Dandelion Wine – Le Cœur

Dandelion Wine – Le Cœur

Zuletzt war es recht still um die experimentelle Folk-Formation „Dandelion Wine“ aus Australien. Die letzte Veröffentlichung, „All Becompassed By Stars“ ist bereits zehn Jahre alt. Die Band gibt als Gründe für die lange Funkstille unter anderem den Umzug von Berlin nach Melbourne und die Geburt von verschiedenen Kindern an. Aber jetzt gibt es endlich etwas Neues: Das fünfte Studioalbum heißt „Le Cœur“ und ist seit Ende Juli bei allen gängigen Streaminganbietern sowie als Download auf Bandcamp.com erhältlich.

Für Freunde von „Dead Can Dance“, „Faun“, „Mila Mar“, „Omnia“, „Qntal“ und Konsorten klingt die Musik auf „Le Cœur“ wie eine längst überfällige Heimkehr: Es gibt mittelalterliche Instrumente, prominente Trommeln, zarten bis frechen Frauengesang, langsame Cello- und Hackbrettklänge und das eine oder andere Gitarrenriff. Das Konglomerat wird garniert mit einem – je nach Lied mehr oder weniger starken – Hauch Elektronik. Dazu gesellen sich, der Abbildung der schwangeren Frauen auf dem Titel gemäß, Herztöne von Ungeborenen. Klingt experimentell? Ist es auch – und sehr atmosphärisch.

Zum runden Hörerlebnis haben Gastmusiker aus aller Welt beigetragen, von denen hierzulande wohl Rüdiger Maul von „Faun“ der bekannteste sein dürfte. Dazu tummeln sich HakGwai Lau an einer chinesischen Spießgeige, Denni Meredith von der südaustralischen Band „Brillig“ am Bass, sowie Phil Coyle und Pete McKeown auf dem Album.

Die Band selbst beschreibt „Le Cœur“ als Reise – und das ist vielleicht wirklich eine gute Klammer, in die sich die sehr unterschiedlichen Stücke fassen lassen. Man kann die experimentelle Weltmusik auch als Hymne auffassen, als Lob auf das Leben, das nie einfach, eindimensional oder einseitig ist. Dazu passt die Abbildung auf dem Titel: Die drei hochschwangeren Frauen sind so positioniert, dass sie in der Natur immer wieder vorkommende Muster imitieren. Die kann man zum Beispiel sehen, wenn man sich Schneeflocken unter dem Mikroskop anschaut. Mit dem bloßen Auge sind sie nicht sichtbar, sind aber doch – genau wie die ungeborenen Kinder – der eigentliche Wesenskern des Lebens. Klingt poetisch? Ja, so ist „Le Cœur“ eben auch. Könnte man nach dem leisen, hypnotischen Opener „Hall of Leaves“ jedenfalls meinen. Und dann singen und fragen die Bandmitglieder in „Unlikely Impossible“ zu leisen Hackbretttönen merkwürdig schief „What the Hell is going on here?“. Das Hackbrett wird durch schrammelnde Elektro-Töne abgelöst und schon ist die Poesie zu einem surrealen Traum mutiert – nur um im anschließenden „Le Cœur I“ beide Elemente zu einem düster-melancholischen Trip zu verbinden. „Le Cœur II“ ist dann wieder leiser und poetischer, während „One of my friendly days“ an die Klänge der Experimentalelektroniker von „Euzen“ erinnert.

Und so hat „Le Cœur“ das Zeug dazu, wenn schon nicht zur Reise selbst, so doch zu einer richtig guten Reisebegleitung zu werden. Auch wenn diese Reise eher ins Innere statt in fremde Welten führen wird.

Eine Europatour zum neuen Album war geplant, ist aber wenig überraschend wegen Covid-19 auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

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