Goethes Erben – Rückkehr ins Niemandsland

Eigentlich sollte es nichts mehr geben von Goethes Erben. Umso grösser war das freudige Erstaunen, als man ankündigte, das 25-jährige Bühnenjubiläum mit zwei Konzerten ausgiebig zu feiern bzw. zu würdigen. Im Handumdrehen waren die beiden Konzerte am 22. und 23. Februar 2014 in der Kuppelhalle des Volkspalastes auf dem alten Messegelände in Leipzig ausverkauft.

Viele Monate später, als ich es nicht mehr zu hoffen wagte, wurden die Konzerte auf DVD veröffentlicht. Fast wäre dies unbemerkt an mir vorübergegangen.

Was ist wohl besser: Live oder DVD? Beides zusammen. Die Gänsehautatmosphäre im Kuppelsaal war unbeschreiblich. Das direkte Erleben ging sehr nahe. Bei den beiden DVDs ist man auf die Kameraführung angewiesen. Aber dadurch betrachtet man auch fokussierter. In der Realität schweift der Blick hin und her, möchte man doch keinen Akteur aus den Augen verlieren – die Kamera offenbart jedoch nur das Wesentliche. Was heißt: NUR? Ich habe jetzt Details gesehen, die mir im Konzert entgangen sind. Also alles bestens.

Und ja, die Stimmung des Konzerts wurde durch die DVDs wieder spürbar. Der Kuppelsaal bietet allerdings auch beste Voraussetzungen: Architektonisch wirkt alles klassisch, die Akustik ist perfekt und wer sich einen Platz auf den erhöhten Stufen gesichert hat, dem bietet sich ein perfekter Blick. Die Bühne selbst ist geräumig. Musiker mit Streichinstrumenten haben darauf Platz gefunden. Zwei Flügel und zwei Percussion-Sortimente ebenfalls. Unzählige Kerzenständer. Und natürlich blieb reichlich Raum, damit Oswald Henke sein dämonisches Temperament ausleben konnte.

Aus den vielen Jahren des Schaffens von „Goethes Erben“ wurden besonders bedeutungsvolle Titel ausgewählt. Oswald Henke hat dieses unglaublich schauspielerische Talent, wie ein Dr. Faustus zu wirken. Und man glaubt ihm das sofort. Er singt nicht sondern deklamiert. Akzentuiert, flüsternd und schreiend. Temperamentvoll teuflisch oder angstvoll in sich gekehrt. Dadurch dringen die Texte weniger durch die Ohren als durch das Herz in mich ein. Ich fühle mit. Bin wütend oder traurig. Oswald Henke auf der Bühne ist wie eine Naturkatastrophe – man kann sich nicht dagegen wehren.

Goethes Erben kann man nicht erklären. Wikipedia ordnet sie der Neuen Deutschen Todeskunst, Avantgarde, Rock, Electro-Pop zu. So richtig beschreibt es das nicht. Und was mit den Liedtexten thematisiert wird, ist oft das Düsterste von und im Menschen, beklemmend. Und doch (leider) keine reine Phantasie.

Die beiden DVDs zeigen beide Akte komplett. Mit allem „Beiwerk“: Tänzerinnen (Lisa Morgenstern und Catherine Breydy) und ein junger Zauberer, der auch einen weißgespenstischen Stelzenläufer gibt. Sängerinnen Sonja Kraushofer und Jule Klimpel. Und die beeindruckende Besetzung von Musikern garantieren einen orchestralen Klang: Maximilian Münch (Flügel), Lisa Morgenstern (Flügel und Gesang), Sonja Kraushofer (Gesang + Schreie), Jule Klimpel (Gesang), Susanne Reinhardt (Violine), Sue Ferrers (Violine), Cornelius Sturm (Cello), Martin Höfert (Cello), Markus Köstner (Perkussion), Tim Warweg (Perkussion und Vibraphon).

Mit diesem Aufgebot an Künstlern wurde aus einem Konzert eine Bühnenschau mit sehr viel Bewegung, Requisiten, opulenten Inszenierungen. Oswald Henke war in seinem Element – er konnte seine Lieder leben. Mit vollem Körpereinsatz spielen. Wenn es denn gespielt war…

Rückkehr ins Niemandsland – nur zwei Konzerte an zwei Tagen. Und nur in Leipzig. Nicht alle Liebhaber dieser Art der Musik und Darbietung kamen in den Genuss, live dabei sein zu können. Die Aufzeichnung ist ein gelungener Ersatz. Und „Ersatz“ ist nicht negativ gemeint. Die Bild- und Tonaufnahmen sind wunderschön. Wer „Goethes Erben“ mag, sollte sich eine der wenigen letzten Exemplare dieser Veröffentlichung beschaffen.

Links

www.goetheserben.de

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