M’era Luna Festival 2006

12. bis 13. August 2006

HILDESHEIM, FLUGPLATZ

40 Bands, 2 Bühnen, über 20.000 Besucher, 0 Regen – das sind die nackten Zahlen bezüglich des M’era Luna Festivals 2006. Aber selbstverständlich spiegeln nackte Zahlen das Wochenende in Hildesheim unzureichend wieder, schließlich ist dieses Festival – trotz eines eher unspektakulären Geländes – seit Jahren ein fester Bestandteil im „schwarzen“ Open-Air-Kalender. Nicht uninteressant war in diesem Jahr der Altersdurchschnitt auf und auch vor der Bühne. Ein hohes Maß an musikalischer Erfahrung zeichnete das Line Up aus. Altgediente Musiker – ja, manch einer bezeichnet sie auch gerne schon mal als Helden – gaben sich das Mikro in die Hand. Diese „Alten“ brauchen sich aber keineswegs zu verstecken. Allen voran „Die Krupps“: Vor mittlerweile 26 Jahren zum ersten Mal in Erscheinung getreten, zwischenzeitlich auf Eis gelegt und im letzten Jahr pünktlich zum vierteljahrhundertsten Bühnenjubiläum reanimiert, haben „Die Krupps“ nichts verlernt und kein bisschen der ursprünglichen Energie verloren. Electro-Metal par exzellent. Und das schon am Nachmittag. Hits wie „To The Hilt“, „Fatherland“ oder „Metal Machine Music“ ließen die Zeit auch wie in Zeitraffer verstreichen. Nach leider nur 45 Minuten war dieser phantastische Auftritt und mein persönliches Highlight am ersten Festivaltag dann auch viel zu schnell vorbei.

Aber beginnen wir mit der Berichterstattung am Anfang: Nach der Ankunft am Freitag „Same Procedure as every year“ – Bändchen holen, Zelt aufbauen oder Schlafplatz im Auto herrichten, eventuell noch Verpflegung besorgen, um anschließend die Party zu besuchen oder um gemütlich beisammen zu sitzen – in Vorfreude auf den ersten Festivaltag.

Nach einer nicht unanstrengenden und späten Anreise war es nicht verwunderlich, dass die Nacht für mich etwas später als gewünscht endete. In der Folge eines entspannten Frühstücks – die erste Band „Sono“ hatte ihr Set schon beendet – konnte man sich auf den Weg zum Einlass in gespannter Erwartung auf den Auftritt von „Northern Lite“ machen. Obwohl es noch nicht einmal 12 Uhr geschlagen hatte, gab es dort schon lange Schlangen. Zu so früher Stunde eigentlich ungewöhnlich. Dies verstärkte den Eindruck, dass in diesem Jahr wohl noch mehr Besucher den Weg nach Hildesheim angetreten hatten. Somit war es dann Gothminister, der meine persönlichen Liveimpressionen eröffnete. Verwundert stellte ich fest, dass vor der Hauptbühne schon einiges los war und die Auftritte auch für die ersten Bands ein Erlebnis sein sollten. Aber auch der Hangar, in welchem man die zweite Bühne finden konnte, wurde von zahlreichen Besuchern „heimgesucht“. Da ich kein Freund des Hangars bin, habe ich diesen bis auf wenige Ausnahmen gemieden. Keineswegs war hierfür das Line Up ausschlaggebend. Aber der Sound lässt eben einfach zu wünschen übrig. Was wundert´s? Schließlich wurde das Teil ja auch als „Unterkunft“ für Flugzeuge gebaut. Darüber hinaus ist der Zugang zum Hangar nicht unbedingt stressfrei. Somit sollte es ein entspanntes Festival unter freiem Himmel werden, bei dem musikalisch eigentlich für jeden etwas dabei gewesen sein dürfte. Kaum möglich, alle Auftritte zu würdigen und zu erwähnen – allein schon wegen der Überschneidungen.

„Funker Vogt“, Stammgäste des M’era Luna Festivals, heizte den Massen mit elektronischen Beats ein, bevor die schon angesprochenen Krupps die Fans begeisterten. Es folgten „Blutengel“ mit der erwarteten Show zwischen Kunstblut und Pyro-Effekten, um anschließend Platz für „Front Line Assembly“ zu machen. Sänger Bill Leeb versicherte, dass er es persönlich sei, der da auf der Bühne steht – in Anspielung auf Vorkommnisse beim Wave-Gotik-Treffen im Jahr 2002, als ein sehr jung aussehender „Bill Leeb“ im Bühnennebel auszumachen war und die Fangemüter erhitzte. Diesmal gab es aber keinen Nebel und ein Ablesen der Texte war unnötig. Bill Leeb stand leibhaftig – mit dem aktuellen Album ‚Artificial Soldier‘ im Gepäck – vor deutschem Publikum, welche „Front Line Assembly“ gebührend feierten. Einen etwas merkwürdigen Eindruck machten nur die teils beträchtlichen Distanzen zwischen Sänger und Mikrophon bei gleich bleibender Qualität – ein Schelm wer Arges denkt? Die zurückliegenden Auftritte von „Funker Vogt“ bis „Front Line Assembly“ zeigten eindrucksvoll, wie unterschiedlich, abwechslungsreich und leidenschaftlich elektronische Musik – mal mit hartem Gitarrensound, mal komplett darauf verzichtend – sein kann.

Eine weitere altgediente Band bildete den Abschluss des Tags Nummer 1. Auch „Bauhaus“ konnten aus eigener Kraft die Bühne betreten und insbesondere die älteren Semester verzücken, wobei ich selbst nicht wirklich in nostalgische Begeisterungsstürme verfiel. Sicherlich war es aber für den einen oder anderen alten wie jungen Fan ein Erlebnis diese wegweisende Formation noch einmal oder auch zum ersten Mal live erleben zu dürfen.

Neben den Bands standen natürlich auch wieder die Besucher selbst im Mittelpunkt. Phantasievoll zurechtgemachte Outfits zogen die Blicke auf sich. Erotisch, verspielt, frech, frivol – das Auge bekam einiges geboten.

Noch ein kurzes Wort zum Wetter: Befürchtungen, dass es nur annährend so heftig wie im letzten Jahr regnen könnte und man durch eine Moorlandschaft waten müsse, bewahrheiteten sich nicht. Ganz im Gegenteil: Es blieb trocken. Ein besseres Wetter hätte man sich kaum wünschen können. Nicht zu warm, nicht zu kalt und ohne Regen. Einfach perfekt.

Am zweiten Tag reihten sich die möglichen Highlights und interessanten Auftritte hintereinander auf. Spetsnaz, Letzte Instanz, Rotersand, The Birthday Massacre, In Strict Confidence, Apoptygma Berzerk, Terminal Choice und Ministry. Man hätte mehrere Stunden lang zwischen beiden Bühnen hin- und herhetzen können. Nun gut, wie schon erwähnt konzentrierte ich mich hauptsächlich auf die Open-Air-Bühne. Eine Ausnahme machte ich bei „Rotersand“ und wurde nicht enttäuscht. Die (Electro-)Fans im Hangar waren bester Laune – nicht nur direkt vor der Bühne, sondern scheinbar bis in den letzten Winkel herrschte eine außergewöhnliche Stimmung. Zwei riesige Fahnen mit dem Emblem der Band wurden geschwenkt. Und als ob die in die Beine gehende Musik der deutschen Band noch nicht ausgereicht hätte, hatte das Trio noch einen Bonus parat. Mark Jackson – Mitglied von „VNV Nation“ – kam für einige Stücke auf die Bühne, um die Band Drumsticks schwingend zu unterstützen.

Vorher sorgten aber noch „Letzte Instanz“ für Stimmung. Mittlerweile hat sich die (Live-)Qualität der Band herumgesprochen und der Bereich zwischen Bühne und Mischpult wurde von einem enthusiastischen Publikum in Beschlag genommen. Die Mischung aus klassischen Geigen- und Celloklängen, harten Rockgitarren und einem gefühlvollen Gesang muss man einfach mögen.

Die Darbietungen von „Rotersand“ und „The Birthday Massacre“ haben sich leider überschnitten. So konnte ich nur einen Teil des Auftritts der kanadischen Band um Frontfrau Chibi verfolgen. Was ich hier sah und hörte, machte aber Appetit auf mehr. Konzentriert durchgestylte Musiker. Eine Sängerin, die mal wie das brave, naive, schüchterne Mädchen von nebenan wirkt, um in der nächsten Sekunde richtig böse zu klingen. Grimassen schneidend und ins Publikum winkend, zog sie die Fans in ihren Bann, bevor sie die Bühne für „Apoptygma Berzerk“ frei gab. Die Norweger sind bekannt für einen mitreißend rockigen Livesound, was sie zum wiederholten Male unter Beweis stellten. Alte wie neue Hits wurden dankend angenommen. Leider war die Spielzeit von 50 Minuten viel zu schnell vorbei.

„Ministry“ – böse, aggressiv, laut. Und mit laut meine ich auch laut. Verdammt laut. „Motörhead“ und „Manowar“ Konkurrenz machend. Der Anfangsbuchstabe verpflichtet. Wer direkt vor den Boxen stand, hatte nahezu das Gefühl, die Haut abgezogen zu bekommen. Ein Gitarrenbrett, welches kaum übertroffen werden kann. Samples etc. traten hierbei leider etwas in den Hintergrund. So konnte man das Carmina-Burana-Versatzstück bei „No W“ nur erahnen. Den Auftritt von „Ministry“ konnte man sicherlich auch noch in Hannover, Braunschweig und Magdeburg akustisch verfolgen. Irgendwie faszinierend und schockierend zugleich. Ein Set, welches viele Besucher fesselte, anderen hingegen war die ganze Sache einfach zu derb.

Meine musikalischen Vorlieben waren ausreichend gedeckt. Somit konnte ich mich zum Abschluss noch ein wenig der Shopping-Meile widmen. Finden konnte man hier wieder alles Mögliche. Fraglich war nur, ob man die diversen Accessoires auch braucht (und Platz dafür hat) und ob sich im Geldbeutel genug Inhalt für den Erwerb der diversen Kleidungsstücke und allerlei Krimskrams befand…

Fotos: Marcus Rietzsch

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