Ein eiliges Gespräch mit Christian von Aster

Es stellte sich als kein leichtes Unterfangen heraus, einen gemeinsamen Gesprächstermin mit Christian von Aster zu finden. Der Meister des Finsterwitzes, Wortakrobat, vielbeschäftigte Autor (u.a. „Der letzte Schattenschnitzer“) eilt von Aufgabe zu Aufgabe.

Jeden zweiten Donnerstag im Monat steht die Lesebühne „Stirnhirnhinterzimmer“, die aktuell den Publikumspreis für die beste Berliner Lesebühne gewonnen hat, in der Z-Bar in Berlin-Mitte auf dem Programm. Eine gute Möglichkeit, um sich auf ein Gespräch über die Anfänge seiner schriftstellerischen Leidenschaft, über diverse Projekte der Vergangenheit und Zukunft und Literatur im Allgemeinen einzustimmen. Eine „ruhige“ Befragung war hier allerdings nicht möglich, so verabredeten wir uns für den nächsten Tag am Hauptbahnhof, von wo aus der Autor zu einer Lesung nach Bremen aufbrach.

In Anlehnung an den bereits vergebenen Titel „Rasender Reporter“ kommt einem unwillkürlich doch eine ähnliche Bezeichnung in den Sinn: Vielreisender Vorleser.

Freitag Mittag. Im Bahnhof ist es sibirisch kalt. Es zieht gewaltig und die massenhaft vorhandenen Modegeschäfte und Stehimbisse bieten kein passendes Ambiente für ein ruhiges, gemütliches Gespräch. Ein relativ behagliches Eiscafé bietet dann jedoch die Rettung. Kaum hatten wir Platz genommen und etwas Heißes bestellt, kam auch schon Herr von Aster herein.

Alle vorbereiteten Fragen ausgedruckt konnte er gleich mitlesen. Das Mitschreiben der Antworten wurde verworfen. Zu faszinierend war es, ihm zuzuhören. Ein kleines Aufnahmegerät übernahm fleißig die Aufgabe des Protokollierens:

Manch Pubertierender schreibt Liebesgedichte. Oder bekommt für seine Aufsätze gute Zensuren. Trotzdem verfallen die wenigsten auf Grund von „Jugendsünden“ der Schreiberei. Wann, wie und wodurch wurdest Du vom Schreibvirus erfasst?

Ich hatte schon recht früh eine ausgeprägte Phantasie, was meine Eltern durchaus mit Freude wahrnahmen. Zum einen war das natürlich gut, zum anderen aber auch schlecht für sie. Weil meine Vorstellungskraft mein Verhältnis zur Wahrheit veränderte und meine Ausreden ungleich phantasievoller wurden.
Ernsthaft habe ich dann wohl wie die meisten anderen mit dem Schreiben angefangen: weil ich Mädchen beeindrucken wollte. Ich war klein und dick, und musste darum eben auf einer anderen Ebene punkten. Und das war dann eben das Schreiben. Was übrigens auch funktioniert hat. Und was immer sie erzählen mögen, seit eh und je fangen die meisten Autoren aus diesem und keinem anderen Grund mit dem Schreiben an.
Ich habe also mit 12/13 Jahren mit dem Schreiben angefangen und wollte eben vor allem Mädchen beeindrucken. Dementsprechend waren meine Themen eben – ohne dass ich davon auch nur irgend eine Ahnung gehabt hätte – Liebe, Drogen und Krieg.
Mit 16 Jahren habe ich dann den 3. Platz bei dem bundesweiten Schreibwettbewerb „Deutschland schreibt – Treffen junger Autoren“ belegt. Da war mir dann eigentlich klar, dass ich das noch weiter treiben sollte. Und da habe ich eigentlich gewusst, dass ich von dem, was ich mache, leben will: Schreiben, Kunst und seltsame Ideen.
Mein Schulpraktikum habe ich folgerichtig bei einem Autor gemacht, wogegen meine Lehrerin nichts sagen konnte, weil allein schon dieser Wettbewerb zeigt, dass ich es ernst meinte.

Viele Jugendliche versuchen sich im Verfassen von Gedichten und Texten.

Generell ist das ein famoser Ansatz. Zumal junge Menschen, die schreiben, in der Regel ja auch denken. Und damit erreicht man dieser Tage ja schon einen gewissen Vorsprung. Viele Jugendliche haben allerdings dabei das Problem, dass sie beim Schreiben irgendwelche Sachen kopieren und das dann sogar noch schlecht machen. Und wenn ich behaupten würde, dass ich es anders gemacht habe, wäre das nur bedingt ehrlich. Der Punkt ist aber: genau an der Stelle muss man einfach weiter schreiben. Und wenn man dann irgendwann merkt, dass es etwas Eigenes wird, dann fängt das Geschriebene an, sich zu verändern. Und so ist es bei mir schlussendlich auch gewesen.

Jedem ist es nicht gegeben.

Man muss anfangen, um weiterzugehen.

Aber trotzdem bringt doch nicht jeder Fleißig-Schreiber etwas Lesbares zustande.

Meiner Meinung nach kann es letztendlich jeder. Man muss nur entsprechend Zeit und Energie darauf verwenden. Während andere Leute zum Beispiel im Lauf von zehn Jahren etwas „Vernünftiges“ gelernt haben, habe ich in der gleichen Zeit gelernt, Geschichten zu schreiben, zu verstehen und so zu formulieren, dass andere sie mitunter verstehen. Was ich schreibe ist ja leider immer noch nicht leicht zu lesen, was unter anderem an meiner Vorliebe für lange Sätze und komplexe Zusammenhänge liegt. Mir ist dementsprechend öfter schon nahegelegt worden, ein wenig „einfacher“ zu schreiben, weil der Inhalt ja schon spannend wäre. Ich stelle dabei unpopulärerweise den eigenen Stil über die Gefälligkeit. Das Spannende ist allerdings, dass Leute die einmal auf einer Lesung von mir waren, danach wissen, wie meine Bücher zu lesen sind. Das hat wohl mit Stimme und Rhythmus zu tun. Ich bin wohl nicht so ein Subjekt-Prädikat-Objekt-Typ, sondern habe meine Kommas dazwischen, meine Art von Humor, irgendwelche Relativsätze und hier noch einen Schnörkel und da ein Schleifchen.
Aber das ist eine Entwicklung. Meine eigene Schreibe, die eben auch ein paar Jahre gebraucht hat, um zu wachsen. Und in der Zeit musste ich einiges lernen.
Wichtig ist meines Erachtens zum Beispiel, dass man sich klarmacht, dass Familie und Freunde meist schlechte Kritiker sind. Die freuen sich, wenn jemand überhaupt kreativ tätig ist und loben, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Es mögen liebe Menschen sein, die aber, wenn ihnen ein Verwandter selbstgestrickte Socken schenkt, niemals sagen würden, dass sie Sch*** sind und nicht passen. Selbst wenn das der Fall ist.
Bei Kritik ist es bedauerlicherweise wirklich schwierig, Leute zu finden, denen es nicht nur um ihre eigenen geschmäcklerischen Sachen geht, sondern die wirklich konstruktiv kritisch sind. Wichtig ist am Ende jeder, der einen kritisiert, damit man besser wird und nicht, damit man ihm besser gefällt.

Gab es denn jemanden, der dir mit konstruktiver Kritik weitergeholfen hat?

Nein. Leider. Ich habe meinen Unsinn gemacht und mich im Regelfall um nichts geschert. Es gab von Zeit zu Zeit ein paar Lehrer, die etwas beeindruckt waren, mir aber auch immer nahegelegt haben, lieber etwas anderes zu schreiben. Talent aber haben sie wohl durchaus wahrgenommen.

Hast du damals auch schon so „schräg“ geschrieben?

Oh ja. Ich habe tatsächlich auch noch mehrfach bei dem oben erwähnten Wettbewerb mitgemacht, dann mit eher speziellen Texten, die aber wirklich meine waren. Die „Mitternachtsraben“ hab ich beispielsweise auch mal dort hingeschickt. Mit solchen Texten habe ich allerdings nichts gewonnen. Auch wenn es solche waren, hintern denen ich weit mehr stand. Der Text, mit dem ich gewonnen hatte, war über Nationalsozialismus. „Nachtfahrt“ – eine Allegorie: ein Zug in der Nacht. Niemand weiß, wo es hingeht. Keiner traut sich, die Notbremse zu ziehen. Die Leichen, die er überfährt, werden vom Dunkel verschluckt und in der nächsten Kurve droht der ganze Zug herausgeschleudert zu werden. Von meinem heutigen Standpunkt betrachtet war es eine vergleichsweise billige Allegorie mit einem Thema, wie es jeder gerne von jungen Menschen behandelt sieht: Nazis sind böse und wir müssen aufpassen, dass es nie wieder passiert.

Das will man heute immer noch so hören.

Ja, natürlich. Und eben Jugendliche, die Probleme haben mit Liebe, mit Drogen, mit Krieg. Also kritische Texte mit immer dem gleichen Tenor. Das war für einen 16-jährigen vielleicht ganz schön und zeigt halt, dass er sich Gedanken gemacht hat. Aber eben wirklich zu einem Thema, wo der allgemeine Konsens sehr einfach zu finden ist. Natürlich sind Nazis böse. Natürlich muss man das schreiben. Und wenn es ein bisschen poetisch und ein bisschen hintersinnig ist – das ist noch besser. Aber es ist halt im Endeffekt einfach. Abgesehen davon gibt es zu dem Thema natürlich ganz andere Bücher, die wirklich wichtig und unglaublich sind.

Das Thema ist beliebig und kommt immer an bei der Masse. Wie bei Fotografien: Alte, Kinder oder Tiere.

Und das ist schade. Auch Verlage haben mir schon nahegelegt, was ich so schreiben sollte. Es war zum Beispiel ganz klar, dass ich mit einer Vampir-Swinger-Club-Geschichte mehr Erfolg haben könnte als mit meinem verschwurbelten Zeug. Nur habe ich keine Lust, so etwas zu schreiben. Das interessiert mich nicht. Zumindest nicht als Roman. Ich werde allerdings mal eine kurze Geschichte mit einem Vampir-Call-Boy-Ring schreiben. Die Protagonisten finden es natürlich total entwürdigend, auf den Strich gehen zu müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und Kundinnen, die „Twilight“ gesehen haben, bitten die Vampire auch noch, beim Akt etwas Glitter über sich zu streuen…

Das Studium hätte ja auch andere Berufswege/Tätigkeitsfelder ermöglicht – warum fiel die Entscheidung auf das Schreiben?

Ich habe ja Kunst und Germanistik auf Lehramt studiert. Und das hängt ja schon mit dem Schreiben zusammen.

Du hättest ja auch Lehrer werden können.

Natürlich. Da habe ich allerdings gemerkt, dass das weder für Schüler noch für mich gut gewesen wäre. Das liegt an meinem Humor und an meiner Art. Einem 18-jährigen, der kurz davor ist, ins Leben hinauszugehen, mit Zynismus zu begegnen, ist nicht sehr vorteilhaft.

Der Titel „Meister des Finsterwitz“ – ist das eine selbstgewählte Bezeichnung?

Den habe ich so nie benutzt! Aber: „Lachsack der Finsternis“ ist von mir. Manchmal benutze ich allerdings auch „Hirnmodell für Übergrößen“. „Enthüllungspoet“ ist aber meine neueste Berufsbezeichnung.

Wen oder was enthüllst du?

Die Wahrheit selbstverständlich. Dabei bin ich allerdings literarischer Hedonist. Also ich schreibe, was mir Spaß macht, worauf ich Lust habe und was mir einfällt. Selbst im größten Unsinn ist dann manchmal noch ein bisschen Hintersinn. Oder auch umgekehrt.
Bigotterie ist beispielsweise etwas, was mich grundsätzlich sehr interessiert. Themen sind überall. Wenn man lebt, kann man schreiben. Man muss nur leben, Sachen sehen, erfahren. Man muss Dingen begegnen und Menschen.
Man kann natürlich auch fernsehen. Früher habe ich gern Glossen darüber geschrieben: Aber das geht ja inzwischen gar nicht mehr. So wie die Sender sich mit ihrem hanebüchenen Unsinn überschlagen.

Du liest regelmäßig beim Wave-Gotik-Treffen und anderen schwarz-alternativen Festivals. Wie verteilt sich Deine Leserschaft auf „Normale“ und „Schwarze“? Gibt es Unterschiede beim Verständnis der Lesungen?

Wenn es sie gibt, interessieren sie mich nicht. Das Dilemma ist ja eben, dass immer Kategorisierungen stattfinden müssen. Ich schreibe für Menschen, die Freude an Sprache haben, etwas verstehen, gerne „um die Ecke denken“ und ein bisschen anders im Kopf sind. Was die anhaben, ist mir dabei vergleichsweise egal.
Meine Zielgruppe – wenn ich so etwas habe – wären wohl 40-jährige Intellektuelle und geistreiche Gruftis.
Wenn ich im Kopf eine Schere ansetzen würde: „Oh, jetzt schreibe ich einen Text für Gruftis“, „Oh, jetzt schreibe ich einen Text für…“ – wäre es Blödsinn. Damit schränke ich mich nur selber ein. Ich schreibe vor allem Texte, die mir Spaß machen. Wenn er anderen auch Spaß macht, habe ich Glück. Das ist übrigens auch das Schöne bei Lesungen. Da kann ich zwischendurch auch mal einen Text zwischenschmuggeln, der keinem Spaß macht außer mir… Und da reicht es mir dann eben manchmal auch, wenn ich mich allein darüber amüsiere.

Lachst du über die Leute?

Nein, ich lache über meine albernen Wortspiele. Weil ich einfach strukturiert bin und sie manchmal auch nach zehn mal Lesen noch witzig finde. Außerdem macht es mir sogar Spaß, wenn keiner es bemerkt.

Hoffentlich haben wir das immer bemerkt.

Muss ja nicht. Der Trick bei den meisten Geschichten ist ja, dass man sie auf verschiedenen Ebenen lesen kann. Man kann dabei Spaß haben, oder Spaß haben und den Subtext verstehen. Manchmal kann man auch noch mal hingucken und ganz andere Sachen finden. Und das ist meines Erachtens eine Qualität, die eine gute Geschichte haben sollte. Habt ihr den „Schattenschnitzer“ gelesen?

Ja, natürlich.

Der ist schlussendlich eine Parabel, würde sich aber als actionreicher Mysterythriller noch besser verkaufen. Aber Klett-Cotta hat mich das Buch so anlegen lassen, wie ich es wollte. Und darum bin ich sehr stolz darauf, dass es jetzt auf der Shortlist für den Seraph als Preis für das beste Phantastik-Buch 2011 ist. Für mich ist das schlussendlich der Beweis dafür, dass ich doch irgendetwas richtig mache.

Wie kommt es zu den diversen kleinen Rollen in Filmen oder Serien (beispielsweise „Antikörper“ oder „Berlin, Berlin“)?

Zum einen war ich mal in einer Agentur für Kleindarsteller, zum anderen spiele ich gern. Der „Antikörper“-Regisseur hat bei mir in der Nachbarschaft gewohnt, mich im Fernsehen gesehen und dann gefragt, ob ich nicht Lust hätte. Und dann stand ich eben mit Norman Redus aus „Der blutige Pfad Gottes“ vor der Kamera. Meine Rolle in „Berlin, Berlin“ kam über die Casting-Sache zustande, „Schloss Einstein“ auch. Da habe ich kleine Kinder auf dem Flohmarkt übers Ohr gehauen, was mir vergleichsweise leicht fiel. Ich war sehr authentisch…

Welche Bedeutung haben Rezensionen für Dich?

Steh ich bedauerlicherweise nicht drüber. Es gibt sehr beherzte Verrisse von mir, über die ich mich mitunter auch wirklich ärgere. Aber wenn meine Bücher jedem gefallen würden, wäre es wohl auch falsch. Es relativiert sich Gott sei Dank einiges, wenn man bei Amazon sieht, wie Umberto Eco von irgendwelchen Kritikern einen Stern bekommt und als langweilig bezeichnet wird. Am Ende ist nicht alles für jeden etwas.
Im Endeffekt dürfen Rezensionen mir als Autor nicht ganz egal sein, aber ich darf sie mir auch nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Insofern sind Rezensionen wichtig und generell interessant. Aber sie haben nicht unbedingt was mit mir und mit dem was ich schreibe zu tun. Selbst wenn sie sich mit dem befassen, was ich schreibe.
Wenn man eine Suppe kocht und die zehn Leuten richtig gut schmeckt, ist das eine Sache. Serviert man sie aber hundert Leuten, werden einem fünfzig davon die verschiedensten Ratschläge geben, wie man die Suppe verbessern kann. Etwas mehr hiervon, etwas weniger davon, dann noch dies und das. Tu all die fünfzig Sachen rein und niemand wird das Zeug mehr essen können…

Gibt es Rituale beim Schreiben? Spezielle Orte oder Zeiten?

Theoretisch gibt es Rituale. Eigentlich arbeite ich am besten, wenn ich die entsprechende Zeit habe: drei Stunden reinkommen, drei Stunden schreiben, drei Stunden rauskommen. Auf diese Art zu schreiben ist dann wirklich eine Art „Freidrehen“. Wenn ich dann aufhöre, kann ich meistens nicht schlafen, weil ich aus dem Schreiben nicht mehr so einfach herauskomme. Das ist das Optimum.
Aber im Zug mit Kopfhörern oder in der Kneipe, wenn eine Idee mich packt, funktioniert auch. Und in meinem Keller habe ich auch noch ein Schreibpult stehen, wo niemand mich stört.
Am Ende braucht es eine Idee, ein wenig Inspiration und etwas Stimmung. Dann schreibt es sich bei mir fast von selbst.

„Der letzte Schattenschnitzer“ spielt teils an beeindruckten Orte. Wie kamst Du auf diese Orte? Die Bücherei, der Park in Italien, das Dorf in der Schweiz? Steckt viel Recherche dahinter oder hat sich dieses Wissen mit der Zeit angesammelt?

Ja. Es gibt immer wieder spannende Ort, für die ich mich interessiere. Ambri beispielsweise ist nicht halb so grandios, wie es im „Schattenschnitzer“ beschrieben ist. Aber der Bomarzo-Park und das Kloster in Spanien, da schaue ich mir dann meist alles Material an, was ich bekommen kann. Freunde von mir waren zum Beispiel in Bomarzo, ich hab die Fotos gesehen und war hin und weg. Dann stricke ich solche Sachen natürlich in meine Geschichten ein und vermische die historischen Fakten mit meinen Ideen. Das macht in der Regel am meisten Spaß. Die Kraft von Orten zu spüren und spürbar zu machen, ist meines Erachtens ein wichtiger Aspekt der Literatur.

Du verpackst ernste Themen beispielsweise über Zeitgeist / Kunst in Satire und Ironie, oder auch in Fabeln. Hast Du im Hinterkopf auch „normale” Romane?

Was ist ein „normaler“ Roman? Es gibt tatsächlich Leute, die behaupten, dass ich so etwas wahrscheinlich nicht einmal schreiben könnte, wenn ich es versuchen würde. Ich weiß nicht, ob das als Kompliment gemeint ist, verstehe es aber trotzdem so…

Du machst dir bei Lesungen nebenbei Notizen. Wie funktioniert das?

Ich höre zu, lese und schreibe gleichzeitig. Auf diese Weise kann ich Reaktionen bei Lesungen gleich verarbeiten und zeitnah berücksichtigen und einbauen. Das ist oft mordslustig.
Vor allem mache ich solche Notizen, weil ich einfach ungern gar nichts tue.
Eine Geschichte lesen ist eine Sache. Eine Geschichte an einem bestimmten Ort lesen ist eine andere Sache. Jedes Publikum und jeder Ort verändert eine Geschichte. Da gibt es immer wieder andere Assoziationen.

Ganz bösen Gerüchten zufolge warst Du irgendwann einmal in einer Gerichtsshow zu sehen? Wie kam es dazu? Warst Du jung und brauchtest das Geld?

Es war gutes Geld für zwei Stunden Arbeit. Das Ganze lief im ZDF und war so seriös, wie eine Gerichtsshow nur sein kann. Aber wenn ich es mir recht überlege, streite ich das jetzt doch lieber ab.

Was denkst Du darüber, dass sich Bücher von prominenten Politikern etc. (beispielsweise Guttenberg) verkaufen wie das sprichwörtliche geschnitten Brot?

Das ist Mainstream. Titel, die überall beworben werden und allgegenwärtig sind. Mir ist es allerdings am Ende vollkommen egal, wer Herrn Wulffs Urlaub bezahlt. Weil die Welt meiner Meinung nach andere Probleme hat. Ist einfach so. Und der Herr Guttenberg, nun ja, solche Menschen schlagen halt Profit aus ihrer Charakterschwäche. Das ist letzten Endes moderne Alchemie. Da wird aus Schei** Gold gemacht.

Wie stehst Du zu Literaturverfilmungen?

Da gibt es zwei sehr empfehlenswerte Filme, die mich in der Hinsicht am meisten beeindruckt haben: „Big Fish“ und „Die Legende vom Ozeanpianisten“. Filme und Bücher sind in dem Fall zweierlei. Die Filme sind großartig. In den Geschichten – die auch fantastisch sind – scheint auf den ersten Blick allerdings gar nicht so viel drin. Tim Burton und Giuseppe Tornatore haben aus beiden Stoffen etwas sehr eigenes und grandioses gemacht.

Machst Du auch mal Urlaub? Was dient Deiner Entspannung? Oder bist du ein „Arbeitstier”?

Ich glaube, Abraham Lincoln hat mal gesagt: „Wer Urlaub braucht, hat keinen verdient.“

Noch auf dem Weg zum Bahnsteig versuchten wir, letzte wortgewaltige Sprachfetzen zu erhaschen. Ehe der vielreisende Vorleser einem Superhelden gleich voller leidenschaftlichem Tatendrang entschwand und den Service der Deutschen Bahn nutzend zur nächsten Lesung eilte…

Das Gespräch führten Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch.

www.vonaster.de

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