Anna-Katharina Höpflinger und Yves Müller – Ossarium (Beinhäuser in der Schweiz)

Das Durchblättern und Betrachten der Fotografien dieses Buchs war sehr interessant, aber auch das sorgfältige Lesen ging flüssig und erstaunlich leicht. Waren meine Befürchtungen hinsichtlich der wissenschaftlichen Texte doch völlig unbegründet. Die Initialzündung für diese Veröffentlichung gab das durchaus inspirierende Buch „Empire of Death“ von Paul Koudournaris, welches mit hervorragenden Bildern und exquisiten Beiträgen beeindruckt. Und so begaben sich die beiden Autoren in ihrer schweizerischen Heimat auf die Suche nach Beinhäuser. Viele Ossarien sind nicht leicht als solche zu erkennen, noch dazu oftmals für die Öffentlichkeit verschlossen. Teils wurden sie gar vor langer Zeit entleert und die Knochen bestattet. Viele Dokumente wurden gesichtet, alte Zeichnungen und Fotografien begutachtet und ältere Pastoren befragt. Eine spannende Arbeit mit überraschenden Entdeckungen und einem sehr schönen Ergebnis.

Um es vorauszuschicken: nicht nur Beinhäuser der schweizerischen Kantone sind Gegenstand des Buchs, auch einige Ossarien aus anderen Ländern Mitteleuropas dienen zur Vertiefung der Erkenntnisse.

Als Inschrift auf manchen Grabsteinen und an einigen Beinhäusern findet man den folgenden, nachdenklich stimmenden Sinnspruch: „Was wir sind / das werdet ihr sein / was ihr seid / das waren wir.“ Beinhäuser sind wohl der perfekte Ort, um den Todesgedanken visuell darzustellen. Ein Ort, um zu sinnieren. Über sich. Über den Tod. Über nicht mehr vorhandene Freunde und Verwandte. Über die Welt. Über das Werden und Vergehen. Memento mori.

Ossarien sind eine ursächliche Folge von Platzmangel. Es gab Zeiten, in denen Begräbnisrechte nur wenigen ausgewählten Institutionen vorbehalten blieb: Pilgerhospitäler, Klöstern und Pfarrkirchen beispielsweise. Eingebettet in Dörfer und Städte war eine Erweiterung schlichtweg unmöglich. Also mussten die Gebeine nach einiger Zeit ausgegraben werden, um Platz für „neue“ Verstorbene zu schaffen. Anfangs ungereinigt verursachten sie im Gebäudeinnern einen unangenehmen Gestank. Daraufhin entstanden  Gebäude, in denen die Überreste aufbewahrt wurden. Später begann man, die Knochen zu reinigen. Manche Beinhäuser beherbergen ein wildes Gemenge von ihnen. In anderen gibt es sorgfältige Schichtungen. Oder auch kunstvolle Gebilde.

Die Ursprünge und die Verbreitung der Schädelbemalung in Europa sind ein interessanter Teilbereich, der von den Autoren aufgegriffen wird. Diese Bemalungen und Beschriftungen wurden aus verschiedenen Motiven vorgenommen. Dies reicht von einfachen Namen und Daten bis hin zu kunstvollen Mustern, welche man in Hallstatt (Österreich) und Dingolfing (Bayern) heute noch bewundern kann. Bei der Auferstehung sollte schließlich jeder „seine“ Knochen wiederfinden. Ferner wollten Hinterbliebene ihre Ahnen gezielt um Hilfe und Beistand bitten.

Zum Teil wurden und werden Ossarien in volksreligöse Praktiken wie der Bitte um Hilfe oder dem einfachen Gebet einbezogen. Das Stehlen von Schädeln und Gebeinen ist keine neumodische Erscheinung, sondern diente frühzeitig abergläubischen Ritualen, der Verwendung als „Medizin“ oder um einen Geldsegen herbei zu beschwören.

Die Katholische Kirche benutzte die Angst des Gläubigen vor der Hölle. Der Tod wurde als Folge der Ursünde gedeutet und gleichgesetzt mit der Sündhaftigkeit des Tanzes. So entstanden die ersten Totentanzdarstellungen. Dagegen ging die Reformation rigoros vor – doch kein einziges existierendes Beinhaus wurde zerstört. Mit der Gegenreformation explodierte förmlich die Zahl der Heiligen. Der Vatikan schickte mit großem Prunk aufwändig geschmückte Skelette in alle Himmelsrichtungen. Mit Glanz und Grusel sollten die Gläubigen die katholischen Pfründe sichern.

Heute misst man den Beinhäusern mehrere Bedeutungen zu: Einbindung in einen religiösen Kontext, Erinnerungskultur, Volkspraktiken des Glaubens und Tourismus. Ebenso werden viele von ihnen umgewidmet und gänzlich profanen Nutzungen zugeführt.

Die Frage, ob nun ein Gebäude an sich oder die darin aufbewahrten Gebeine Kulturgut sind, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Doch beides gehört zu unserer europäischen Geschichte und zu unserer Kultur. Auch wenn den meisten Menschen viele Rituale heute vollkommen fremd sind. Aberglauben und aufgeklärte Gesellschaft gehen nicht so recht zusammen. Der Umgang mit dem Tod und der eigene Sterblichkeit wandelt sich stetig.

Das Buch „Ossarium“ ist spannend. Liebevolle Details und Episoden zu vielen Gemeinden vor allem in der Schweiz – kantonsweise gegliedert. Viel Wissenswertes über unsere Vorfahren und über uns. Es geht nicht nur um ein paar gesammelte Knochen, sondern ebenso um gesellschaftliche Veränderungen und kulturelle Brüche.

Der letzte Absatz im Buch lautet wie folgt:
„Wir möchten dieses Buch deshalb mit einem Plädoyer für den Erhalt der wenigen noch mit Gebeinen bestückten Ossarien der Schweiz schließen. Die Umnutzung von Beinhäusern und das Wiederbestatten der darin ausgestellten Knochen sind moderne Praktiken, die – leider – auch in jüngerer Zeit noch getätigt wurden. ‚Geschichte‘ aufzuräumen und das, was uns daran irritiert wegzuwerfen, mag ein beruhigendes Gefühl hinterlassen. Es hat jedoch wenig mit einem wirklichen Interesse an historischen Begebenheiten zu tun, sondern sagt viel über die heutige Welt und ihre Einstellung zum Tod aus.
Wir möchten die Lesenden deshalb dazu auffordern, sich auch nach der Lektüre dieses Buchs weiter mit Beinhäusern auseinanderzusetzen. Besuchen Sie einige davon und setzen Sie sich für den Erhalt der wenigen noch vorhandenen, traditionell genutzten Beinhäuser ein.  Die Welt, die es dort zu entdecken gibt, enthüllt nicht nur einen facettenreichen Teil der europäischen Religionsgeschichte, sondern ermöglicht es auch, über das eigene Verhältnis zum Tod und zu den Toten nachzudenken.“

Dieses Buch lädt zu einer Erkundungsreise durch die Schweiz ein. Und das Lesen ist eine wirkliche Empfehlung von mir, denn meine Worte können nur „Schlagworte“ sein, welche die Themen höchstens anreißen.

Der Klappentext:
„Kunstvoll aufgeschichtete Schädelwände, Gebeine hinter Holzgittern oder in die Wand eingemauerte Totenköpfe – so werden die ausgehobenen Knochen in Beinhäusern präsentiert. Legenden und Geistergeschichten ranken sich um die Ossarien, aber Kerzen vor Totenköpfen oder bemalte Schädel zeigen auch, wie Beinhäuser in die religiöse Praxis integriert waren und immer noch sind.
Großformatige Farbfotografien wechseln ab mit erläuternden Texten u. a. von Regula Odermatt-Bürgi, Paul Koudounaris und Melanie Eyer. Ein anschauliches Inventar aller erhaltenen Beinhäuser in der Schweiz und im angrenzenden Ausland mit spannenden Einblicken in die Religionsgeschichte.“

Die Autoren:
Yves Müller, Jahrgang 1986, ist Wirtschaftsinformatiker und leidenschaftlicher Fotograf.
Anna-Katharina Höpflinger, Dr. sc. rel., Jahrgang 1976, ist Oberassistentin am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik der Universität Zürich.

256 Seiten, 17 x 24 cm
ISBN 978-3-290-22034-1

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