Auf der Volksbühne: Lisa Morgenstern

02. April 2015

BERLIN, VOLKSBÜHNE

Der Grüne Salon der Volksbühne bietet seinen Besuchern u. a. einige bequeme Clubsessel und gepolsterte Bänke an. So versanken unsere Körper kurz nach der Ankunft in einer gewissen Behaglichkeit. Die Seele hingegen wurde an diesem Abend von Lisa Morgensterns Klangwelten vereinnahmt. Klangwelten, die alles andere als „gemütlich“ sind.

Als Lisa Morgenstern am Flügel Platz nahm – zuvor hatten bereits Benni Cellini (Cello) und Katharina Parczyk (Geige) die Bühne betreten – herrschte eine gespannte Stille, ehe die ersten Klänge den Beginn einer emotionalen Reise einleiteten. Diese glich einem Tauchgang in die dunklen Tiefen der menschlichen Seele. Nur selten gewährte Lisa Morgenstern einen Blick Richtung strahlender Sonne und blauen Himmel, um Luft zu holen. Innere Wunden wurden aufgerissen und höchstens notdürftig verschlossen.

Fast andächtig wirkte das Publikum. Nach den ersten Stücken herrschte eine gespenstische Ruhe, ehe sich die Schockstarre langsam löste und die fesselnden Lieder mit dem ihnen gebührenden Applaus bedacht wurden.

Barfuss und in ein weißes Kleid gehüllt erschien Lisa ausgesprochen zerbrechlich. Beinahe schüchtern wirkten ihre Ansagen. Die Texte ihrer Lieder sind gefühlsbetont und ergreifend. Sie transportieren Erlebtes und Gefühltes. Vorgetragen mit einer disziplinierten Stimme, deren Bandbreite allein schon fasziniert. Eine gleichfalls doch unbändige Stimme, welche tiefe Emotionen herausschrie oder auch nur flüsterte.

Emotionen, die sich erst langsam ins Innerste vortasteten und anschließend unaufhaltsam und mit aller Macht in die eigenen Gefühlswelten eindrangen. Angst, Wut, Hass, Verzweiflung, Bitternis. Das Leben mit all seinen Rückschlägen. Unerfüllte Hoffnungen, falsche Freunde, schreckliche Kindheit. Perlende Töne entlockte Lisa dem Flügel – um den Zuhörer sogleich mit hämmernden Klängen mitzureißen. Dieser musikalische Tornado fand in Katharina Parczyks Geigenspiel ebenso wie in ihrer gesanglichen Unterstützung eine wunderbare Ergänzung, die durch die auffälligen Klänge, die Benni Cellini mit seinen filigranen Celli kreierte, perfektioniert wurde.

Lisa Morgenstern – äußerst präsent aber irgendwie „abwesend“. Sie lebt in ihren Liedern. Ihre Stimme ist der Atem und der Flügel intoniert ihren Herzschlag. Und ihre ganze innere Welt liest man von ihrem Gesicht ab, bei dem die Wimpern nur einen unzureichenden Schutz-Vorhang bilden. Texte und Melodien, Stimme und das Spiel am Flügel, Lisas leidenschaftliche Körpersprache und der oft scheinbar nach innen gerichtete Blick erschufen eine besondere Atmosphäre.

Aber letztendlich öffnet Lisa Morgenstern nur Türen – hindurchgehen muss jeder Hörer allein. Emotionen muss man auch erleben wollen. Und auch aushalten wollen. Ein energiegeladener, leidenschaftlicher Auftritt. Ungewöhnlich.

Stücke der beiden bisherigen Veröffentlichungen „Amphibian“ und „Metamorphoses“ erklangen. Viel Bekanntes und doch immer brennend neu. Und natürlich auch „Lieber Tod“, welches zum Ende noch die letzte Fassung hinwegfegte…

Text: Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch
Fotos: Marcus Rietzsch

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