Whispering Sons: Release-Konzert in Berlin

Whispering Sons

2. November 2018

BERLIN, BI NUU

Während ich diese Zeilen schreibe, füllen die Lieder des Debütalbums der belgischen Post-Punk-Band „Whispering Sons“ akustisch den Raum und projizieren monochrome Bilder auf die Leinwand meines Kopfkinos. Seit der Veröffentlichung am 19. Oktober dringen die Klänge von „Image“, so der Titel des Albums, mehrmals täglich aus den Boxen. Es gibt Musik, die zupackt und nicht wieder loslässt. Die Gefühle hervorbringt, Bilder zeichnet und sich im Kopf festsetzt.

So steigerte sich die Vorfreude auf das Release-Konzert am 2. November in Berlin von Tag zu Tag. Entfalteten die Songs doch nach und nach ihre Kraft und Schönheit. Einige Titel waren umgehend präsent, andere benötigen einige Hördurchgänge, um Wurzeln zu schlagen. Dementsprechend fühlte ich mich für den Konzertabend im Bi Nuu bestens vorbereitet.

Doch ehe „Whispering Sons“ auf die Bühne kamen, hatten drei weitere Bands die Aufgabe, die Stimmung der Anwesenden kontinuierlich zu steigern. Was ihnen bestens gelang. Bekamen „Trouble Fait’“ aus Frankreich – bereits 1986 gegründet und mir bis dato trotzdem vollkommen unbekannt – noch verhaltende Aufmerksamkeit, aber durchaus wohlwollenden Applaus, war der Raum beim Konzert der Berliner Band „Golden Apes“ schon ansehnlicher gefüllt und der Stimmungspegel sprang entsprechend nach oben. Anschließend verstanden es „Principe Valiente“ mit einer Mischung aus Post-Punk und Shoegaze mitzureißen. Mancher Gast zeigte sich begeistert vom Auftritt der schwedischen Band und bewegte sich zu den dargebotenen melancholischen wie kraftvollen Klängen.

Und dann war es soweit: Hochkonzentriert und sichtlich unter großer Anspannung präsentierten „Whispering Sons“ alle zehn Titel der aktuellen Veröffentlichung. Die Anspannung war unbegründet: Schließlich mussten die fünf Musiker keine Überzeugungsarbeit leisten. Das Publikum war von Beginn an euphorisch. Zumindest jedoch der fast ganz in weiß gekleideten Sängerin Fenne Kuppers huschte – wenn auch zu einem späten Zeitpunkt – ein breites Lächeln über das Gesicht. Ebenso wie Schlagzeuger Sander Pelsmaekers, der seit dem letzten Auftritt im Bi Nuu im Frühjahr dieses Jahres das elektronische Drum-Pad durch akustische Trommeln und Becken erweitert hat. Durchaus eine willkommene Ergänzung.

Bei der Erstellung der Setlist hielt man sich an die Reihenfolge des Albums. Selbstverständlich verzichtete man aber nicht auf einige der seit 2015 auf einer EP und zwei Singles erschienenen „älteren“ Stücke, die perfekt eingestreut wurden. Wie beispielsweise das nachdrückliche „White Noise“ und das schwelgerische und zugleich rhythmische „Performance“. Höhepunkte zu benennen, erscheint unmöglich. Gitarrenmelodien entführten, weckten sehnsüchtige Gedanken und verschmolzen perfekt mit Rhythmus, Bass und elektronischen Klangsequenzen. Über allem schwebte die tiefe Klangfarbe von Fenne Kuppens‘ Gesang, der wiederholt für Gänsehautmomente sorgte. Ebenso wie die Emotionen der Sängerin, denen sie wiederholt optisch wie akustisch freien Lauf ließ.

Einziger persönlicher Wehrmutstropfen waren unangenehme Zeitgenossen, die auch nach Aufforderung ihr zuweilen recht lautes Gequatsche nicht lassen konnten oder wollten. Diese Respektlosigkeit gegenüber den Musikern und die Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Konzertbesuchern, die die Musik genießen wollen, werde ich wohl nie verstehen.

Diesen Umstand ausblenden rissen Stücke voller wunderbarer dunkler Ästhetik mit. Auf das eingängige „Wall” folgte „Waste” – ein sich behutsam aufbauender Song, der sich am Ende kraftvoll entlud. Live noch deutlich intensiver als von Platte. Dieser Kontrast zwischen schwermütiger Sanftheit und energiegeladener Leidenschaft prägte ebenso das abschließende „No Image“. Getragen von weichen, melancholischen Tastenanschlägen auf dem Klavier, dezenten Synthesizerklängen und der eindringlichen Stimme von Fenne Kuppens ließ dieses Stück lange viel Raum, ehe unvermittelt Schlagzeug, Bass und Gitarre einsetzten und für einen heftigen Abschluss sorgten. Wow. Was für eine grandiose Darbietung.

Setliste:

Stalemate
Got the light
Alone
White Noise
Performance
Skin
No Time
Fragments
Hollow
Wall
Waste
Dense
Insights
No Image

Fotos: Marcus Rietzsch

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