Die Welt der verlassenen Orte

Wer einmal vom Virus „Lost Places“ befallen wurde, wird ihn wohl nie wieder los. Die Faszination dieser Orte, die Geschichten, die sich darum ranken, das Flair vergangenen Lebens ist unbeschreiblich groß. So verschlinge ich jeden Bildband mit Fotografien von verlassenen Orten – meistens voller Sehnsucht und mit einer Spur Neid. Wie auch „Die Welt der verlassenen Orte“ mit Bildern aus aller Welt. Und die Welt ist so unendlich groß und diese Orte werde ich niemals selbst besuchen können. So hole ich mir die Träume ins Wohnzimmer, was so ähnlich ist, wie mit dem Berg und dem Propheten.

„Die Welt der verlassenen Orte“ ist mit ausführlichen Texten in Deutsch und Englisch versehen, was das Verstehen der Fotografien unterstützt. Sind doch die besuchten Orte so unterschiedlich, dass man den Kopf schütteln muss. Naturgewalten, die Macht gesellschaftlicher Veränderungen, familiärer Kleinkrieg oder Unternehmenspleiten – die Ergebnisse gleichen sich: Verfall, Zerstörung. Wallfahrtsorte für Fotografen und Abenteurer. Und die Fotografen sind auch aus aller Welt.

Die Abfolge im Buch behalte ich bei. Was keine persönliche Wertung darstellen soll. Schließlich wäre eine solche Einordnung ohnehin unmöglich. Also folgen Sie dem Buch auf eine Reise um die Welt.

Prypjat. Prypjat? Klingt irgendwie bekannt. Klingt russisch. Es handelt sich dabei um die Stadt, welche nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl binnen Stunden geräumt wurde. Alles blieb, wie es war. Ein Vergnügungspark – inklusive Autoscootern, die von Gras, Moos und Pfützen umgeben sind – scheint die Dekoration zu einem Endzeitfilm zu sein. Unwirklich. Als wäre die Menschheit plötzlich während eines Herzschlages verschwunden… na ja, so war es ja fast. Infrastruktur, Plattenbauten – alles gespenstisch leer. Durch Filmexpeditionen wissen wir, dass die Tierwelt sich nicht um eine Strahlenbelastung kümmert und alles in Besitz nimmt, was sich lohnt. In der waldreichen Umgebung scheint es vor wildem Getier zu wimmeln. Man könnte ja mal einer Tier-Verschwörungstheorie auf den Grund gehen…

Ein weiterer Vergnügungspark – eine Art Disneyland – in Japan. Bilder, die ein Panorama zeigen, scheinen zu suggerieren: in einer Stunde wird geöffnet. Der Verfall ist bisher kaum zu sehen. Regen hat Spuren hinterlassen. Pflanzen aber wuchern und haben ihr Werk bereits begonnen. Die Anlage wurde wegen einer aufregenderen und größeren Konkurrenz unwirtschaftlich.

Die Natur unterliegt Gesetzen, denen der Mensch kaum etwas entgegenbringen kann. Die Frage ist auch: muss man etwas entgegensetzen? Oder sollten wir lieber die Größe und Macht der Natur anerkennen? Keine einfache Frage. An einem Salzsee in Argentinien wurde eine Hotel- und Kur-Anlage aufgebaut. Die Heilkuren endeten, als ein großer Wassereinfall den Salzgehalt stark verminderte. Durch mehrfaches Steigen und Sinken des Wasserspiegels blieben skurrile Strukturen zurück. Und zerfallene Gebäude.

In Bulgarien gibt es ein monumentales Denkmal im typisch sozialistisch-stalinistischen Bombast. Der Sturm der Geschichte hat die Bedeutung hinweggefegt. Das wie eine „fliegende Untertasse“ gestaltete Monument ist nunmehr unsanft gelandet. Die Größe der Gestaltung – Symbol eines Ewigkeitsanspruchs – erscheint uns heute lächerlich. Aber über Jahrzehnte wurde dieser Kult gelebt und gefürchtet – je nachdem, wo man stand.

Ein weiteres Mal entführt das Buch den Betrachter nach Japan. Diesmal auf eine kleine Insel. Wirklich klein. 160 mal 480 Meter. Ein Fußballfeld misst etwa 90 mal 120 Meter! Hier gab es Kohle. Irgendwann nicht mehr. Diese Insel besteht eigentlich nur aus Gebäuden, Zwischenräume sind kaum vorhanden. Der Zerfall wird durch das Meer und seine Stürme befördert. Und hoffentlich wirkt diese Insel vom Meer aus betrachtet bald nicht mehr wie Alcatraz.

Pyramiden in Norwegen? Genauer: auf Spitzbergen. Und es sind auch keine Pyramiden. Ein Ort wurde nach der Form eines Berges so benannt. Eine bewegte Geschichte. Russische Bergarbeiter prägten diesen Ort. Interessant sind die Informationen zur eigenen Erzeugung von Gemüse, Fleisch und Milch. Seltsam die Bilder ohne Schnee: Gemeinschaftsraum oder Werkstatt, verdorrte Ranken von Zimmerpflanzen. Die Kälte Spitzbergens scheint zu konservieren.

Vor meiner Zeit geschehen und doch aktuelles Zeugnis einer grauenhaften Vergangenheit: in Frankreich fiel eine SS-Panzerdivision in den Ort ein und brachten fast alle Einwohner um. Gebäude wurden zerschossen. Ruinen, ausgebrannte Autowracks. Geisterhafter Anblick. Irgendwo in einem dieser Gebäude wurden Menschen verbrannt. Ein Mahnmal. An diesen Bildern mag ich mich nicht erfreuen.

Als die Türkei die Hälfte von der Insel Zypern besetzte, war dies das Ende des schönen Urlaubsorts Varosha nahe der neuen Grenze. Moderne Hotelanlagen, Appartements, Geschäfte – alles dahin. Und die Vegetation erobert Flure und Hallen. Sicherlich gibt es genug Urlaubsorte. Trotzdem ist es ein Zeugnis menschlicher Dummheit. Wenn ich davon ausgehe, dass in den Regierungen Menschen sind…

Krankenhäuser sind besonders spannend für Fotografen. Durch zurückgelassenes Mobiliar, durch Vorhänge und Apparaturen scheint sich hier der Schwebezustand zwischen Leben und Tod manifestiert zu haben. Man tritt noch leiser auf, man flüstert. Stellvertretend für die vielen verlassenen Krankenhäuser auf der Welt eine Psychiatrie in London. Eine riesige Anlage mit mehreren Häusern. Als sich Behandlungsmethoden änderten, Patientenzahlen sanken, wurde das Areal aufgegeben. Auch Krankheit muss sich rechnen.

Beelitz-Heilstätten – was würde ein Fotograf sagen? Totfotografiert. Legionen von Fotografen durchstreiften das unüberschaubare Gelände mit den unzähligen sich ähnelnden Häusern. Lungenheilstätten werden seit der Erfindung von Antibiotika nicht mehr benötigt. Über Jahre „hauste“ in den ehemaligen Heilstätten die russische Armee. Und hat mit seltsamen Ein- und Umbauten manch historisch Ansehnliches verschandelt. Glücklicherweise wurde inzwischen das eine oder andere Haus rekonstruiert und einer neuen Nutzung zugeführt.

Robbenjagd und Walfang? Davon will man heute nicht mehr viel wissen. Süd-Georgien. Manch einem wird das im Zusammenhang mit dem Krieg um die Falklandinseln ein Begriff sein. Das Eiland liegt südlich des südamerikanischen Kontinents und schon recht nah an der Antarktis. Als die Jagdgründe in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts fast erschöpft waren, wurde die dargestellte Station erst verkauft und dann aufgegeben. In der kargen Landschaft stehen nun rostrote Stahltanks. Ein sich falsch anmutender Anblick.

1883 endete der Goldrausch in Bodie/USA. Eisenbahnanschluss und Stromversorgung hielten noch einen kleinen Rest der einstmals 8.000 Bewohner – bis 1932 ein Großbrand den Rest vertrieb. Bodie ist nun ein Museum. Und erzählt vom „Wilden Westen“. Die Bilder könnten aus einem x-beliebigen Western stammen. Nur handelt es sich um keine Kulissen. Eigentlich müsste nur einmal Staub gewischt werden…

Das Ruhrgebiet – Kohleherz Deutschlands. Dicht gemacht, abgewickelt. Die museale Zeche „Zollverein“ kann besucht werden. Alles altert, aber die Anlagen scheinen intakt zu sein. Betriebsbereit. Ob auch ehemalige Bergleute zu den Besuchern zählen? Vor der Kamera gibt sich die Zeche fotogen.

Und nun ein „Sahnestückchen“. Trutzig schaut das einer Burg ähnliche Schloss ins belgische Land. Sicher gibt es hübschere Bauwerke. Aber dieses ist bemerkenswert, könnte es doch sofort genutzt werden, wenn… ja wenn sich die Erben einigen könnten. Streng bewacht soll es sein. Die Fotografien zeigen Zimmer mit teilweise alten Möbeln und Bildern, Teppichen, Parkett, großen Flügeltüren, Zentralheizung – hochherrschaftlich. Wandbespannungen, Marmortreppen – einzig Fotografen erfreuen sich dieser schönen Dinge. Wie lange mag der Erbstreit noch schwelen? Bis es zu spät ist?

Die eigene Phantasie ängstigt sich beim Betrachten der Bilder aus einem alten Gefängnis in Australien. Bis 1997 saßen hier Kriminelle ein. Hinter welcher Tür büßte ein Mörder? Und wo wurde hingerichtet? In diesem Umfeld gibt es einen Rosengarten, wo sich heute gerne junge Paar das Ja-Wort geben. Händler breiten in den Gängen ihre Waren zum Verkauf aus. Die Zellen stehen übrigens zum Verkauf. Dies erscheint mir dann doch etwas morbid.

Auch die USA, das Land der grenzenlosen Möglichkeiten, ist Veränderungen unterworfen. Ja, die Möglichkeiten sind grenzenlos. Allerdings auch unbegrenzt in beide Richtungen. Die schwindelerregenden Gewinne in der Stadt der Autos sind Geschichte. Das pulsierende Leben schrumpfte in Detroit um 60 Prozent. Unbegrenzte Möglichkeit des Niedergangs. Wo sind Henry Fords 90.000 Werktätige geblieben? Das Art-Deco-Gebäude sieht zwar noch imposant aus, die verwahrlosten Straßen, leerstehende Kirchen, nicht mehr benötigte Schulgebäude zeigen nur den Untergang,

Wandernder Sand vom Wind in Wellen in Häuser getragen. Solche Bilder kommen mir aus dem Fernsehen bekannt vor. Wenn man aber sein Auge ruhen lassen kann, kommen andere Gefühle auf. Namibias Kolmannskuppe. Einst wurden an dieser Stelle Diamanten geschürft, was viele Menschen anzog. Doch 1930 endete der Diamantenabbau. Der Sand der Wüste vereinnahmt langsam alles. So kleine Körnchen, und so große Dünen. Zum Staunen.

Der Name Kap Hoorn lässt Erinnerungen an die Abenteuerbücher der Kinderzeit aufleben. Eisigen Stürmen trotzend umsegelten die Seefahrer der erobernden Jahrhunderte das Kap Hoorn. Es war gefährlich. Ob die heute am Strand liegenden eisernen Schiffe gestrandet sind oder nur die Kosten der Verschrottung gespart wurden? Egal. Was wäre das für eine Erkundung! Die Bilder entfachen Abenteuerlust. Das letzte Bild des Buches zeigt ein echtes Schiffsgerippe. Filigran. Wie Wind, Wasser und Sand den vielen Stahlteilen zusetzen.

Schwärme ich zu viel? Tut mir aber nicht einmal leid. Ein Geschichtsbuch, welches genug Fakten hat und nicht mit Fakten erschlägt. Und Dank der Bilder werden diese ausgesuchten Fakten hängen bleiben. Wer aus welchen Gründen auch immer kein Weltenbummler ist, kann sich mit diesem Buch einen Teil der Welt nach Hause holen. Den Teil der Welt, der nicht in schreiend bunten Reisebüchern auf Glanzpapier abgebildet ist. Die andere Seite. Die Vergänglichkeit… und noch im Vergehen die damalige Schönheit heraufbeschwört.

Bildband deutsch/englisch
240 Seiten
ISBN 978-3-95462-031-9

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