Live in Berlin: LYDIA & MARK BENECKE

12. November 2011

BERLIN, KINO BABYLON

In riesigen Buchstaben wurde an der Fassade des Kinos Babylon in Berlin Mitte der Literatur-Live-Abend mit Lydia und Mark Benecke angekündigt. Minuten nach Einlassbeginn war der Saal bereits zur Hälfte gefüllt. Gespannt wartete man auf die Präsentation des neu erschienenen Buchs mit dem Titel „Aus der Dunkelkammer des Bösen“. Die beiden Autoren – Lydia und Mark Benecke – waren indes schon eifrig beim Signieren. Das Autogramm wurde auf fast alles angeboten… auch auf Dekolletes (wenn es denn gewünscht wurde). Letzteres konnte jedoch nicht beobachtet werden, doch mit anderen autogrammwürdigen Gegenständen drängten sich ständig Dutzende Besucher um das Rednerpult. Nebenbei tippte Mark noch wichtige Botschaften in den Klapprechner, die dann auf der Leinwand für das Publikum mitliefen. Oder die Pfeiltaste kletterte eine Musikauswahlliste rauf und runter, um uns vorab mit Klängen und Videos unterschiedlichster Art zu unterhalten. Musikalische Einstimmung zwischen Rammstein und Lady Gaga (gaga ist da schon die richtige Bezeichnung) und das Lieblings- und Erkennungsvideo „Wir müssen alle sterben“ von Knorkator. Wir müssen alle sterben. Früher oder später. Auf eine natürliche oder un-natürliche Art und Weise. Und damit wären wir auch schon mitten im Betätigungsfeld des wohl weltweit bekanntesten Kriminalbiologen, über das er ausführlich schreibt und spricht.

Auf den relativ bequemen Kinosesseln nahm ein altersmäßig gemischtes Publikum Platz. Verschiedene Generationen waren vertreten. Man sah jedoch – rein äußerlich – eher Vertreter des Bürgertums oder auch Studenten. Die thematisch vielleicht in hoher Zahl erwarteten Anhänger diverser Rand-Subkulturen wie der „schwarzen Szene“ blieben – bis auf eine Hand voll – aus. Die Erwartungshaltung aller Anwesenden war groß. Der Saal voll besetzt. Und dann traf alles so ein, wie man es erhoffte. Spannend, spontan, unterhaltsam und wissenschaftlich kriminell. Mark und seine Frau Lydia – sie ist Psychologin – schreiben über Verbrechen und Verbrecher. Wo Mark rein sachlich die Spuren zu Geschehnissen ordnet, findet Lydia die Motive des Täters. Das Buch umfasst über vierhundert Seiten. Und Mark Benecke startete den Versuch, sich binnen zwei Stunden über den Inhalt der vierhundert Seiten auszulassen. Temporeich und witzig, zahlreiche Bonmots einstreuend – was Jung nicht wissen kann, oder der Wessi verpasst hat, oder dass seine Frau eine Polin sei… – riss er die Zuhörer mit. Forderte zum Schmunzeln oder Lachen heraus. So wird auch ein trockenes wissenschaftliches Thema für den Laien interessant und verständlich. Für einige Anwesende war der Vortrag wohl doch zu rasant und zu sprunghaft – tja, Mark Benecke, der Herr der Maden, ist nun mal ein ganz besonderer Kriminalbiologe. Da muss man sich auch beim Zuhören hin und wieder ein wenig anstrengen. Einzig und allein Hermine, das immer mitreisende Kaninchen, blieb unbeeindruckt und mümmelte still vor sich hin.

Mark Benecke berichtete u.a. über eine Reise nach Russland. Auf Einladung. Zwecks Untersuchung der Schädelreste Hitlers. In einem irrwitzigen Tempo inklusive diverser Gedankensprünge erzählt Benecke von kuriosen Umständen im russischen Staatsarchiv, Stalins politischen Eruptionen, falschen DNA-Spuren, fehlendem Vergleichsmaterial, Hitlers Eigenheiten, Krankheiten und Abhängigkeiten, Hitlers Kiefer inklusive Gebiss – was als eindeutig echt gilt (womit ein in Südamerika lebendiger Hitler zumindest keinen Kiefer hätte), dem Schäferhund Blondi, Selbstmord durch Vergiften und/oder Erschießen und wie ein Kriminalbiologe aus authentischen Spuren ein reales Geschehen herauslesen kann. Das ist schon große Kunst.

Lydia brachte anschließend – nach einer kurzen Pause, in der wieder kräftig signiert wurde – einige Aspekte und Gründe zur „Täterwerdung“ vor. Unter anderem den Hinweis, dass viele Täter irgendwann auch Opfer waren. Ein schwieriges und weites Feld. Verletztes Ego, Minderwertigkeitsgefühle. Sie ging auch auf das Thema „Beziehungstaten“ ein. Männer foltern, quälen, vergewaltigen und töten Frauen, weil sie diese für sich allein behalten wollen. Frauen hingegen töten die Männer, um sie loszuwerden. Da lachten auffällig viele Damen. Was hatten die denn da für un-heimliche Gedanken?

Das Buch „Aus der Dunkelkammer des Bösen“ dürfte damit gut beworben sein. Wobei dies wohl kaum nötig war, mussten Lydia und Mark doch bereits vor der Veranstaltung zahlreiche Bücher signieren – und auch ich war bereits vor diesem Abend im Besitz desselben.

Ob es sich nun um einen der zahlreichen Vorträge von Mark Benecke handelt, oder wie in diesem Fall um eine Buchvorstellung – seine Veranstaltungen sind immer extrem gut besucht. Sie sind garantiert umwerfend spannend, lehrreich und unterhaltsam. Und sie sind auch immer viel zu schnell vorbei.

Und nun widme ich mich der Dunkelkammer des Bösen…

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