13. Wave-Gotik-Treffen 2004

28. bis 31. Mai 2004

LEIPZIG

Wie wird das Wetter zu Pfingsten? Jeden Tag studierte ich die Wettervorhersage. So ein traumhaft warmes Sonnenwetter wie im Jahr 2003, ist wohl einmalig. Aber bitte, bitte, wenigstens keinen Regen!!!

Also dann am Donnerstag Morgen zum ICE via Leipzig. Die Taschen voll mit Lederklamotten, dickem Schal und transparenten Blusen. Nun soll Wetter kommen was will. Im Zug dann hier und da schon das leise Glöckchengeklingel und lachendes, schwatzendes, schwarzes Volk. Nun packte mich doch sehr die freudige Unruhe. Die Deutsche Bahn hielt mal keine Überraschungen bereit und der Zug landete pünktlich im Hauptbahnhof von Leipzig.

Oh ja, es war nicht zu übersehen: Das schwarze Volk hält sein Jahrestreffen ab *lächel*. Es ist einfach zu schön anzuschauen. Jeder neu eintreffende Zug, ob nun ICE oder Wüstenexpress, entließ weitere erwartungsvoll schauende Gothics. Was mich auch immer wieder auf´s Neue warm, angenehm berührt: es werden keine Polizei- und/oder Grenzschutz-Hundertschaften herangekarrt. Weil es gar nicht notwendig ist. Haben Sie schon mal den Aufmarsch gesehen, wenn bei Fußball-Länderspielen die Fans eintreffen? Also so friedlich begann unser Pfingst-Treffen: mit Einkäufen bei Rossmann, „Überfällen“ bei ALDI und dem Verteilen vieler schwarzer Gestalten in die zahlreichen Bistros und Cafés. Dann füllten sich die Straßenbahnen und Taxis und ab ging es zu den Hotels oder zum Zeltplatz. Wie nun das Wetter war? Na ja, frisch, aber trocken. Das passte schon.

In gelöster Stimmung genossen wir (und nicht nur wir) den Nachmittag in der sanften Stille des Südfriedhofes. Ein wunderbarer Wohlfühl-Ort mit kräftiger, wild-romantischer Vegetation und vielen steinernen Anregungen zum Nach-sinnen.

Für den Abend luden dann DJs in die AGRA und ins Darkflower ein. Wir aber schlugen in der Moritzbastei auf, wo es bei dem Konzert von „Scarecrow“ mächtig abging. So stimmten wir uns ein auf die vor uns liegenden Tage und Nächte… mit Schauen, mit Gesprächen und vor allem mit Tanzen.

Der Freitag lud um 10.00 Uhr (!!!) zu einem Absinthfrühstück in die SIXTINA. Das muss wohl etwas für diejenigen sein, die ohne Schlaf auskommen.

Zum Nachmittag begannen Konzerte und in der AGRA lief die große Eröffnungsveranstaltung. Nein, wir waren nicht dabei. Es gab wieder soviel zu schauen. Die Menschen in den verschiedensten Outfits. Martialisch, romantisch, erotisch, sportlich, elegant, punkig, schwarz, kunterbunt – alles ist da, alles erlaubt. Alter, Figur, Geschlecht, Behinderungen – es ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, wie man sich selbst sieht und gesehen werden möchte.

Still huschen schmale Mädchen durch´s Gedränge. Oder in auffällige Gewandungen steckende Fürstlichkeiten der Szene promenieren fotosüchtig auf dem AGRA-Gelände. „Jeder nach seiner Facon.“ – das sagte wohl mal der Olle Fritz. Na das tun wir doch gern. Und die Leipziger tolerieren unser Treiben – jedenfalls habe ich bisher keine anderen Erfahrungen gemacht. Ach ja, die Leipziger – die Anwohner um die einzelnen Veranstaltungsorte herum nehmen doch viele Belastungen auf sich: abenteuerliche Park-Variationen für Autos mit Kennzeichen, die nicht mit „L-…“ beginnen und das Klappen der Autotüren bis nach Mitternacht. Aber sonst sind wir ja eigentlich pflegeleicht und auch in den Hotels, Pensionen und Gaststätten gerngesehene Gäste. Ich glaub aber, am liebsten sind wir den Taxi-Fahrern… die rasenden Kutscher zur nächsten relevanten Veranstaltung (die boshafterweise immer am anderen Ende der Stadt stattfindet).

Freilaufende Bandmitglieder konnte man in der Menge entdecken, oder im Gespräch vertieft. Aber sie waren auch der Gefahr ausgesetzt, von mir umgerannt zu werden… sorry, Bruno.

Neben harter elektronischer Musik (also das, was so gemeinhin als „Krach“ empfunden wird) und anderen Stilrichtungen findet man mittelalterliches Treiben im „Heidnischen Dorf“. Altes Handwerk lebendig und authentisch. Speisen mal ganz anders. Musik und Tänze dieser Zeit, Gaukler und Schwertkämpfe. Auch das sind wir.

Eine kleine Episode… ein junger Mann verlor auf dem Zeltplatz seine Börse – und bekam sie komplett zurück. Das gehört sich auch so? Ja, sicher. Doch in der heutigen Zeit ist das doch schon etwas Besonderes.

Der Montag bescherte uns dann leider reichlich Regen. Wir neigen keinesfalls dazu, Archen oder Fähren zu basteln und deshalb ließen wir uns im trockenen Foyer der AGRA-Halle nieder. Hier musste wohl jeder mal vorbeikommen. Was uns nicht nur Augen-Genuss verschaffte, sondern auch ein paar interessante Fotos einbrachte und Gespräche.

Ach, und in unserem Hotel wohnte auch eine Band aus der Ukraine. Nur um in Leipzig dabei zu sein, waren sie mit dem Auto zu fünft 24 Stunden unterwegs. Toll!

Viele Konzerte an vielen Orten – Details findet man am besten auf der offiziellen Seite des WGT: www.wave-gotik-treffen.de. Aber ich möchte mich hier nicht verlieren im Aufzählen der (den meisten Lesern unbekannten) Bands. Ich will keine Örtlichkeiten beschreiben. Manchmal sind es gerade die kleinen Dinge, die einem Bild Charakter geben; oder besser gesagt: eine Stimmung beschreiben. Ich hoffe, dass das „Alltägliche“ Sie anspricht.

Schnell noch eine Leipziger Tageszeitung erstanden – positiver ganzseitiger Bericht. Ein Magazin habe ich auch noch mitgenommen. Darin ein Interview mit Peter Matzke, Pressesprecher des WGT – und doch eigentlich viel mehr. Auf dem Bahnsteig eine Dame mit Interesse – aber wie erklärt man in 5 Minuten vor der Abfahrt des ICE Ziele, Gefühle, Denken einer so vielfältigen Szene? Keine Ahnung. Ich hab´s jedenfalls nicht geschafft. Die Zeitung erzählte mir dann von 19.000 Gästen. Wir sind eine große und bunte und internationale Familie. Gothics aus Japan oder Israel, aus den USA und den skandinavischen Ländern… nur um einige zu nennen von etwa 30 verschiedenen Nationalitäten. So unter-schiedlich und doch in der Akzeptanz dieser Unterschiedlichkeit eins.

Wave-Gotik-Treffen… was unterscheidet das Treffen von anderen Festivals der Szene? Nun, vieles. Vor allem ist das Schwarze Volk Bestandteil des „normalen“ Lebens in Gemeinsamkeit mit den Leipzigern. Bei anderen Festivals campieren wir beispielsweise auf Flugplätzen und sind unter uns. Und im Rahmen des WGT finden auch Lesungen statt, Ausstellungen (wenn auch nicht immer gut plaziert). Das WGT ist kein Festival, sondern ein Treffen. Mir bedeutet dieses Treffen sehr viel. Hier sind so viele Gespräche möglich. Die so unterschiedlichen kulturellen Stile der Szene kann man hier wunderbar genießen. Ja, ja, Schwärmerei. Aber ist es nicht wunderschön, dass es ein so friedliches Volk gibt? Schauen Sie sich doch im nächsten Jahr einfach mal unter uns um – Sie können uns treffen an der Moritzbastei, an Straßenbahnhaltestellen, beim Italiener, auf den Straßen flanierend. Wir sind gesellig, schwatzen und lachen gern. Vielleicht sehen wir uns?

Leipzig, mach´s gut. Nächstes Jahr sind wir wieder hier. Wenn Du uns magst. Und vielen Dank für die Gastfreundschaft.

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