig und zurückhaltend. Doch voller Nachdenklichkeit. Und auch der zweite Titel „Traumsuche“ zeigten „Goethes Erben“ von ihrer stilleren Seite. Sanftes Cellospiel begleitete das Duett von Oswald Henke und Sonja Kraushofer, die auch im weiteren Verlauf des Abends durch ihre Stimmgewalt und ihre theatralische Körpersprache brillierte. Aufregend ihre wie wahnsinnig wirkende Mimik. Eine starke Frau mit einer Ausstrahlung, die den Zuhörer bzw. Zuschauer in den Bann zog und deren Stärke im Zusammenspiel mit Oswald Henke unbedingt nötig ist.

Wer nur ein einziges Mal Oswald Henke auf der Bühne erleben konnte, dem brauche ich wohl nichts mehr berichten. Dominant und immer in Bewegung wird ein Auftritt zu einem der ganz großen emotionalen Erlebnisse. Was habe ich schon alles für Worte gesucht und gefunden, um seine Bühnenpräsenz zu beschreiben: dämonisch beispielsweise. Aber ebenso sind Wut und Leid körperlich spürbar.

„Goethes Erben“ präsentierten ein Feuerwerk aus alten bekannten Liedern und einigen neueren Titeln aus dem Musiktheaterstück „Menschenstille“. Für ein Duett kam Sara Noxx zurück auf die Bühne: „Sie wusste mehr“ – ein perfektes Zusammenspiel. Und Oswald Henke forderte zum Tanz. Ein Schmunzeln konnten sich die Wenigsten verkneifen. Apropos Schmunzeln: Wenn er und Sonja Iphigenie suchen und Cornelius Sturm (Bass) kurzerhand zum Metzger ernannt wird, huschte ein sarkastisches Grinsen über sein Gesicht. Ob es das fast verschmitzte Parieren des Aufschreis aus dem Publikum, als er seinen Pferdeschwanz löste, oder seine sich mehrmals auf der Flucht befindliche Hose war, die ihn zu Scherzen animierte: An jenem Abend offenbarte er mehrmals seinen Hang zum Humorigen. Diese lockere Stimmung verflog jedoch bei den dargebotenen Stücken, welche er sichtbar „durchlebte“ und neu interpretierte. Echte Emotionen, die zudem visualisiert wurden. Papierblätter dienten als Speise oder wurden zerknüllt und auf den Boden geworfen. Aus einer Truhe bzw. einem Koffer förderte Henke Erinnerungsstücke zutage. Accessoires als Auftakt für das nächste Lied.

Und ehe man sich versah, war der dritte Zugabenblock erreicht, welcher noch einmal Außergewöhnliches bereithielt. Bassist Cornelius Sturm entlockte seinem Instrument mittels eines Schlagzeugbesens ungewöhnliche Klänge. Doch nicht nur die Musik von „Die Sonne schmilzt“ (aus „Menschenstille“) wirkte in ihrer monotonen Art bedrohlich – ebenso der nun mit einem weißen Hemd bekleidete, in einer Blechkiste sitzende und mit schrecklich bunten Farben herumpanschende Oswald Henke machte einen beunruhigenden Eindruck. Zu unserem Entsetzen mischte er sich gar unters Volk und verteilte Farbklekse. Dieser Kelch ging jedoch erfreulicherweise an uns vorüber.

Wie eine Woge brandete der Beifall auf, als dieser aufwühlende Abend nach 21 Songs und der Verbeugung der Bandmitglieder ein Ende fand.

Fotos: Marcus Rietzsch

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