Clint Lukas – Nie wieder Frieden

Geschichten vom südlichen Ende des Wahnsinns

Davon, dass sich hinter diesem provokanten Titel ebenso provokante Geschichten verbergen, darf man wohl ausgehen. Zwei Bücher vom jungen Herrn Lukas habe ich bereits gelesen: „Das schwere Ende von Gustav Mahlers Sarg“ und „Für die Liebe – für die Kunst“. Beides sind gesammelte temporeiche Erlebnisse, durch welche ich fast atemlos gestürmt bin. Und ja, es ist wieder die gleiche freche junge Sprache, welche gegen meinen Dostojewski-Horizont anstürmt. Nein, ich reg mich jetzt nicht künstlich auf. Mitnichten. Solche Sprache ist eine Brücke über die Jahre. Darauf muss man hören.

„Nie wieder Frieden“ beinhaltet turbulente Episoden, welche sich in gewisser Weise in die beiden vorgenannten Bücher einpassen. So könnten sie durchaus biographisch sein. Wenn auch höchstwahrscheinlich etwas bunter ausgeschmückt.

Auf der Rückseite des Hardcovers stehen folgende Zeilen:

„Nie wieder ausruhen.
Nie wieder nüchtern sein.
Nie wieder Frieden.
Nie wieder halbe Sachen. Nie
Wieder Langeweile. Nie wieder
Lügen. Nie wieder Frieden.
Es gibt kein friedliches Leben im falschen.
Die Waffen werden nie wieder schweigen.
Nie wieder Frieden. Da ist
Kein Grund, verzweifelt zu
sein.“

Warum diese Kriegserklärung? Es ist die Kampfansage der Jugend an das „Normale“, an die „Ordnung“, an Pflichten und Alltagstrott, an eingefahrene Gleise, gegen „Benimm Dich anständig“ und „Das tut man nicht“, gegen Allüren, gegen Vorurteile, gegen Besserwisserei, gegen Spießer. Und das ist so alt wie die Welt. Der Zorn, das Aufbegehren. Der Kampf gegen den alles überrollenden Panzer aus Gewohnheit und Bürgerlichkeit. Clint Lukas kämpft dagegen auf seine Weise. Mit Unordnung, Alkohol und anderen erhältlichen Drogen. Der Schauplatz ist nicht nur die Wahlheimat Berlin. Clint Lukas scheint in der Lage, den Erdball mit seinem fast phlegmatisch wirkenden Chaos zu überziehen. Bizarre Situationen – bei denen man eigentlich die Hände über den Kopf zusammenschlagen müsste – nimmt der Autor stoisch hin. Gelegentlichen dringlichen Arbeitsaufträgen kann er zwar entweichen, bessert die Situation damit aber nicht auf. Beispielsweise wenn man sich als Fluchtort eine übervolle mobile Toilette aussucht. „Es gilt, dem Phänomen Arbeit nicht grundsätzlich auszuweichen. In geringen Dosen kann es anregend sein. Man entkommt seinem Alltag, sieht auch mal andere Gesichter und manchmal, wenn es gut läuft, gibt´s sogar Handgeld, um die lieben Laster zu pflegen.“ Begegnungen mit Stinos ufern in üble Beschimpfungen aus. Böser Alkohol! Einen Clint Lukas gibt es nicht allein: In „Nie wieder Frieden“ begegnet der Leser weiteren Protagonisten, die ebenfalls unangepasst durchs Leben trudeln. Verschiedenste personelle Konstellationen und immer mit maximaler Reibung am „normalen Bürgertum“ torkeln Clint Lukas und Freunde durch die Untiefen von Jobs, Existenz und Mitmenschen. Zwischendurch tauchen zudem seltsame Begleitpersonen auf. Silvio, der Koch, hört Mahler und Bach und kennt sich in diesem Bereich der Musik gut aus – würde dieses aber nie zugeben, um nicht für gebildet gehalten zu werden (welch Makel!). Ein kleiner Hieb gegen Öko-Tussis, die auf Kartoffeln aus regionalem Anbau bestehen, aber Orangen kaufen die nun gewiss nicht heimisch sind. „In jedem Land, jeder Stadt, jedem Zimmer pflegen mir Kleingeister in die Suppe zu spucken. Deshalb lasse ich die Suppe auch stehen und ess stattdessen das Fleisch. Menschen wie Silas sind das Fleisch. Man stößt auf sie, wie auf Edelweiß, oft an kargen, gefährlichen Orten. Deswegen werde ich immer weiter streben, stets auf der Suche nach mehr. Nach mehr Dummheit, mehr Leben, mehr Laster und Rausch.“ Silas ist einer der Freunde und Begleiter von Clint Lukas.

Die Geschichten werden in einer frivolen Sprache, einer drastischen provokativen Ausdrucksweise dargeboten. „Nie wieder Frieden“ will nicht gefallen, sondern ehrlich sein. Zu ehrlich, um wirklich todernst gemeint zu sein. Das Derbe, Ungehobelte, ja, Vulgäre  überzeichnet die Realität. Der Leser darf sich ruhig der einen oder anderen Frage selbst stellen und festgezurrte Wahrheiten hinterfragen.

Das Buch endet mit dem Gedicht „Ich mag dich“. Das ist eigentlich romantisch. Zumindest so, wie Clint Lukas wahrscheinlich Romantik definieren würde. Eine Liebeserklärung. Übrigens auch auf der CD eingesprochen. Titel 12.

Eine Kriegserklärung gegen Spießertum und Spaßverderber. Man möchte es Clint Lukas gönnen, dass er den Kampf gegen die Windmühlenflügel gewinnt. So möchte ich das Buch den „Erwachsenen“ ans Herz legen: Hört zu, denn die Jugend spricht – nicht weg.

Nicht zu vergessen: Zeichnen kann er auch noch, der Clint Lukas. Sehr gut sogar. Den Text bereichernd und unterstützend.

Ilustriert, Hardcover, Fadenbindung, 148 Seiten, mit CD, Edition MundWerk
ISBN: 978-3-95996-006-9

Dem Buch vorangestellt:
„Clint Lukas‘ Erzählungen sind eine Kriegserklärung an die Langweiler, die Heuchler und die Selbstgerechten. Sein Feind ist der Idiot an sich und seine Helden begegnen dem, was ihnen der absurde Alltag so vor die Füße kotzt, mit Ironie, Humor, Mescalin und anderen Drogen – aber vor allem mit Liebe und Leidenschaft. Sein Ich-Protagonist ist so kompromisslos ehrlich, dass er gar nicht politisch korrekt sein kann. Pointiert erzählt und für den Leser tragisch-komisch scheitert er, verliert sein Herz, lässt sich auf skurrile Kunst-Projekte ein und kämpft gegen den Stumpfsinn einer auf Konsum und Konformität getrimmten Gesellschaft.

Clint Lukas, Wahlberliner und Mitglied der legendären Lesebühne ‚Die Surfpoeten‘, bringt mit ‚Nie wieder Frieden‘ seinen zweiten Kurzgeschichtenband heraus. Einige der 28 Texte wurden von ihm illustriert. Zwölf seiner dialogischen Erzählungen sprach der Autor für die beiliegende CD im Studio ein.“

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