Die alte Fleischfabrik

An einem gefühlt sibirisch-kaltem Vormittag treffen go2knowwir uns mit einem Tour-Guide von „go2know“ vor einer seit 1994 geschlossenen Fleischfabrik, ehemals ein Teil der Konsumgenossenschaft Berlin. Weitere Fotografen und Geschichtsinteressierte warten verfroren wirkend auf Einlass.

Die blockigen Gebäude wirken trutzig. Dickes Gemäuer wehrt sich gegen Wind und Wetter. Gelände und Gebäude befinden sich unter Verschluss und Bewachung, was neuem Vandalismus glücklicherweise entgegenwirkt. Die Fenster der oberen Stockwerke sind geschlossen. Die unteren Fensterfronten wurden mit Holz- oder Metallplatten gesichert. Nach einigen dringlichen Verhaltensregeln verstreut sich die Menge in die verschiedenen Gebäude und Räume. Der „Erkundungsrundgang“ beginnt.

Wer gehofft hatte, Fleischverarbeitungsmaschinen zu finden, wird enttäuscht. Das Schicksal aller von der Treuhand nach der Wende verscherbelten DDR-Produktionsbetriebe gleicht sich: Maschinen, Anlagen und alles, was zu Geld gemacht werden konnte, wurde verkauft. Die Gebäudehülle als „Klotz am Bein“ wurde schutzlos der Witterung überlassen. In den Hallen findet man Anschlüsse und Befestigungsteile, Leitungen, Rohre, Sicherungskästen, sowie Schaltanlagen, die die Geschäftigkeit an diesem Ort erahnen lassen. Doch gegenwärtig herrscht Stille. Einzig durchbrochen vom Heulen des Windes und der Schritte und leisen Gespräche einzelner Besucher.

Schächte im Boden mahnen zur Vorsicht. Welche Anlagen mögen diese Stellen einst beherbergt haben? Aus den Wänden winden sich Büschel von spinnenartigen, teils auch wie Greifarme wirkende Kabelenden. Die Amputationsreste entfernter Maschinen. Hilflos in der Luft tastend auf der Suche nach ihrer ursprünglichen Aufgabe?

Große Absperrventile ziehen die Blicke auf sich, verlocken zu einem Funktionstest und verführen zu Detailaufnahmen. Messstationen mit vielen Skalen beweisen, dass die Beobachtung von Druck und Temperatur enorm wichtig war. Eine Deckenverkleidung in Lamellenform wirft die Frage nach dem Sinn der Form auf. Monströse Schraubenköpfe und Muttern an den Verbindungen der Rohre rufen Erstaunen vor. An den Werkstatttischen, überfrachtet mit nicht identifizierbaren Teilen und alten Auftragszetteln, wurden wohl die Reparaturarbeiten für die hauseigenen Produktionsmaschinen erledigt.

Zwischendurch konnte sich im Eingangsbereich, wo sich auch ein Sanitärbereich befand und heißer Kaffee bereitstand, aufgewärmt und das eine oder andere Wort gewechselt werden, ehe man die Tour durch das Fleischwaren- und Feinkostwerk fortsetzte.

Gestelle mit Rädern, auf denen einstmals reihenweise die Rohwürste zum Räuchern aufgehängt wurden, stehen gedrängt. Gleißendes, durch matte Scheiben in die Halle hereinbrechendes Sonnenlicht taucht die Szenerie in einen warmen, goldgelben Farbton. Räucherkammern, leer und dunkel, verströmen auch nach zwei Jahrzehnten weiterhin einen feinen Geruch nach Geräuchertem.

Die Kantinenküche scheint beinahe noch nutzbar zu sein. Große Spülbecken, mehrere Kühlschränke, Kalkulationsblätter und Rezepturen, Herde – alles vorhanden. Eine gewissenhafte Säuberung, das Anschließen von Ver- und Entsorgung – und schon könnte es losgehen. An anderen Stellen finden sich Stiefel, Arbeitsjacken und Aluminium-Esslöffel. Ein Bottich mit Altfett zeugt von dem jähen Ende des Betriebs.

Im Verwaltungsbereich liegen persönliche Unterlagen auf einem Tisch verstreut. Aufgeschlagene Ordner, Stammkarten mit Namen, Daten, Urlaubsansprüchen. Welche Schicksale mögen sich hinter diesen Aufzeichnungen verbergen? In einem anderen ehemaligen Büro findet man farbenfrohe Prospekte. Scheinbar aus der Aufbruchszeit, als sich Firmenleitung und Belegschaft Hoffnungen auf eine gesicherte Existenz machten.

In einem Umkleideraum stehen unzählige schmale Garderobenschränke. Teilweise mit Namen beschriftet, frechen Sprüchen auf Zetteln, alten Holzbügeln. Etwas abgeteilt eine medizinische Liege und ein Schränkchen mit abschließbarem Fach. War dies der Frauenruheraum?

Ein riesiger Schornstein, Teil des Ende der 1920er Jahren errichteten Kesselhauses, strebt einem blassblauen Himmel entgegen. Die Anlage im Inneren dieses Heizhauses ist mächtig. Durch hohe Mosaikfenster fällt farbiges Licht und sorgt für eine interessante Stimmung. Über Leitern und Stege aus Metall lässt sich die Anlage „bezwingen“. Eindrucksvoll sind die Rohrleitungen in einem scheinbaren Gewirr. Riesige Flansche weisen auf den hohen Druck, dem standgehalten werden musste, hin. Nahezu perfekt passt sich ein imposantes Graffiti in die Szenerie ein: Das Porträt eines mit Schutzanzug und Gasmaske Gekleideten steht in seiner Größe der im Zentrum des Raums stehenden Konstruktion aus Metall in nichts nach. Ergänzt wird das auch farblich stimmige Kunstwerk durch die Abbildung des Gefahrensymbols für gesundheitsschädliche Stoffe.

Gegenüber befindet sich eine ehemalige Bäckerei (erbaut 1910-1913), ebenfalls Teil der Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten und nach wie vor bestehenden Konsumgenossenschaft. Ein stockfinsteres Keller-Labyrinth durchtastend stehen wir plötzlich an einer Kegelbahn. Nebenan stehen zwei Billardtische. Zu DDR-Zeiten wurden im Betrieb regelmäßig Freizeitabende organisiert und zusammen mit den Kollegen ausgelassen gefeiert.

Graffitis stellen in verlassenen Gebäuden oftmals ein Ärgernis dar. Handelt es sich doch meist um Schmierereien denn Kunst . So findet man auch hier den einen oder anderen unschönen Schriftzug, aber es gibt ebenso sehenswerte Malereien. Beispielsweise beherrscht ein wunderschöner Drache eine ehemals kahle Wand.

Nach fünf Stunden neigte sich die Erkundung dem Ende entgegen. Viele Eindrücke vom ehemaligen Wirken in diesen Gebäuden bleiben. Heute kann man sich durch „go2know“ einen Einblick in die Vergangenheit verschaffen und sehr interessante Erkenntnisse gewinnen. Empfehlenswert für „Neugierige“ und Fotografen. An diesem Ort werden übrigens auch regelmäßig HDR-Fotokurse veranstaltet. Doch wie wird sich die Zukunft der ehemaligen Fleischfabrik gestalten? Findet sich ein Investor mit einer praktikablen Idee? Hoffentlich…

go2know ermöglicht die ausgiebige Erkundung verlassener Orte (Lost Places). Die Gebäude wurden vorher begutachtet und offensichtliche Gefahrenquellen abgesperrt. In den zugänglich gemachten Bereichen kann sich jeder Teilnehmer selbständig bewegen und fotografieren. Die Erkundung erfolgt mit Erlaubnis der Eigentümer und auf eigene Gefahr.

 
Text: Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch
Fotos: Marcus Rietzsch

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