Rest In Peace – Ein Dokumentarfilm von Andrea Morgenthaler

Bilder scheinbar endloser Reihen mumifizierter Leichen. Stehende und liegende Körper in kühl-blauer Atmosphäre. Vermeintlich grinsende schiefe Schädel, Gesichter zu einer Fratze verzogen, dunkle Augenhöhlen, aufgerissene Münder, Kleidungsfetzen verhüllen die Körper. Beschwingt-heitere Musik untermalt die Szenerie. Beeindruckende, schöne und friedliche Bilder. Eine ruhige Stimmung ausstrahlend. Und so natürlich. Rest In Peace. Ruhe in Frieden.

Was geschieht nach dem Tod? Dieser oft gestellten Frage nähert sich der Film „Rest In Peace“ weniger aus religiöser oder spiritueller, als vielmehr aus einer praktischer Sichtweise. Welche unterschiedlichen Wege gehen die sterblichen Überreste? Die Antworten sind vielfältig.

Im Gegensatz zu den einleitenden Bildern aus der Kapuzinergruft in Palermo lässt mich die Arbeit des New Yorker Bestatters Isaiah Owens frösteln. Watte wird unter die Augenlider gestopft. Botox in schlaffe Gesichtspartien gespritzt. Ein letztes Mal wird der Sitz der Frisur geprüft, ehe die Trauergemeinde Abschied nehmen kann. Isaiah Owens: „Ich sorge dafür, dass die Leute so aussehen, als wären sie im Himmel.“ Für die Hinterbliebenen sicherlich ein tröstlicher Anblick, mich überfällt trotzdem ein unschöner Schauer, erscheint mir das Herrichten doch irgendwie überaus befremdlich.

Befremdlicher als die sicherlich nicht unskurrile Szene, in welcher der gepiercte und tätowierte Dr. Mark Benecke – seines Zeichens angesehener und weltweit bekannter Forensiker – gemeinsam mit seinen ebenfalls körpergeschmückten Assistentinnen über eine Leiche gebeugt, Maden von derselbigen sammeln und sich über deren Aussagekraft austauschen.

Weitere Themen – mal mehr, mal weniger alltäglich – stimmen nachdenklich. Über so manche Umstände mag man sich bisher keinerlei Gedanken gemacht haben. So entführt der Film von Andrea Morgenthaler den Zuschauer nach Schweden, wo Susanne Wiigh-Mäsak über eine Alternative zur traditionellen Erd- bzw. Feuerbestattung nachdenkt. Der Mensch soll vollständig zurück in den Kreislauf der Natur gebracht werden kann. Die Antwort: Kompostieren.

Im Hamburger Institut für Rechtsmedizin erhält man Einblicke in den Alltag der Organentnahme für Transplantationen. Wer hat schon einmal Überlegungen angestellt, wie und ob gespendete Organe ersetzt werden?

Bizarr erscheinen die Aufnahmen einer Feuerbestattung in Nepal. Im Vordergrund verfolgt die Kamera die Arbeit des Bestatters, der pro Beisetzung zwei bis drei Stunden am Fluss steht und das Verbrennen der Leiche überwacht. Im Hintergrund spielen Kinder, Menschen eilen vorbei. Kühe und Affen lassen sich ebenfalls nicht stören. Das Leben der anderen geht weiter.

Viel grotesker erscheint aber die Vorstellung, sich nach dem Tod einfrieren zu lassen. Wahlweise nur den Kopf, um diesen später auf einen sportlicheren, jugendlicheren Körper setzen zu lassen. Der Tod ist unumgänglich und doch wollen ihm einige ein Schnippchen schlagen. Ob die Wissenschaft dies irgendwann ermöglicht? Man mag es sich eigentlich nicht vorstellen.

„Hier rieche ich den Tod. Hier fühle ich den Tod. Das ist praktisch mein Element.“ Harald Köck findet bei diversen Besuchen in der Pathologie Inspiration. Der Wiener Künstler malt Leichen. Seine Bilder zeigen tote Körper. Aufgeschnitten. Entstellt. Teils dunkel-düster, teils farbenfroh. Er vergleicht das Leben und den Tod mit einem Schachspiel. Doch letztendlich gibt es immer nur einen Sieger: „Und das ist schwarz: der Tod.“

Der Abschluss des Film mag nicht so recht in die Betrachtung passen. Der Umgang mit den sterblichen Überresten spielt bei dem „Dia de los muertos“ in Mexiko keine Rolle. Einmal im Jahr wird ein rauschendes, lautes Fest zu Ehren der Toten bzw. deren Seelen, die von Gott die Erlaubnis haben, für einen Tag auf die Erde zurückzukehren, gefeiert. Auf den Friedhöfen wird Karten gespielt, musiziert, gelacht, getrunken und gegessen. Später – auf den Straßen – erinnern die Bilder ein wenig an eine Mischung aus Halloween und Karneval. Man erlebt den Tod jedoch bewusst und kostet das Leben voll aus. Eine durchaus gesunde Einstellung.

Obwohl manche Ansicht für eine unangenehme Gänsehaut sorgt, verfolgt der Film keine „sensationslüsternen“ Ziele. „Rest In Peace“ ist nicht auf reißerische, marktschreierische Bilder ausgelegt. Der Zuschauer wird allerdings auch nicht geschont. Schließlich ist die Wirklichkeit nicht immer äsethisch und sanft. Keine körperlose Stimme aus dem Off leitet den Betrachter. Einzig die gesprochenen Worte der acht Protagonisten und die aussagekräftigen Aufnahmen reichen aus, damit sich der stille Beobachtende persönliche Fragen stellt. Würde man beispielsweise die Chance nutzen wollen, irgendwann nach dem eigenen Tod in einer noch unbestimmten Zukunft wieder zum Leben erweckt zu werden – um dann in einer Welt, in der vermutlich alle bekannten und lieb gewonnenen Menschen verstorben sind und sicherlich vieles fremd erscheint, zu leben? „Rest In Peace“ – ein Film der bewegt und nachdenklich stimmt.

„Keine Angst. Der Tod ist nicht das Ende.“, stellte kürzlich Dr. Mark Benecke bei einem Vortrag fest. „Danach beschäftigen sich noch Leichenbeschauer, Bestatter, Mediziner und Maden mit Ihnen.“

Wie recht er doch hat…

Rest in Peace
Dokumentation
Deutschland, Österreich 2010
92 Minuten
Regie: Andrea Morgenthaler
www.rest-in-peace.at

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.