Ohne Wenn und Laber

25. November 2012

BERLIN, THEARTER GALLERY

Der letzte Sonntag im November 2012 war für die Herren Thomas Manegold, Dirk Bernemann und Daniel Morgenroth ein denkwürdiger Tag – luden die drei Künstler doch zur Premiere ihrer von nun an regelmäßig stattfindenden Lesebühne „OWUL – Ohne Wenn Und Laber“ in die TheArter Gallery in Berlin-Lichtenberg ein.

Die TheArter Gallery ist keine dieser typischen lichtdurchfluteten Galerien mit steril wirkenden Interieur, bei denen man sich schnell fehl am Platze fühlt – sofern man sich nicht zu den oberen Zehntausend zählt. Eine eigenwillige aber sehr dekorative Deckengestaltung, Kugellampen in Stoffbeuteln – hängend und auf dem Boden liegend, unkonventionelle Sitzgelegenheiten und eine noch unkonventionellere „Bar“ lassen schnell ein Wohlgefühl entstehen. Selbstgekochte Süppchen schicken ihren Duft aus der kleinen Küche in das offizielle Etablissement. Zu Beginn der Lesung werden Mini-Gläschen mit süßen oder scharfen Inhalt gereicht.

Zierten bei unserem ersten Besuch in der TheArter Gallery noch großformatige Bilder in überquellendem Rot die Wände, so sind die Bilder nun deutlich heller und kleiner. Zeichnungen von makelloser Schönheit, die sich beim näheren Betrachten aber in einer zerstörten und verstörenden Sicht präsentieren.

Auf der Startseite der Internetpräsenz der Galerie sind die folgenden Worte zu lesen: „Viel zu oft wird die Qualität und der wirtschaftliche Wert von Bildern durch die Vita des jeweiligen Künstlers beschrieben. Wer jedoch Kunst lesen möchte, sollte sich ein Buch kaufen! Wir zumindest lesen die Qualität und die Bedeutung kreativer Arbeit nicht aus der Biografie des Schaffenden ab. Bei uns zählt nicht die Vita, sondern einzig und allein das künstlerische Werk! Denn zieht man gerade die Kriterien Qualität und Wert zur Bemessung von Kunst heran, muss man zu dem Schluss kommen, dass die Kunstgeschichte voll von Fehlbewertungen ist. Wenn wir zu einer anderen Zeit gelebt hätten, hätten wir vermutlich van Gogh entdeckt!“

Da hat man für die Lesebühne doch einen perfekten Rahmen gefunden. OWUL soll laut Eigendarstellung eine Mischung aus Lesebühne und DirtyTalkShow werden. In den zahlreichen vorangegangenen Treffen der Hauptdarsteller wurde die Bezeichnung Antitainment geprägt. Ja, das trifft es wohl. Herr Bernemann und Herr Morgenroth trugen farblich perfekt aufeinander abgestimmte, knallrote T-Shirts. Thomas Manegold hingegen tanzte mit einem eher bordeaux-farbenem Hemd inklusive „aparter“ Krawatte aus der Reihe. Über den Erwerb und die Herstellung dieses absolut hässlichen Kleidungsstücks verlor er dann auch einige politisch inkorrekte Worte.

Zu den Protagonisten:

Dirk Bernemann ist Jahrgang 1975 und gebar 30 Jahre später sein erstes Buch „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“. Seine Worte sind nicht immer „stubenrein“, aber deutlich und mit bösartigem Witz versehen.

Thomas Manegold wurde 1968 in die Welt geworfen. Seinem Hirn entsprangen schon viele Tausend Worte, die sich in diversen Büchern wieder finden. Sein buntes schwarzes Leben machte aus ihm einen DJ, einen Club-Betreiber, einen Verlagsredakteur. Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten.

Daniel Morgenroth ist Musiker und hat ein Lebensziel: der älteste Rock-Pop-Newcomer Deutschlands zu werden. Sein Geburtsjahr steht in den Sternen oder ist an irgendeiner anderen, für das normale Volk unerreichbaren Stelle niedergeschrieben, soll aber zeitgleich mit der Geburt des Punk-Rocks stattgefunden haben. Seine Liedtexte sind ziemlich fies und nett zugleich und werden von ihm höchstselbst auf der Wandergitarre begleitet.

Unterstützt wird dieses Triumvirat jeweils durch einen Gast. Bei der Premiere wurde Alex Gräbeldinger, der sich selbst als „Punk, Opfer, Philosoph, Wahnsinniger, Vollidiot“ bezeichnet, diese Ehre zuteil. Er schreibt über sich, sein Leben, seine Erfahrungen in und mit der Psychiatrie. Und das mit drastischen und bildhaften Darstellungen.

Die Texte der Autoren – unterbrochen vom kurzweiligen Wortgeplänkel untereinander – reizten zum Schmunzeln oder Grinsen, zum grimmig zustimmenden Kopfnicken, zum ungläubig erstaunten Kieferherunterfallen. Die Morgenrothschen Einlagen boten ein bissiges Vergnügen. Und obwohl die Stühle alles andere eher verdient hatten als das Prädikat „rückenfreundlich“, war die Premiere viel zu schnell vorbei.

Aber schon am 30.12.2012 werden sich die drei Herren inklusive eines neuen Gasts wieder in der TheArter Gallery zusammenfinden. Den Trägern roter Shirts gewährt man den Eintritt zum halben Preis – mit der Hoffnung oder auch Gewissheit, dass solche kleidungstechnischen Entgleisungen nur auf der Bühne vertretbar sind.

Text: Edith Oxenbauer & Marcus Rietzsch
Foto: Marion Alexa Müller

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