Jana Volkmann – Schwimmhäute

Sechsundzwanzig Metamorphosen

Der Name Jana Volkmann war mir bisher unbekannt. Doch das weltweite Datennetz schafft Abhilfe. Auf der Internetseite der Autorin steht: „Jana Volkmann wurde 1983 in Kassel geboren und lebt und schreibt seit 2007 in Berlin. Sie ist zurzeit im Masterstudiengang ‚Europäische Literaturen’ an der Humboldt Universität zu Berlin. Vorher hat sie ein Japanologie-Studium erfolgreich abgebrochen und hat im Norden, im Westen und schließlich im Osten Deutschlands gewohnt.“

Jana Volkmann, eine junge Frau, die es zum Studieren und zum Schreiben nach Berlin verschlagen hat. Über das Studium lässt sich nichts sagen, aber das nunmehr vorliegende Erstlingswerk „Schwimmhäute“ liefert reichlich Gesprächsstoff.

„Schwimmhäute“ beinhaltet 26 Kurzgeschichten. Kurzgeschichten wie Blicke durch Schlüssellöcher in fremde Leben, in fremdes Fühlen. Leben und Fühlen von Frauen. Denn nur solche sind die Hauptpersonen. Sind es deshalb „Frauen-Geschichten“? Nein, wohl nicht. Der Leser blickt durch die Augen und die Gefühle einer Frau auf diese selbst, auf andere Menschen, auf Gelegenheiten und Situationen. Miniaturen, die klaustrophobische oder autistische Ängste empor kriechen lassen. „Gefühlskrüppel“ gefangen in sich selbst. Unfähig, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen. Richtigen Kontakt aufzunehmen. Nur ein „Sich-nicht-wehren“ gegen das Draußen. Oft auch eine vollkommene Abwehr gegen die Außenwelt. Ein „Neben-sich-stehen“ auf hohem Niveau. Einsamkeit mit sich selbst. Frauen mit Sehnsüchten, seltsamen Sehnsüchte. Begierden. Da liest man keine anregenden Liebesepisoden, keine frühlingsleichten Essays, keine spaßig-lockeren Erkundungen. Man liest mosaikartige Details über Menschen. Menschen in der Großstadt. Allein unter Millionen. Allein in Wohnungen, Clubs, Bars, allein in Parks oder Kerkern. Und immer allein mit sich selbst in einer sich fremd anfühlenden Haut und fremd anfühlenden Gelüsten. Die Frauen erscheinen vordergründig als bedauernswerte Opfer… Sind sie es tatsächlich? Irgendwie haben sie alle einen Knall.

Nein, es sind keine netten Geschichten von nebenan. Oder vielleicht doch von nebenan? Wer weiß schon mehr von seinem Nachbarn als den Namen an der Tür? Der kleine Spießbürger in mir denkt sich ja erst einmal nichts weiter… Aber jetzt, nachdem die Geschichten in meinem Kopf gelandet sind, betrachte ich die Wohnungstüren und fremde Menschen auf der Strasse mit anderen Augen. Was verbirgt sich hinter der Maske? Was treiben sie, sobald sie meinem Blick entschwinden? Entschwinden sie in eine Zwischenwelt voller Lust? Oder sind sie des Lebens müde? Haben sie skurrile Gelüste oder absurde Träume? Wohin treibt sie Gier oder Müdigkeit?

In Jana Volkmanns Metamorphosen finden sich alltäglich wirkende und doch surreale Schilderungen. Realität und Phantasie verschwimmen. Manchmal erotisch, manchmal fast brutal. Ihre Frauengestalten gehen verloren in ihrer eigenen Welt, ihrer geheimen Welt. Bedrückende Welten. Dunkle Welten.
Die Sprache, mir der diese verstörenden Geschichten geschrieben wurde, ist gesammelt, ruhig. Intensive Ereignisse beschreibt sie zwar gnadenlos deutlich, bleibt dabei aber zurückhaltend im Temperament. Der Leser muss seine eigene Phantasie bemühen, Worte und Sätze im Kopf ergänzen. Man „erlebt“ sozusagen immer zwei Geschichten: eine niedergeschriebene und eine weitere, die sich parallel im Kopf abspielt. Seltsam, wie man sich dem Bann dieser Metamorphosen hingibt. Obwohl man sich oftmals weigern will, so zu fühlen, zu denken, zu handeln wie die Protagonisten. „SO“ ist man doch keinesfalls! „SO“ steht man doch niemals neben sich! Man fühlt sich abgestoßen und angezogen – als Voyeur. Grenzen werden überschritten. Man rutscht hinein in diese erbarmungswürdigen Existenzen.

Interessant ist dabei, dass selbst monströse Vorkommnisse nicht be- oder verurteilt werden. Nur eine Schilderung. Ruhig und sachlich.

Muss man die Inhalte der Geschichten kurz benennen? Nein. Muss man nicht. Denn eine Kurzbeschreibung wird herausgerissen aus der Stimmung, aus der Absonderlichkeit des Geschehens. Man sollte sich hineinlesen.

Nur eines: Die Titelgeschichte „Schwimmhäute“ blickt in einen Keller. Eine Frau, Nummer 156, gefangen, gefoltert, missbraucht, „erdenkt“ sich Schwimmhäute zwischen ihren Fingern und schwimmt in ihrer eigene Ozeanwelt der Realität davon. Und kann in der Danach-Zeit doch dieser Realität nicht entkommen – der Epilog.

Die Erzählungen werfen unweigerlich Fragen auf, wer ist man selbst? Was verstecken wir? Welche Morphosen wären uns möglich – wenn sie denn möglich wären? „Erlaubt“ wären?

Der Klappentext:
Eine Frau schleicht sich in fremde Schlafzimmer, die nächste in einen fremden Körper, eine andere nimmt Abschied von ihrer Kindheit, eine weitere von der schwindenden Liebe ihres Freundes. Die Kurzgeschichten der Berliner Autorin Jana Volkmann spielen in der Großstadt, in Altbauwohnungen, Sushibars, Swingerclubs, auf der Straße, in Betten, Verliesen und in Gedankenlabyrinthen. Sie sind alltäglich, doch surreal, finster und dabei feinfühlig, oft erotisch und niemals platt. Die Protagonistinnen der sechsundzwanzig Metamorphosen schwimmen zwischen Realität und Phantasie. Sie strampeln zwischen Innen und Außen, tauchen ein in Selbstzweifel und Ängste, verlieren sich im Wahn – und tauchen nicht immer rechtzeitig wieder auf.

Jana über sich selbst und das Schreiben:
„Ich liebe besonders und vor allem die großen Widersprüche, das Paradoxe, das unerklärbar Absurde, den Gegensatz. So versuche ich, meine Figuren mal Püppchen, mal Imago sein zu lassen, mal verschwinden sie, mal verirren und mal verwandeln sie sich. Häufig taumeln sie zwischen hellwacher Lust und Lebensmüdigkeit, Traum und Wirklichkeit. Hauptsache, sie finden sich nie in der Mitte wieder: Mich interessiert, was sich an den Rändern abspielt.“
Das etwas andere Nachdenk-Buch für Leser, die auf Sprache Wert legen und ohne Bevormundung und mit freier Interpretation lesen wollen.

Periplaneta – Verlag und Mediengruppe
www.periplaneta.com
Buch & CD, Klappenbroschur 120 Seiten, 50 Minuten
ISBN: 978-3-940767-92-9

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