Im Gespräch mit Myk Jung (The Fair Sex)

Myk Jung - Wave-Gotik-Treffen 2014

Myk Jung, Jahrgang 1964 – Kolumnist, Autor, Musikredakteur und Musiker bei „The Fair Sex“, „Testify“, „Nice Gods Bleed“ oder „Schuldt“. Nacheinander oder auch nebeneinander. Nach dem Studium der Anglistik, Germanistik und Politologie entschied er sich für ein „hauptberufliches“ Künstlerleben. Eine gute Entscheidung! Aber was treibt diesen Mann an? Wie verlief sein bisheriger Lebensweg? Welcher Mensch steckt hinter der künstlerischen Tätigkeit? Wir haben nachgefragt und ausführliche Antworten erhalten.

Kürzlich wiederholte sich Dein Geburtstag zum 50. Mal. Wie siehst Du diese magische Grenze „ein halbes Jahrhundert“? Gibt es ein Resümee oder ist Dein Blick einzig in die Zukunft gerichtet?

Myk: Schon als ich 22 wurde, dachte ich: „Wow, jetzt bin ich alt!“ Mein Blick tendierte seit jeher dazu, rückwärts gerichtet zu sein. Melancholie, Nostalgie, Zurücksehnen: das begleitet mich schon mein Leben lang. Ich hatte in jeder Lebensphase das Gefühl, dass es zu spät sei. Im Rückblick habe ich dann immer gedacht: „Hey, wieso hab ich eigentlich damals gedacht, dass schon alles zu spät wäre? Das war es doch noch gar nicht – im Gegensatz zu jetzt…“ All dies scheint im Augenblick zumindest nicht schlimmer zu werden. Insofern war die magische Grenze nicht allzu beunruhigend. Und seltsam ist auch: Obgleich ich dauernd nach hinten schaute, gab es allezeit Pläne für die Zukunft.

Du hast Anglistik, Germanistik, Politologie studiert. Welche Erkenntnisse sind Dir aus dem Studium erwachsen? Und welche Beweggründe gab es, ein sicheres Auskommen gegen ein unsicheres Künstlerleben zu tauschen?

Myk: Ich hatte während des Studiums nicht das Gefühl, dass mir sonderlich viele neue Erkenntnisse erwüchsen: weniger zumindest als während der Schulzeit. Obendrein hegte ich schon seit langem den Wunsch, Texte und Songs zu schreiben, die es ansonsten auf der Welt nicht geben würde. Es kam der Punkt, da ich mich endgültig fürs Musikmachen entschied. Der Erfolg der frühen The Fair Sex-Jahre war natürlich ein mitbestimmender Faktor.

Die Freiheit eines weitgehend selbstbestimmten Lebens – gab es Momente, wo Du diese Entscheidung bereut hast?

Myk: Ich bin ein Mensch, der stets mit Zweifeln zu kämpfen hat. Doch zumindest weiß ich, dass die damalige Entscheidung richtig war und nicht bereut werden muss. Man muss das tun, was man unter keinen Umständen lassen kann. Und so war es eben bei mir. Es war nicht gegen meine Natur, sondern quasi folgerichtig.

Ist Dein Leben so verlaufen, wie Du Dir dieses – sagen wir mal vor 30 Jahren – gedacht und gewünscht hast? Was kam anders?

Myk: Es gibt verblüffende Erfüllungen meiner Vorstellungen von damals – doch natürlich ist nicht alles so verlaufen, wie man es sich erwünscht hat. Es gab Phasen, in denen es mir und meinen Mitstreitern an zielgerichtetem Elan mangelte. Im Rückblick mag man feststellen, dass man ein wenig zu oft an zu vielen Ideen und Projekten gleichzeitig arbeitete, die sich dann gegenseitig den Raum nahmen. Zuweilen herrschte Rastlosigkeit: man wollte schlichtweg zu viel auf einmal. Doch man sollte nicht vergessen: Weniger wollen macht glücklich. Sich Zeit zu nehmen, muss man erst einmal lernen.

30 Jahre Musikprojekte verschiedener Art. Was treibt Dich an, Dich immer wieder musikalisch auszudrücken?

Myk: Der eigene Musikgeschmack variiert natürlich durch die Jahre. Die Unterschiedlichkeiten der musikalischen Projekte reflektieren solche Entwicklungen. Doch in der jeweiligen Phase, da man sich um ein bestimmtes Projekt kümmerte, ging ich immer vollkommen im damals aktuellen Klangkonstrukt auf, egal, ob dies nun eher den Charakter von Rock, New Wave, Industrial Metal oder Balladeskem hatte; immerzu war es die Reflektion des jeweiligen musikalischen Sehnens. Und das finde ich sehr wichtig, nur so ergattert man die Energie, monatelang bis in die dämmerigen Morgenstunden im Studio zu arbeiten.

Unterschiedliche Bands, unterschiedliche Stile, unterschiedliche Menschen – was haben sie Dir mitgegeben an Erfahrungen, Eindrücken?

Myk: Ich habe mit vielen versierten Leuten im Laufe der Jahre gearbeitet und immer wieder dazu gelernt – und auch manches von dem Dazugelernten dann wiederum vergessen. Es haben sich etliche Bilder, Szenen, Anekdoten in meinem Gedächtnis eingeritzt, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich wünschte, ich würde die Menschen, die mich durch all die Jahre in den verschiedenen Phasen begleiteten und mit mir um die Arrangements und deren Vollendung rangen, öfter wiedersehen! Manche hat man verloren, manche trifft man lediglich in größeren Zeitabständen – und selbst dann, wenn man ein Jahrzehnt lang glaubte, es handelte sich um eine Freundschaft für immer, mag man feststellen, dass man die betreffende Person nun doch schon eine längere Weile nicht mehr getroffen hat. Das macht mich zuweilen traurig.

WGT 2014 in Leipzig – ein Jubiläumskonzert mit Gastsängern. Wie hast Du den Auftritt erlebt? Wie sah es in Dir aus?

Myk: Ich war, verblüffend genug, weniger nervös als erwartet. So konnte ich glücklicherweise von Beginn an sehr konzentriert zu Werke gehen. Dies war mir stets das Wichtigste: ein Konzert souverän zu absolvieren. Ich ärgere mich immer über Gebühr, wenn mir Fehler unterlaufen! (Was auch durchaus übertrieben sein mag.) Wir hatten uns für das Konzert auf dem WGT 2014 sehr ernsthaft vorbereitet – und das zahlte sich aus. Ich war sehr glücklich über die Publikumsreaktionen. An jenem Abend passte alles: das Zusammenspiel der Band, die einzigartige Atmosphäre, der Sound, das Licht. Ein magischer Moment.

Welchem inneren Antrieb verdanken die Leser beispielsweise Deine Kolumnen? Was hat Dich inspiriert zum Schreiben?

Myk: Der ursprüngliche Antrieb fürs Kolumnenschreiben war schlichtweg, dass ich damals – gegen Ende der Neunziger – zwei, drei Szene-kritische Ideen hatte, von denen ich annahm, dass sie von Interesse sein könnten. Es entstand die Gothic-Reihe „Vom Schürfen in der Tiefe“, die nunmehr seit fast dreizehn Jahren Bestand hat. Jedes Mal, wenn ich eine neue Kolumne zu Ende gebracht habe, denke ich, dass es sich gelohnt hat, das jeweils neue Thema angesprochen zu haben. Natürlich kann man nur hoffen, dass die Leser es genauso sehen. Das Schreiben an sich indes hat bei mir noch längere Tradition als das Musikmachen. Ich habe damit schon in frühpubertären Phasen begonnen.

Dein erster Roman wurde vor 13 Jahren veröffentlicht. Wie wurde diese Parodie aufgenommen? Schließlich hat Tolkien eine millionenfache Fangemeinde. Und warum ausgerechnet Tolkien?

Myk: „Der Herr der Ohrringe“ könnte man als so etwas wie ein Zufallsprodukt bezeichnen. Ich kam im Herbst 1999 mit einem größeren Schriftwerk, das ich damals begonnen hatte, nicht recht weiter. Einigermaßen genervt ließ ich irgendwann meine Finger von allein tippen – und fand mich alsbald in einer ‚Herr der Ringe’-Parodie wieder. Vielleicht war es ein fast logischer Schritt: meine vorhergehenden Erzählungen waren allesamt Slapstick-Fantasy – und ‚Der Herr der Ringe’ las ich eh jedes Jahr von neuem. Es war eine sehr erholsame Arbeit. Ich musste nicht nachdenken – und habe mich zumeist daran erfreut, was meine Finger so erfanden. Allerdings hatte ich die von Dir genannten Zweifel und fragte mich, was echte Tolkien-Fans von einem solchen Frevel halten würden. Doch ich wurde positiv überrascht: Die Tolkien-Fanschar schätzt Parodien durchaus.

2008 hast Du gemeinsam mit Klaus Märkert die Lesebühne Schementhemen gegründet. Wie kam es dazu? Und wie beurteilst Du den Zuspruch?

Myk: Klaus und ich haben einen ähnlichen Humor – so kam es zu der Zusammenarbeit. Es waren wohl genau diese Ähnlichkeiten, gemischt mit einem sehr unterschiedlichen Vortragsstil, der den uns verblüffenden Zuspruch zur ‚Schementhemen’-Lesebühne begründeten.

Du bist Einer derjenigen, deren Schattenriss man nach 30 Jahren Bühnenpräsenz immer wieder erkennt. Wie sehr sind beispielsweise Stirnband oder Bänder an den Handgelenken mehr als Gewohnheit?

Myk: Sie sind gar nicht mehr als Gewohnheit – sie sind Gewohnheit. Stirnband oder Handgelenksbänder gehören zu meinem Alltag: ich trag sie allezeit. Menschen können sich seltsame Dinge angewöhnen – bis sie so sehr zu ihrem Alltag gehören, dass sie sie womöglich kaum noch bemerken. Erst jetzt, wo Du mich darauf ansprichst, wird mir wieder bewusst: ‚Ah ja, all die Bänder: Okay, klar: ich hab sie wieder alle an.’

Gab es einen „zündenden Funken“ (Personen, Erlebnisse), der Dich auf diesen kreativen Weg gebracht hat?

Myk: Es gibt vor allem zwei Wegmarken in meinem Leben: 1977 wandte ich mich dem Musikmachen zu, in unserer ersten Schülerband namens Lightning. 1984 beschloss ich, mich vom Rock, der mir mittlerweile allzu tradiert und nichtssagend vorkam, zum New Wave zu wenden – und fand glücklicherweise versierte Mitstreiter in diesem Unterfangen: Blonder, Rascal, A. Bang, Lo: die originale The Fair Sex-Besetzung.

Menschen mit Lebenserfahrung neigen dazu, nostalgisch – manchmal nicht ohne eine gewisse Wehmut – in die Vergangenheit zu blicken. Stichpunkt: „Früher war alles besser.“ Wie ist das bei Dir? Wie blickst Du zurück auf die erste Zeit innerhalb einer sich damals im Vergleich zu heute doch recht anders präsentierenden Szene?

Myk: Ich hab es ja schon vorhin angesprochen: Ich neigte mein Leben lang dazu, nostalgisch zurückzublicken. Schon in der Kindheit! Wenn ich ein schönes Wochenende mit meinen Freunden verbracht hatte, sehnte ich mich am Sonntagabend, im Bett liegend, nach den nun vergangenen Tagen zurück – ich meine sogar mit solchen Gedanken wie: „Schöner kann es nicht werden!“ Es ist bald siebzehn Jahre her, dass ich meine erste Kolumne schrieb; und sie trug genau diesen Titel: „Früher war alles besser“. Die Vergänglichkeitsthematik! Seitdem dürfte es in gut der Hälfte aller Kolumnen um dieses oder ein ähnlich gelagertes Thema gegangen sein, ha. Immer wieder nenne ich dann gern das Jahr 1984: als Synonym für die originalen Szene-Tage, in denen alles besser und authentischer war… aber keine Bange, es steckt immerzu ein Augenzwinkern drin. Es gibt einfachere Wahrheiten: Die Zeiten, die man intensiv erlebt, intensiv nutzt, sind die guten. Damals wie heute. Und es wird auch ein Morgen geben. Und: Heute ist das Damals von morgen.

Seit Jahren immer wieder heiß diskutiert: das Urheberrecht und die Nutzung von geistigem Eigentum im Internet. Wie stehst Du zu dieser Diskussion?

Myk: Dies ist ein so weit gefächertes Feld, dass man sich stundenlang damit beschäftigen könnte – in der Tat beschäftigt es die Medienwelt ja jetzt schon jahrelang. Ich möchte hier nur ganz kurz eine Anekdote aus meinem eigenen Leben erwähnen: Als die Technik in den Neunziger Jahren eines vergangenen Jahrhunderts endlich soweit war, so etwas wie ein MP3-Format und ein Phänomen namens Download entwickelt zu haben, murmelte ich so was wie: „Aber das ist doch nicht gut, oder?“ Damals wurde ich von fachkundigen Menschen beschwichtigt – die dann ein paar Jahre später mitansehen mussten, wie die Musikindustrie ihrem Niedergang entgegen taumelte. Dass man sich Musik kostenlos ergattern kann, ist und bleibt ein riesiges Ärgernis.

Wie beurteilst Du die Musiklandschaft 2014?

Myk: Um die Musiklandschaft 2014 wirklich beurteilen zu können, müsste man rund um die Uhr neue Musik hören – und selbst dann würde die Zeit noch nicht reichen, um sich ein wirklich umfassendes Bild machen zu können. Dazu ist die Musikwelt einfach zu groß geworden. Wie viele unterschiedliche Stilrichtungen es heuer allein unter dem Dachbegriff ‚Dunkle Szene’ gibt, ist ja schon ungeheuerlich! Eine solche Flut neuer Veröffentlichungen reduziert die Qualität der Musik im Allgemeinen, darf man annehmen. Und doch gibt es immer wieder Veröffentlichungen, die mich zu begeistern imstande sind. Für die jüngste Vergangenheit möchte ich Beispiele nennen wie IAMX, The Raveonettes, Principe Valiente, Ritual Aesthetic, Thot, Death Of A Cheerleader oder Tying Tiffany. Immer wieder vermag Musik aufzuwühlen! Zum Glück.

Gibt es Autoren und Bücher, die Dir besonders am Herz liegen und die Dich als bei Deiner Art zu schreiben geprägt, beeinflusst, inspiriert haben? Warum?

Myk: Wahrscheinlich sind dies mehr Bücher und Autoren als mir lieb ist: man ist ja nie frei von Einflüssen. Um freier zu sein von solcherlei, gab es auch immer wieder Phasen, in denen ich mir vorgenommen habe, weniger zu lesen: Um einen größeren Anteil an originären Ideen zu entwickeln. Doch dann ertapp’ ich mich doch wieder beim Lesen. Ich möchte hier nur einige Schlüsselwerke auflisten, zu denen ich seit frühesten Lesejahren immer wieder zurückkehre: Ottfried Preußler „Krabat“; Auguste Lechner „Das Licht auf Monsalvat“; H.P. Lovecraft „Traumreise zum unbekannten Kadath“; Lord Dunsany „Die Königstochter aus Elfenland“; Heinrich Böll „Ansichten eines Clowns“; James Thurber „Das weiße Reh“, John Steinbeck „Tortilla Fla“ – neben Tolkiens „Silmarillion“ natürlich, welches ich sozusagen jedes Jahr von Neuem lese.

Das Internet wird geliebt und gehasst. Die junge Generation wächst in einer Social-Network-Welt auf. Das Internet wird oftmals unreflektiert und unbedacht genutzt. Was sind Deine Gedanken bzgl. Facebook und Co.?

Myk: Dies ist ebenfalls ein sehr kontroverses Themengebiet, zu dem man eine ellenlange Pro- und Contra-Liste erstellen könnte! Hier einmal mehr meine rein persönliche Herangehensweise: Als Altmodischer benutze ich immer noch eher das Englischwörterbuch als im Netz nachzuschauen. Ich höre nie Musik via Rechner – bis auf diejenige, die ich aus musikjournalistischen Gründen zugeschickt bekomme. Ich habe noch einen Schallplattenspieler und einen Kassettenrecorder, den ich regelmäßig benutze. Weiterhin bin ich kein sehr enthusiastischer Facebook-Nutzer. Und doch, an manchen Tagen, schaue ich wiederholt nach, was für Kommentare ein zuvor ins Netz hineingepustetes Sprüchlein provoziert haben mag – und vor allem: wie viele. Eine beunruhigende Entwicklung!

Gibt es einen Song, dessen Text und Atmosphäre Dir persönlich besonders wichtig ist? Warum?

Myk: (Falls hier wirklich, wie ich annehme, ein Song aus der eigenen Diskografie gemeint ist) Unter all den Songs, die ich unter verschiedenen Bannern seit 1986/87 veröffentlicht habe, eine bestimmte Nummer Eins herauszufiltern… fällt mir seltsamerweise gar nicht schwer! Es handelt sich um die gemeinsam mit Ramon Creutzer komponierte, überaus melancholische Spieldosen-Ballade „In The Desert“. Als wir die Originalaufnahme zu Silvester 1994 vollendet hatten, standen wir buchstäblich weinend überm Mischpult.

Wie schaut Deine musikalische Zukunft aus? Sind weitere Konzerte und ggf. neue Veröffentlichungen mit THE FAIR SEX geplant? Wird es evtl. eine neue Zusammenarbeit mit THE INVINCIBLE SPIRIT geben? Und wie sehen Deine schriftstellerischen Pläne aus?

Myk: Es gibt jede Menge Pläne. Welche von diesen Projekten als erste angegangen werden, welche noch eine längere Zeit warten müssen – wird die Zukunft zeigen.

Vielen Dank für diese interessanten Fragen!

Vielen Dank für die aufrichtigen Antworten!

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