Clint Lukas – Für die Liebe, für die Kunst

Clint Lukas, Jahrgang 1985, ist kein Ur-Berliner. Geboren in Neustadt an der Weinstraße machte er mit 20 die deutsche Hauptstadt zu seiner Wahlheimat. Hier schreibt, liest und filmt er. Berlin war schon früher Anziehungspunkt für Bohemiens aller Art. Und ein solcher scheint Clint Lukas zu sein. Die Stories sind in der Ich-Form geschrieben und bestimmte Grundzüge des „Helden“ decken sich mit dem realen Leben des Autors. Es liest sich verwirrend. Verwirrend für einen nicht unbedingt spieß- aber doch bürgerlichen Leser.

Sowohl der Autor als auch sein Protagonist sind ohne Berufsausbildung oder Studienabschluss. Man entscheidet sich, in der ehemaligen Mauerstadt „in Kunst zu machen“. Berlin – eine Stadt voller echter und Möchtegern-Künstler. Sich als Wildwuchs inmitten von Schickimicki und Untergrund zu behaupten, gestaltet sich problematisch, im realen Leben und in den Geschichten. Der Papier-Held steckt mittendrin im Berliner Künstlerdaseinsuntergrund. Und erzählt davon. Kompromisslos eben. Keine diplomatischen Eingeständnisse gegenüber konventioneller Höflichkeit. Keine Kompromisse bezüglich zurückhaltendem Anstand und Moral. Und so werden zahlreiche Liebesbeziehungen beschrieben. Wobei Liebesbeziehung hier ein Synonym für wechselnde sexuelle Kontakte ist. Wenn man leben will, braucht man Geld. Wenn man Geld will, muss man in der Regel dafür arbeiten. Auch darüber wird erzählt. Wenn man Künstler werden, sein, bleiben oder so ähnlich will, ist man gezwungen, sich in Künstlerkreisen zu bewegen. Auch darüber lässt sich der Held aus. Grob, unfein, unerbittlich. Was auch immer man als „Teil- oder Fast-Bürgerlicher“ über Job und Frauen und die Künstlerszenedenken mag – so würden es die Wenigsten aussprechen. Aber in „Für die Liebe, für die Kunst“ spricht (bzw. schreibt) jemand, wie es ihm in den Sinn kommt. Wobei dieser Sinn maßgeblich von Pillen, Drogen, Speed und Alkohol be- und entflügelt wird. Ist die Szene wirklich so? Oder wünschen wir „Bürgerliche“ es uns einfach so? Hängen wir einem Klischee an, welches hier in diesen aufgeschriebenen Szenen gelegentlichen Wachseins scheinbar bestätigt wird? Oder führt uns hier jemand an der Nase herum und ertappt uns bei unseren eigenen Vorurteilen?

Auf jeden Fall klappt beim Lesen der Dialoge und Gedankenfetzen hin und wieder verblüfft der Unterkiefer herunter. Zwischen allen vulgär formulierten Ereignissen tauchen bekannte Künstler-Namen auf, mit deren Schaffen sich der Protagonist auseinandersetzt. Mit dieser etwas überheblichen Ausdrucksweise. Ein junger Künstler, der am Anfang stehend in abgeklärter Weisheit die schöpferischen Ergebnisse der „Großen“ kommentiert. Nun ja, üblicherweise kann der Fernsehzuschauer einen Fehlpass von Gomez auch besser erklären als der Spieler selbst. Wir (Bürgerliche) sind so weit weg von dieser Sprache des Story-Helden-Jungkünstlers. Wirklich? Etwas verwirrt, deprimiert, verschämt musste ich feststellen, dass die in einer Erzählung aufgeführten Top-5-Filme in meiner persönlichen Bestenliste nicht aufgetaucht wären. Da könnte man jetzt viel drüber schreiben. Aber das wäre noch eine ganz andere Geschichte.

Zurück zu den Erzählungen. Kaleidoskopartig tauchen hier Situationen auf, die ebenso normal wie skurril sind. Er – der Held – jobbt als Wurstverkäufer, oder manövriert sich in einen Emanzenkrieg, lässt sich in Israel verprügeln, steht als selbstloser Hilfsbereiter in einem Hospiz da, macht sich Gedanken über Billig-Einkäufer, und immer wieder seine Frauen-Bekanntschaften der etwas anderen Art. Total überzeichnet ist die Heldenfigur in „Für die Liebe, für die Kunst“ und erscheint doch sehr echt. Prägnant und dicht formuliert drängt sich hier fast eine „Biographie“ auf und man vergisst, dass es „nur“ Stories sind.

Viele Geschichten des Clint Lukas bringen die Dinge recht simpel auf den Punkt. Derb werden die kleinen Fensterausblicke aus dem Sein und Dasein zurechtgeschnitten und beschrieben. Die Situationen, in die sich der kompromisslose Held begibt, entbehren nicht einer gewissen Komik. Es ist schon irgendwie amüsant. Ist das auch Berlin? Schauen wir mit Hilfe des Buches in eine Künstler-Parallelwelt? Sind es wirklich haufenweise „spinnerte“ Typen? Diese bekommen es in Form der Hauptfigur des Clint Lukas aber ganz schön als Satire um die Ohren gehauen. Aber es ist auch ein Hinterfragen, ob ein „normales“, durch Job und Familie geprägtes Leben unbedingt als Standard für Jedermann gelten muss, soll, kann.

Dieses Büchlein zeigt, dass es neben den millionenfach aufgelegten Allerwelts-Erfolgs-Romanen auch eine ganz andere neue Literatur-Richtung gibt. Frech und sich nicht anbiedernd. Man kann es schon fast als Untergrund bezeichnen.

Etwas ganz anderes machte das Lesen problematisch: die Schrift. Auch mit Lesebrille anstrengend. Aber einige Geschichten befinden sich auf der beiliegenden CD. Augenschonend.

Die Rückseite des Umschlags informiert:
„Clint Lukas’ kompromissloser Held geht malochen, obwohl er Arbeit scheiße findet, macht Filme, obwohl er Filmleute nicht ertragen kann, hält sich für einen Frauenversteher und hat trotzdem immer Streit mit ihnen. Woran das liegt, dass immer alles so kompliziert sein muss? An ihm wohl kaum. Findet er jedenfalls.
Clint Lukas ist Mitglied der Surfpoeten, der ältesten Lesebühne Berlins. Dieses Buch mit CD enthält eine Auswahl seiner besten Geschichten.“

Periplaneta – Verlag und Mediengruppe
www.periplaneta.com
Buch & CD, Englisch Broschur, 120 Seiten/68 Minuten, 13,5 x 13,5 cm
ISBN: 978-3-940767-81-3

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