Live in Berlin: Fetisch:Mensch

Fetisch:Mensch
Fetisch:Mensch

24. November 2012

BERLIN, K17

Zu einer ungewöhnlichen Band wie fetisch:MENSCH passt eine ungewöhnliche Vorgruppe wie Elias Matt & (the) Rescue Mission. Der Sänger und Songschreiber Elias Matt, der 2008 sein Debüt-Solo-Album präsentierte, wurde vor allem von Indiepop und Folk beeinflusst. Zwei Jahre später startete er das Projekt Elias Matt & (the) Rescue Mission – scheinbar inspiriert durch die kühlen Klänge der 80er Jahre. Den Auftritt der Band kann man durchaus als exzentrisch bezeichnen. Hier ein wenig Pantomime, dort ein wenig die kalte „Reserviertheit“ Kraftwerks. Alles andere als massentauglich. Passend dazu eine Version von Visages „Der Amboss“.

Nach der obligatorischen Umbaupause hüllte Nebel die Bühne ein. Die Musiker postierten sich an ihren Instrumenten. Und dann „erschien“ Henke, der trotz aller Gleichberechtigung der einzelnen Musiker ganz eindeutig im Mittelpunkt des Interesses stand. Er ist eben wirklich eine Erscheinung. Seine Körpersprache deutet auf ein gerade noch so gebändigtes Temperament hin. Das Publikum vor der Bühne wusste das nur zu genau. Der Applaus galt dem zu erwartenden Auftritt.

Oswald Henke, nicht nur als Sänger, sondern auch als Buchautor und Kolumnist geschätzt, wurde mit der Band „Goethes Erben“ bekannt. Doch inzwischen sind es neue Projekte, denen sich das Multitalent, das für sich selbst nicht die Bezeichnung „Sänger“ in Anspruch nimmt, widmet. Vielleicht kann man ihn als Wortbildner bezeichnen, der seine Texte mit einer gewissen Theatralik „spricht“. Die Band wird durch herausragende Musiker komplettiert: Voller Leidenschaft „bearbeiteten“ die Gitarristen Tim Hofmann und Harald Streitberger ihre Saiteninstrumente und Konrad Schubert entlockte seinen Trommeln und Becken mittels der bekannten Holzstöcke, Paukenschlegel, Besen und sogar einem Streichbogen rhythmische Töne.

Auftritte von fetisch:Mensch haben Seltenheitswert. Im letzten Jahr stand die Band gerade ein einziges Mal auf der Bühne. Diesen Wert konnte man 2012 verdoppeln. Sänger Oswald Henke – kürzlich erst mit einem anderen Projekt („Henke“) im Berliner K17 – versprach Besserung. Eine kontinuierliche Verdopplung wird angestrebt. Aber auch neue Titel sollen bald veröffentlicht werden.

Henke kletterte auf ein Podest, durchlebte seine Texte, sprang herum und war nicht mehr zu bändigen. Vom ersten bis zum letzten Song tobte der Dämon – Wut, Aufruhr, Kampf. Auch bei ruhigeren Titeln flossen die Gefühle – Trauer, Verzweiflung, Hoffnung. Diese Dynamik riss mit. Die Musik – rockig mit elektronischen Elementen – lässt Köpfe und Füße wippen, nicken, stampfen, wiegen. Tiefgründige Texte sind das Qualitätsmerkmal von Oswald Henke und auch an diesem Abend überzeugte er mit Nachdenklichem. Ein besonderes Geschenk waren neue, bisher ungehörte Stücke. Beispielsweise „Damalskinder“ aus dem „Kinderlieder”-Zyklus. Der Titel handelt von anfangs unschuldigen Kindern, die wir alle einmal waren und der Entwicklung zu dem, was wir heute sind. Trotz aller Nachdenklichkeit, die diesem Thema innewohnt, riss dieser Song sofort mit und lässt uns der Veröffentlichung entgegenfiebern. Über weitere neue Werke informiert der bandeigene Internetauftritt. Auch eine Coverversion fehlte nicht. „Erschießen“ – ursprünglich von der Gruppe Ideal in den frühen 80ern vorgetragen – begeisterte die Zuhörer ebenso wie die Titel des 2009 nur als Download erschienenen Albums „Manchmal“.

Eine riesige Begeisterungswelle begleitete das Konzert vom Anfang bis zum Ende. Verschwitzt und abgekämpft traten die vier Musiker noch für einige Zugaben an. Die Forderungen des Publikums waren unüberhörbar. Auch als bereits Musik aus der Konserve kam, bedankten sich die Anwesenden für einen tollen Auftritt durch lautes Klatschen.

Ein seltener, kostbarer Abend, der aufwühlte und einen erst langsam auf dem Nachhauseweg zur Ruhe kommen ließ.

Text: Edith Oxenbauer & Marcus Rietzsch

Fotos: Marcus Rietzsch

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