Nihil – Hinter verschlossenen Augen

Die skandinavischen Extreme von Sommer und Winter, Mitternachtssonne und Winterdämmerung ziehen kreative Menschen magisch an. So auch den unter dem Pseudonym „Nihil“ (lat.: nichts) agierenden französischen Künstler, der Norwegen zu seiner Wahlheimat auserkoren hat. Abgesehen von den unterschiedlichen Einflüssen, die das Leben in diesem Land so außergewöhnlich macht, findet er vor allen Dingen in indischen und nordischen heiligen Texten und mittelalterlicher religiöser Kunst Inspiration. Zudem spiegeln sich Erfahrungen und Erlebnisse, die er während einer Tätigkeit im Krankenhaus gesammelt hat, in seinen Werken wieder. Nihils Bilder zeigen Transzendenz, Identität und Individualität.

Porträts von Heiligen und Märtyrern, die sich – ihrer Menschlichkeit beraubt – in göttlicher Gelassenheit verloren haben. Durch Leid, Not und Krankheit gereift. Ein Heilungsprozess, der in religiös verschlüsselten Bildern die Verwandlung zeigt. Eine morbid wirkende Ästhetik, die Schauer hervorrufend. Trotzdem üben die durchaus schönen Ansichten eine suggestive Anziehungskraft aus.

Paris, Berlin und Dublin – die Liste der Orte, an denen Nihils Arbeiten gezeigt wurden, ist beeindruckend. Ferner sind sie Teil der ständigen Sammlung des Museums für zeitgenössische Kunst in Sizilien. Bei zahlreichen Kunstausstellungen in den USA und Europa wurden seine Bilder gemeinsam mit den Werken namhafter Künstlern wie David Lynch, Marilyn Manson, Ernst Fuchs, H. R. Giger, Alejandro Jodorowsky präsentiert.

Ein weiterer Höhepunkt im Schaffen des Künstlers stellt die Veröffentlichung des Kunstbuchs mit dem Titel [Ventre] dar. Die auf 300 Exemplare limitierte Publikation beinhaltet zehn kryptische und philosophische Texte und 75 Porträts von Heiligen und Märtyrern, darunter eine Retrospektive von Werken der Vergangenheit. Abgerundet wird das ungewöhnliche Konvolut durch eine sieben Titel umfassende CD des schwedischen Ambient-Industrial-Projekts „In Slaughter Natives“. Die Klangwelten von Jouni Havukainen, der sich hinter „In Slaughter Natives“ verbirgt, tragen zu einer vollständigen und sehr sensiblen Erfahrung bei. Zusammen mit den Texten und Bildern ergibt sich eine natürliche Symbiose von Atmosphäre und Inspiration.

[Ventre] ist ein einzigartiges fiktives Universum, in dem Nihil aufwächst und seine Kindheit verarbeitet. Unbewusste Ängste entstehen. Vergessene Erinnerungen werden freigelegt. Groteske Figuren bevölkern surreale Landschaften. Symbolbeladen und voller versteckter Hinweise auf die menschlichen Urängste.

Ein wiederkehrendes Motiv in Nihils Bildern ist die Blindheit. Verdeckte Gesichter und Augen sind Sinnbilder für unser begrenztes Wissen. Die Ahnungslosigkeit im Umgang mit dem Unsichtbaren, dem Unbegreiflichen. Wir sind gefangen in unserer materiellen Existenz – unfähig, Grenzen zu überschreiten. Symbolische Darstellungen, für deren Betrachtung man sich Zeit nehmen sollte. Denn die Bedeutung wird nur langsam offenbart.

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