Sanfte Schönheit und brachiale Gewalt: Mono in Berlin

15. April 2019

BERLIN, BI NUU

Wie bereits knapp zwei Wochen zuvor, als „Fotocrime“, „Soft Kill“ und „Crippled Black Phoenix“ auf der Bühne des „Bi Nuu“ standen, sorgte am Abend des 15. April 2019 wieder drei unterschiedlich ausgerichtete Bands für ein abwechslungsreiches Programm. Glücklicherweise erreichte mich die Nachricht rechtzeitig, dass der Beginn wenige Stunden vor Einlass entgegen der offiziellen Ankündigung kurzfristig um 35 Minuten vorverlegt wurde. Anderenfalls hätte ich einen aufregenden Auftritt verpasst. Jo Quail – Solokünstlerin aus Großbritannien – vermochte es, die bedauerlicherweise noch nicht so zahlreichen Anwesenden in kürzester Zeit zu fesseln. Die sympathische Cellistin bezeichnet ihre Musik als „grenzenlose, zeitgenössische Instrumentalmusik“. Und ja, die Melodien und Klänge, welche sie dem E-Cello entlockte, überschritten Grenzen. Jo Quail versteht es meisterhaft, Tonfolgen zu loopen und so nach und nach großartige Stücke zu kreieren. Harmonien und Rhythmen wurden erweitert und die Songstrukturen ausgearbeitet. Diesen Entstehungsprozess hautnah zu erleben, war ebenso faszinierend wie die große Spielfreude der Instrumentalistin. Die komplexen und experimentellen Kompositionen bauten sich langsam aber stetig auf. Von zaghaft bis kraftvoll. Das halbstündige Konzert, in der Jo Quail drei Stücke präsentierte, verging im Fluge und wurde mit gebührendem Applaus bedacht. Wer die Möglichkeit hat, Jo Quail auf der Bühne zu erleben, sollte sich dies nicht entgehen lassen.

Mit der Band „Årabrot“ folgte ein radikaler Stilbruch. Die Norweger um den Komponisten, Sänger und Gitarristen Kjetil Nernes präsentierten unheilvolle, schwer einzuordnende Musik. Wie Jo Quail überschritten die mit dem norwegischen Grammy für das beste Metalalbum ausgezeichnete Band Genregrenzen. Das eigenständige Gemisch aus rauem Noise- und Art-Rock, dröhnendem Metal und Avantgarde war alles andere als leicht zu konsumierende Kost. „Årabrot“ – 2001 gegründet – weist eine imponierende Diskografie auf. Sogar die Vertonung von Stummfilmen wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ und „Die Nibelungen“ tauchen in der Biografie auf. Wummernder Bass, klagende Gitarrenriffs, aggressiver Gesang – die hingebungsvolle Darbietung des Quartetts beeindruckte. Scheinbar geprägt vom harten aber erfolgreichen Kampf gegen eine Krebserkrankung schrie Kjetil Nernes leidenschaftlich die lyrischen wie bildhaften Texte und neu gewonnenen Lebensmut heraus, ehe auch dieses Konzert abschließend reichlich beklatscht wurde.

Ähnlich wie „Årabrot“ blicken „Mono“ auf ein umfangreiches Œuvre zurück. In den zwei Dekaden seit der Gründung sind zehn Alben entstanden, mit denen man zahlreiche Anhänger gewinnen konnte. Zudem ist die japanische Band Preisträger des „The Marshall Hawkins Awards“. So war es nicht verwunderlich, dass der Saal komplett gefüllt war, als die vier Musiker ihre Plätze einnahmen. Und es wurde laut. Verdammt laut. Obwohl die beiden Gitarristen Yoda und Takaakira „Taka“‘ Goto den Großteil des Auftritts entspannt sitzend verbrachten, türmten sie im Zusammenspiel mit Bassistin/Pianistin Tamaki und Schlagzeuger Dahm wiederholt gewaltige instrumentale Lärmwände auf. Gesungene Worte von Tamaki waren die absolute Ausnahme. Gepaart mit einem Lichtgewitter mündeten sphärische, gefühlvolle Passagen mit Shoegaze-Gitarrenriffs in ausufernde Noise-Exzesse. Die Dynamik der variablen Lautstärke nutzend, wurden sich gemächlich aufbauende, melodiöse Klangbilder in brachiale Gitarrenausbrüche überführt. Mal laut, mal leise – typisch für Vertreter des Post Rocks. So entstanden Stücke mit Überlänge zwischen sanfter Schönheit und brachialer Gewalt, die vom Publikum ausgiebig und dem Anlass eines 20jährigen Bandjubiläums entsprechend gefeiert wurden.

Fotos: Marcus Rietzsch