Schädel – Ikone. Mythos. Kult.

25.07.2015 bis 03.04.2016

AUSSTELLUNG IN DER VÖLKLINGER HÜTTE

Der magisch wirkende Kristallschädel, der Plakat und Katalog der Ausstellung „Schädel – Ikone. Mythos. Kult.“ ziert, ist Sinnbild für die große Bedeutung von Köpfen und Schädeln. Seit jeher üben sie eine große Faszination auf die Menschheit aus. Das älteste Exponat ist bereits 170.000 Jahre alt. Die als Schale benutzte Schädeldecke zeugt davon, welch erhebliche Geltung dem Schädel schon zu Zeiten der Neanderthaler zugemessen wurde. Eingebettet in die Gebläsehalle mit ihren weltweit einmaligen Maschinen erzählen über 250 Ausstellungsstücke u. a. von Kopfjägern, Voodoo-Zauber und rituellem Kannibalismus.

Diese Ausstellung ist in doppelter Hinsicht phantastisch. Ist der Ort der Ausstellung – das Weltkulturerbe Völklinger Hütte – doch für Besucher zum Erkunden und Begehen hergerichtet. Ein „Wegenetz“ von über sieben Kilometern steht zur Verfügung, um riesige Anlagen, beeindruckend dicke Schornsteine, Videoinstallationen, Versuchsanordnungen und detaillierte Beschriftungen zu entdecken. Mit einem Schutzhelm auf dem Kopf können viele Stufen erklommen, die komplette Anlage von oben bestaunt und Befüllungseinrichtungen sowie Transportsysteme betrachtet werden. Stunden lassen sich mit dem Durchstreifen des stillgelegten Stahlwerkes verbringen.

Die Ausstellung ist in eine riesige Maschinenhalle integriert. Die mächtigen Anlagen verströmen noch den feinen Duft von heißem Metall und Öl. Paradox erscheint hierzu der vorhandene Teppichboden. Schon der Untertitel „Ikone. Mythos. Kult.“ erfasst die unterschiedliche Einbettung des Totensymbols in die jeweiligen Kulturen. Anbetung und Verehrung, Glorifizierung und Protestzeichen. Aber ebenso ist die Darstellung des Schädels zu oberflächlichen und nichtssagenden Strass-Abbildungen auf Damenhandtaschen oder Oberbekleidung verkommen. Kontrovers sind Nutzung, Ansicht, Sinn und Zweck.

Diese Tatsache spiegelt sich auch in der Vielfältigkeit der zusammengetragenen Exponate wider: Verzierte und bemalte Kultgegenstände von Naturvölkern. Altägyptische Mumienmasken. Schrumpfköpfe. Kopftrophäen – zur Übertragung der Kraft des Feindes auf den Schädeljäger. Ahnenschädel mit Schnitzereien, Tätowierungen und Gravuren – um die Vorfahren zu ehren und mit ihnen in Kontakt zu treten. Schädelreliquien dienten ebenso zum Schutz vor bösen Geistern.

Schädel wohin man blickt. Bruchlinien. Augenhöhlen. Schutz für das Gehirn. Ästhetisch, filigran und doch stabil. Ein faszinierendes Kunstwerk der Natur voller Komplexität. Und eine Erinnerung der Endlichkeit des menschlichen Lebens. So sind Ausstellung und Buch auch eine Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit.

Ebenso sind Präparate – wie beispielsweise ein Gehirn im Glas – zu sehen als auch kleine Schädel aus der Entwicklungszeit von Ungeborenen. Schädeldeformationen, die während des Wachstums durch am Kopf angebrachte Brettchen erreicht wurde, zeugen von einem etwas anderen Schönheitsempfinden. Schädel bemalt und mit den Personendaten beschriftet aus dem Alpenraum. Und immer wieder Kunst: beispielsweise auf die Knochen aufgebrachte Diamanten in Platin und eine Zeichnung von Leonardo da Vinci. Ferner schlug sich die Faszination für Schädel im Schaffen des Schweizer Künstler HR Giger – Schöpfer des weltberühmten Alien – wider.

Die Schauvitrinen sind großzügig verteilt, so dass interessierte Besucher länger verweilen können, ohne andere zu behindern. Perfekt ausgeleuchtet erscheinen die Schädel vor den schwarzen, bläulich schimmernden Maschinenanlagen zu schweben. Ein phantastischer Anblick. Die Anzahl und die Verschiedenheit der Schädel sind groß. An jedem Exponat sind mehr oder weniger umfangreiche Legenden zu lesen.

Der rund 240 Seiten umfassende und auf hochwertigem Papier gedruckte Katalog dokumentiert die Ausstellung perfekt. Schon die erste Bild-Doppelseite gibt einen Eindruck von der gesamten Installation. Von der blockigen, dunklen, riesigen Anlage hebt sich leuchtend ein Zeremonienschädel ab. Gläserne Vitrinen scheinen in einer Unendlichkeit zu verschwimmen. Auf den anschließenden Seiten folgen weitere Kultschädel. Bemalt, verziert mit Muscheln und Haaren, Schnüren und Schmuckringen – für Europäer bizarr wirkende Ansichten. Für die Schöpfer dieser Kunstwerke war es jedoch die bleibende Verbindung zum Verstorbenen. Und mehr. Wunderbare ganzseitige Fotografien der Schädel und Doppelseiten mit Darstellungen der Anlagen dieser ehemaligen Werkhalle liefern einen sehr schönen bildlichen Eindruck der Ausstellung. Neben der reinen Visualität bietet dieses Buch eine Unmenge an allgemeinverständlich formulierten Informationen. Zusätzlich ist eine umfangreiche Dokumentation, Literaturverweise, Quellenachweise und eine Auflistung der Herkunft der Exponate enthalten. So stellt diese Publikation eine gute Ergänzung als auch einen adäquaten Ersatz für einen Ausstellungsbesuch dar.

Schädel – Ikone. Mythos. Kult. Ausstellung und Buch halten gleichermaßen eine Fülle an Impressionen und Informationen bereit. Eine Empfehlung für alle, die ohnehin der Faszination für Schädel erlegen sind und beispielsweise gerne Friedhöfe, Gruften, Katakomben und Ossarien besuchen. Jedoch ebenso für alle anderen, die sich für Rituale und Mystik ferner oder vergangener Kulturen interessieren.

Kapitel des Buches:

• Schädel – Geist – Maschine
• Schädel – Ikone. Mythos. Kult.
• Kopf – Schädel – Gehirn
• Vom Neandertaler bis zur Völkerwanderung
• Schädelkult in Europa
• Der Schädelkult in den Kulturen der Welt
• Der Tod ist in Mode
• Die Schädelsammlung von Gabriel von Max
• Schädel Europa
• Schädel Afrika
• Schädel Amerika
• Schädel Asien
• Schädel Ozeanien
• Schädel Fantasie

Schädel – Ikone. Mythos. Kult.
Herausgegeben von Meinrad Maria Grewenig und Wilfried Rosendahl
Edition Völklinger Hütte 2015
im Verlag Das Wunderhorn Heidelberg
ISBN 9783884235140

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