John Lydon – Anger is an energy

Wie die heutige Musiklandschaft ohne die „Sex Pistols“ aussehen würde, ist schwerlich einzuschätzen. Sicher ist jedoch, dass es zahlreiche Bandgründungen ohne die Musik und die Auftritte der weltweit bekanntesten Punkband nicht gegeben hätte. So ist auch über drei Jahrzehnte nach der Auflösung dieser zur Legende gewordenen Gruppe und trotz der Tatsache, dass der Schriftzug der „Sex Pistols“ mittlerweile sogar auf Kreditkarten zu finden ist, die Faszination für deren Geschichte ungebrochen.

John Lydon alias Johnny Rotten beschränkt sich in seiner Autobiografie jedoch nicht auf das recht kurze Intermezzo mit den „Sex Pistols“, sondern gewährt ausführlich und umfangreich einen Einblick in sein bisheriges Leben.

Im Mittelpunkt steht dabei – wie sollte es anders sein – die Musik. Doch es ist nicht nur die Geschichte eines Sängers bzw. Musikers. So zeigt Johnny Rottens Biografie u. a. die hässliche Fratze eines eigentlich demokratischen Landes in den 70er und 80er Jahren, in dem Andersdenke und -aussehende drangsaliert und die Meinungsfreiheit mit Füßen getreten wurde. Die Kluft zwischen konservativem Bürgertum und Arbeiterklasse war groß. Die sozialen Probleme riesig.

„Die Regierung tat einen Scheißdreck gegen die Wohnungsnot.“

„Das Leben in England fühlte sich damals an wie in den Vierzigerjahren – andauernd Versorgungsengpässe, Stromausfälle, nicht abgeholte Müllsäcke auf der Straße.“

„Ich sah, wie schlimm die Zustände geworden waren, und daran entzündete sich das, was wir machten – an diesem Gefühl der Nutzlosigkeit. Das ungeheure Potential einer ganzen Generation, für das sich einfach niemand interessierte. So deprimierend das auch war: Wir saßen alle in einem Boot. Wir hatten nichts zu tu. Es war der Motor für das, was irgendwann zu Punk wurde.“

Punk war für eine junge Generation, die keine Zukunft sah, eine Art Ventil, um ihrem Unmut Luft zu verschaffen. Punks wurden wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes und dessen Aussage beschimpft und körperlich bedroht. Heutzutage rufen die heftigen Reaktionen, die das Auftreten der „Sex Pistols“ auslösten, Erstaunen hervor. Heute hat Musik nicht mehr die Macht, die Menschen aufzurütteln und zu bewegen – was der Sänger auch bedauert.

John Lydons Erzählung beginnt aber viel früher. Er berichtet von seiner Schulzeit – zeitweise war er ein überaus guter Schüler und mehrfach sogar Klassenbester – und von seiner Krankheit (Meningitis), durch die er ins Koma fiel und einen Gedächtnisverlust erlitt. In dieser Zeit wurde seine Liebe zum geschriebenen Wort entfacht.

Weiterhin erzählt der ehemalige Sänger der „Sex Pistols“ von der Entdeckung der Musik und gibt überraschende Einblicke. Lydon geht nämlich nicht mit der einhelligen Punk-Meinung dakor, dass die 70er Jahre bis zur Punkbewegung keine gute Musik zu bieten hatten:

„Wenn man nach der offiziellen Punk-Geschichtsschreibung geht, soll die Musik der Siebziger ja komplett beschissen gewesen sein. Nicht, wenn man wusste, wo man hingehen musste!“

Allerdings lässt er an manch überaus erfolgreicher und bekannter Band kein gutes Haar:

„Mein Eindruck von den Beatles war immer: seelenlos und selbstverliebt. Da hörte ich doch lieber Slade, eine begnadet dämlich aussehende Band.“

Und über „Grateful Dead“ schreibt er:

„Die lahmste Band, die ich je gehört habe. (…) Für mich war diese Musik schon fast lebensbedrohlich. Sie ließ mich ins Koma fallen.“

Doch grundsätzlich war bzw. ist John Lydon recht offen für alle möglichen Richtungen:

„Ich habe keinen Hass auf bestimmte Arten von Musik. Im Gegenteil, in mir steckt eine Menge Liebe und Aufgeschlossenheit gegenüber allen, was andere Leute machen.“

Das Schaffen vieler Punkbands betrachtet er allerdings überaus ablehnend:

„Besonders viele Punkalben hatte ich sowieso nie, denn die meisten gefielen mir nicht besonders. Buzzcocks, Magazine, X-Ray Spex, die Averts, die Raincoats – ja, die mochte ich. Aber das waren auch eher Einzelkämpfer, nicht diese typischen Hauruck-Kapellen, die mich wahnsinnig machten…“

Lydon ist ein streitbarer Mensch. Interessant, in vielerlei Sicht aber auch seltsam und: widersprüchlich. Als Leser ist man sich nicht immer sicher, welche Aussage ernst gemeint ist. Der ehemalige Sex-Pistols-Sänger nimmt kein Blatt vor den Mund und lässt auch an vielen Wegbegleitern kein gutes Haar.

Manche Anekdote sorgt für ein Schmunzeln, wie beispielsweise die Methode seines Jugendfreunds und späteren Bassisten Sid Vicious (dessen Leben er „reine Selbstzerstörung“ nennt), seine Haare wie David Bowie zu gestalten:

„Dazu schleppte er zwei Sessel aus dem Wohnzimmer in die Küche vor den Gasherd, machte die Klappe auf, legte sich rücklings auf die Sessel und streckte den Kopf in den vorgeheizten Ofen. In der Hitze wurden die Haare steif. Einmal haben sie dabei sogar Feuer gefangen.“

Selbstverständlich darf das Thema „Drogen“ nicht fehlen. So erfährt der Leser, dass Lydon Drogen als Notwendigkeit zum Aufrappeln betrachtete:

„Denn nach der Meningitis war ich sehr anfällig für Depressionen, was mich noch verfolgte, bis ich Anfang 30 war.“

Er steht dem Konsum von Drogen aber auch kritisch gegenüber:

„Heroin-User klauen wie die Raben. Sie würden dir die Fußnägel stehlen, wenn sie einen Dollar oder ein Pfund oder meinetwegen einen Penny dafür bekämen. Und dann geht es in den Arm. Du kannst ihnen nicht trauen, sie haben ihre Seele verloren. (…) Wollt ihr mal einen Zombie sehen? Junkies sind die echten lebenden Toten.“

Der Arsenal-Fan spricht über seine Teilnahme an der Fernsehsendung „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“, blickt wehmütig auf die Beziehung zu seinem Vater zurück, berichtet von der Aufnahme in die „Rock and Roll Hall of Fame“ gegen seinen Willen und die Freigabe von zwei Songs der „Sex Pistols“ für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London und schildert seine Sicht auf die heutige Popmusik, illegale Downloads und Religion. Und selbstverständlich räumt die Autobiografie „Public Image Limited (PiL)“ – der Band, die seit Jahrzehnten sein Leben prägt und für ihn wichtiger ist als die „Sex Pistols“ – einen großen Platz ein.

Mit über 600 Seiten ist „Anger is an energy“ recht umfangreich ausgefallen. Auf die Schilderung der einen oder anderen Begebenheit hätte man eventuell verzichten können. Nichtsdestotrotz ist das Buch mit dem Untertitel „Mein Leben unzensiert“ durchaus lesenswert. Die streitbare Persönlichkeit polarisiert. So manche Aussage entlockte mir ein zustimmendes Nicken. Andere hingegen verursachten ablehnendes, ungläubiges Kopfschütteln. Für so manchen Punkpuristen dürfte diese Autobiografie keine leichte Kost sein. Zu wenig passt John Lydon in das typische Bild des Punkmusikers. Und doch scheint er im Vergleich mit seinen ehemaligen Bandkollegen die wahrhaftigste, authentischste Persönlichkeit zu sein, die sich nicht anbiedert und unverhohlen seine Meinung kundgibt. Unzensiert.

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 656 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-453-26977-4

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