Anne Clark – ein Abschied?

Anne Clark in Hof 2015. Foto: Marcus Rietzsch

Anne Clark – 1960 in London geboren – blickt auf viele Alben, diverse musikalische Kooperationen und zahlreiche Tourneen zurück. Worte und Musik prägen das Leben der Poetin, Songschreiberin und Komponistin. Am 3. März startete Anne Clark eine Abschiedstournee durch Deutschland. Ein Schlussstrich? Wir fragen sie nach ihren Erfahrung, Ansichten und Plänen.

„Der Kontakt mit meinen Fans war für mehr als 35 Jahre essentiell für mich. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass ich nie die Unterstützung einer Plattenfirma oder Werbeagentur hatte.“ Aber Anne Clark sieht viele Wege, um diesen Kontakt aufrecht zu erhalten, auch wenn sie keine Konzerte gibt. Die neuen Technologien, neue Medien, bieten vielfältige Möglichkeiten.

Die Gründe für einen Abschied von der Bühne liegen nach über drei Jahrzehnten, in denen sie unzählige Konzerte gegeben hat, auf der Hand: „Obwohl ich es so liebe, wird es von Jahr zu Jahr anstrengender und zeitfressender. Ich bin nicht mehr so jung wie früher!“ Aber das bedeutet nicht, dass Anne Clark sich ins Privatleben zurückzieht. Im Gegenteil. Für die kommenden Jahre hat sie sich einige Projekte vorgenommen.

Ein Plan wurde bereits in die Tat umgesetzt. Der Dokumentarfilm „Ich durchschreite das Morgen“, der auf die Karriere von Anne Clark blickt, wird in den nächsten Monaten in den Kinos zu sehen sein. Und eine Herzensangelegenheit steht unmittelbar vor dem Abschluss: „Ich werde demnächst die Arbeiten an einem Kinderprojekt fertigstellen, welches sowohl innerhalb als auch außerhalb meiner Agenda stand seit ich 19 Jahre alt war! Es ist eine poetische Geschichte, die als Hörbuch, DVD, sowie interaktive Animationsstory veröffentlicht wird.“ Ferner wird sie eine weitere Biografie zu Papier bringen. „Und das vielleicht Aufregendste von allen: ich habe vor, eine Galerie in Hamburg zu eröffnen, die nicht nur die unterschiedlichsten Künstler präsentieren wird.“ Neben der Kunst sollen soziale Themen in den Fokus gesetzt werden und ein Ort entstehen, an dem Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen miteinander diskutieren können. „Es gibt so viele Dinge zu tun und das Touren lässt mir keine Zeit, um diese anzugehen.“ Trotzdem: ein Auftritt vor Publikum ist unersetzlich. Und die Künstlerin möchte dies auf lange Sicht auch nicht komplett missen. Es scheint sich somit nur um einen Abschied auf Zeit zu handeln.

Vor Anne Clark liegt eine Art Neubeginn. Ist das nicht ein passender Zeitpunkt, um zu resümieren, auf über drei Jahrzehnte zurückzublicken und sich an die Anfänge zu erinnern? Doch das sieht Anne Clark differenziert. Der Vergangenheit möchte sie nicht zu viel Gewicht geben. Gleiches gilt für die Zukunft. „Es ist so wichtig, im Hier und Jetzt zu leben.“ Trotzdem bestätigt sie, dass die 80er-Jahre eine außergewöhnliche und einflussreiche Periode waren, wobei sie der Zeit Mitte bis Ende der 70er-Jahre eine größere Bedeutung beimisst. Die Rebellion des Punk der 70er-Jahre liegt allerdings weit in der Vergangenheit. Im Alter von mittlerweile 55 Jahren dürften sich die Illusionen der Jugend zerstoben und Haltungen relativiert haben. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt, sich aufzulehnen. „Es bedeutet ja nicht, dass man aggressiv aufbegehrt gegen alles, was man für inakzeptabel hält. Wenn ich etwas in den letzten 30 Jahren gelernt habe, dann dass das ‚Rebellieren‘ sehr oft einfach nur den ‚Rebell‘ zerstört. Die Kräfte, gegen die man aufbegehrt, sind einfach zu groß, zu stark.“ Vielmehr sollte man eine Kraft innerhalb der eigenen Welt bilden, die Umwelt seiner selbst sein. „Wenn jeder von uns einfach nur jede noch so kleine Handlung mit größerem Bewusstsein bezogen auf die Folgen, die man bei anderen auslöst, überdenkt, glaube ich, kann dies die leiseste und größte Revolution von allen herbeibringen. Niemand von uns kann das Voranschreiten und Erstarken des Systems aufhalten. Also lasst uns diesem so gegenübertreten, dass wir alle einen Vorteil daraus ziehen. Wir können dies auf gewisse Weise ausbalancieren, indem wir jedem und allem mehr Aufmerksamkeit schenken. Das kleinste Wort, die kleinste Handlung kann eine enorme Wirkung zeigen – auf eine gute oder schlechte Weise. Es liegt ganz bei uns.“

Annes Texte setzen sich unter anderem kritisch mit den Unzulänglichkeiten des Menschseins, des alltäglichen Lebens und der Politik auseinander, was besonders den frühen Veröffentlichungen einen schwermütigen und melancholischen Ausdruck verleihen. So etwas wie Weltschmerz mit einer unterschwelligen Hoffnung, dass sich die Dinge zum Guten wenden. „Ich denke, dass die bedeutendsten Veränderungen immer in einem selbst passieren müssen und alles an der Art liegt, wie wir mit der Welt umgehen. Um ehrlich zu sein, nein, die Dinge haben sich in der Zwischenzeit nicht verbessert… und doch haben sie es auf eine gewisse Weise schon.“ Vielleicht haben wir uns verändert, vielleicht auch unsere Sichtweise. Jeder muss für sich seinen Platz in der Welt finden. Jeder muss wissen, wie er sich verhält, wie er die Dinge wahrnimmt, die um ihn herum geschehen und wie jeder durch sein Verhalten andere Menschen beeinflusst oder beeinträchtigt.

In früher Zeit arbeitete Anne in einer psychiatrischen Klinik. Das ist lange her, aber wohl der einflussreichste Teil ihrer Erziehung. Dort hat Anne mehr über das Leben und das menschliche Verhalten gelernt als an irgendeinem anderen Ort. „Diese Institutionen waren definitiv nicht ideal und ich sah schreckliche Grausamkeit von bestimmten Mitgliedern des Anstaltspersonals, welche gegenüber den Patienten verübt wurden. Diese ‚Heime‘ wurden mittlerweile geschlossen. Nun wundere ich mich, dass diese Grundstücke dort in Luxusappartements umgewandelt wurden. Was ist bloß mit all diesen ‚verrückten‘ Menschen geschehen. Wo sind sie heute?“

Bereits zu Beginn ihrer Karriere hatte Anne Clark Erfolg. Die wohl bekanntesten Titel „Our Darkness“ und „Sleeper in Metropolis“, welche auch heute noch zahlreiche Tanzflächen füllen, erschienen bereits 1984. In gewisser Weise ein schwerer Rucksack, forderten die Plattenfirmen doch nur solche Titel. Doch Anne dachte und denkt nicht in kommerziellen Bahnen. Wie Don Quijote kämpfte sie einen fast aussichtslosen Kampf. Man kann nur erahnen, wie zermürbend es sein muss, wenn das Gegenüber nur kommerziell Verwertbarem Bedeutung beimisst. „Oh, das war ein höllischer Kampf – die ganze Zeit! Ich bin sehr glücklich, dass ich immer eine unglaublich loyale Zuhörerschaft sowie wundervolle musikalische Mitstreiter hatte, die mit mir durch gute und schlechte Zeiten gingen. Und DAS ist unbezahlbar.“ Bei einem Konzert kam sie gar mit einer Videokamera auf die Bühne und animierte die Fans zum Winken, um die Behauptung der Plattenfirma, dass sich für diese Musik niemand interessieren würde, zu entkräften. Für Anne war der Schritt zu einem eigenen Label folgerichtig, um die eigene Kreativität ohne Einschränkungen ausleben zu können. Raus aus der Abhängigkeit vom Wohlwollen der Plattenfirmen. Zähe Verhandlungen über Musikstücke, die den Plattenbossen nicht kommerziell genug ausgerichtet waren, hinter sich lassend. Ein eigenes Label gab ihr die ersehnte Entscheidungsfreiheit – ganz ohne Blick auf die Maximierung der Verkaufszahlen. Kompromisslose Gestaltungsfreiheit.

Doch nicht nur die Labels können einem Künstler zu schaffen machen. Auch die Entwicklung des Internets – der heute wahrscheinlich der am häufigsten besuchte Musikraum – beurteilt mancher Musiker kritisch. In Anbetracht von illegalen Downloads und Streamingdiensten, die einen schnellen Konsum einzelner Lieder erlauben, ohne sich auf die Gesamtheit eines Albums einzulassen, mag der Eine oder Andere einen Werteverlust der Musik feststellen. Anne kann dies jedoch nicht bestätigen. Sie sieht vielmehr eine Überfrachtung an Informationen. Musik, Bilder, Nachrichten, Werbung und Gewalt. „Aus diesem Grunde ist es heute wichtiger denn je, das Konsumierte zu filtern und zu überdenken – und dies bei allem.“

Im Laufe der Jahre hat Anne Clark mit einer beträchtlichen Zahl Musikern zusammen gearbeitet. Viele Musiker wurden durch ihre Musik und Texte inspiriert. Im Rückblick: welche Momente haben Anne geprägt und beeinflusst? „Ich hatte und habe viele verschiedene Einflüsse – von der klassischen Musik über Gospel, Punk Rock, David Bowie, Roxy Musik, Tim Buckley bis hin zu modernen Komponisten wie Arvo Pärt und Nils Fram. Es sind wirklich zu viele Einflüsse, um sie alle aufzuzählen. Es ist ja nicht nur die Musik, sondern auch Kino, Literatur, Theater etc.“

Aber Annes Schaffen besteht nicht nur aus Musik. Essentiell sind die von ihr dargebotenen Texte. Eine Art Rezitieren. Dabei fällt auf, dass Anne Clark gerne auf die Worte deutschsprachiger Autoren zurückgreift. Rückert, Nietzsche oder Rilke. Woher kommt diese Leidenschaft für deutschsprachige Schriftsteller? „Ich weiß nur, dass diese Autoren mit solch einer Tiefgründigkeit geschrieben haben, welche über alle Nationalität und Sprachgrenzen hinausgeht. Ich glaube, da ist ein Hinterfragen und Suchen bezogen auf den Deutschen Geist, das mich umtreibt und anzieht.“

Der starken Verbundenheit mit Deutschland und seiner Kultur steht der prägende Stempel, den ihre Heimat hinterlassen hat, gegenüber. Trotz dieser Prägung fühlt sie sich entfremdet. So war für eine gewisse Zeit Norwegen eine Art Exil. „Diese engstirnigen und selbstsüchtigen Ansichten über den Rest der Welt verabscheue ich. Norwegen war mein Zufluchtsort, als schöpferische Krisen mich an keinen anderen Ort gehen ließen.“

In der unvergleichlichen Atmosphäre Norwegens reifte der Traum einer Art Kommune kreativer Menschen. Gemeinsam leben – gemeinsam arbeiten. Was ist aus diesem träumerischen Gedanken geworden? „Es ist eine nette Idee und ein netter Traum. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, wie realistisch dieser Traum wirklich ist. Denn es braucht ja eine sehr spezielle Mischung von Leuten und eine spezielle lebendige Vision, damit das erfolgreich sein kann!“

Aber Anne Clark hat viele Pläne, die auf Umsetzung warten. So klingt „Abschiedstournee“ zwar endgültig, aber wie wir schon eingangs erfahren durften, steht manches Konzept bereits in den Startlöchern oder vor der Vollendung. Aufhören? Nein! „Ich will eigentlich mit gar nichts aufhören. Ich möchte einfach sehen, welche anderen Projekte ich in den nächsten Jahren realisieren kann.“ Und auf die abschließende Frage, was wir bei den letzten Konzerten erwarten dürfen, erhalten wir folgerichtig und mit einem Augenzwinkern die Antwort: „Kommt doch vorbei und findet es selbst heraus.“

08.03.16 Nürnberg, Hirsch
09.03.16 Freiburg, Jazzhaus
10.03.16 Karlsruhe, Tollhaus
13.03.16 Celle, CD Kaserne
14.03.16 Hamburg, Mojo Club
17.03.16 Saarbrücken, Garage
18.03.16 Bielefeld, Forum
19.03.16 Wiesbaden, Alte Schmelze
20.03.16 Bonn, Harmonie
21.03.16 Reutlingen, FranzK
22.03.16 Marburg, KFZ
23.03.16 Jena, F-Haus
24.03.16 Potsdam, Lindenpark
26.03.16 Dresden, Straße E
27.03.16 Rostock, Mau Club
03.04.16 München, Ampere/Muffatwerk

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