Thomas Manegold – Heimathiebe

Thomas Manegolds Bücher und Lesungen begleiten mich seit Jahren. Nicht nur Leser und Hörer entwickelte sich in dieser Zeit. Auch der Autor flog durch sein Leben und sammelte Blessuren und Erfolge, Enttäuschungen und Erfahrungen. War der Tenor vor Jahren noch eher bitter und etwas verloren, klingt nun eine gewisse Gelassenheit hindurch. Keine  Altersweisheit, sondern vielmehr ein gesunder Abstand zu sich selbst, zu den Anderen und zur Welt überhaupt. Nein, wir werden die Welt nicht retten. Wir können ihr nur mit allerkleinsten Beiträgen bei ihrer Selbstheilung helfen. Vielleicht.

Thomas Manegold: „Ich will daran glauben, dass ich Eisbären rette, wenn ich weniger Gepäck in den Urlaub mitnehme.“

Durch die „Heimathiebe“ bin ich gerast. Konnte gar nicht aufhören, zu lesen. Immer nur Ja, Ja, Ja. Und an allerlei Stellen, zu denen ich mich im Laufe dieser Buchbesprechung  äußern wollen würde, Markierungen geklebt. Gute Idee. Es sind nicht ganz so viele Markierungen wie bedruckte Seiten…

Der Verlag Periplaneta schreibt: „Heimathiebe heißt das neue Werk von Thomas Manegold. Der Berliner Autor und Mediengestalter lädt ein in die Gedankenwelt eines Verweigerers. In Kolumnen und poetischen Texten beschwört er den zwanghaft anderen Blick auf Klischees, Befindlichkeiten, Erinnerungen und Ereignisse, wenn er beispielsweise der brandenburgischen Idylle Gedichte über das Jagdverhalten von Raubvögeln abtrotzt oder wenn er die Feindschaften zwischen den deutschen Bundesländern aufs Korn nimmt. Genüsslich werden Tabus gebrochen, Gott und die Welt beschimpft und der gesunde Menschenverstand beschworen.“

Die folgende Bescheibung  vertieft den Eindruck:
„Manegolds Bühnentexte bereiten zugleich Unbehagen und Vergnügen. Sie erklären Sachverhalte, die man eigentlich gar nicht so genau verstehen will, und sind meistens eine virtuose Mischung aus Bundestagsrede, Ballade und Betroffenheitsbulimie.
Nicht nur die Heimat als Wohnort oder Vaterland bekommt hier eine heiße Dusche. Denn Heimat kann auch Herkunft, Hort und Hafen sein, kann austeilen, sich festkrallen und prägen.
Da scheitern Versuche romantischer Naturbeschreibungen aus dem burnout-bedingten Zwangsurlaub, da wird mal eben in 10 Minuten die Weltgeschichte geradegerückt oder zum zivilen Ungehorsam aufgerufen. Da wird der Nostalgie das Fell über die Ohren gezogen und der germanische Way of Life angeprangert.
Ein periplanetanisches Hör-Buch über asoziale Primaten, die Arroganz der Dummen, über Maden, Würstchen, Heringskälber und die Unerträglichkeit des Seins. Ein satirisches Textinferno, das Lachen und Weinen macht – nur eben nichts dazwischen.“

Bereits im Vorwort finde ich einen sehr einleuchtenden Hinweis, der zum Verstehen dieses  Autors beiträgt: „Der Sarkast weiß, dass man immer übers Ziel hinausschießen muss, um zu treffen. Und dass die Kollateralschäden sich hinterher als die wichtigsten Trophäen entpuppen.“ Etwas, was auch ich einmal lernen musste. Ich meine, das richtige Verstehen.

„Genieße dieses Buch einfach. Es gibt nämlich im Leben schlimmere Dinge, die dir im Halse stecken bleiben können, als ein Lachen.“

Einiges aus diesem Buch hörte ich bei einer Lesung im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig und war über so etwas Neufreches, fast Amüsantes hocherfreut. Umwerfend. Als hätte der Autor sich frei-geschrieben.

„Ich will das Gefühl haben, lebendig zu sein, während vor meinen Augen die ganze Welt stirbt. Ich will mich geborgen fühlen, wenn die Gauckler zu Königen werden und die Ausgemerkelten sich auf Messers Schneide mit tief gespaltenen Zungen um Kopf und Kragen reden. Ich will endlich vernünftig sein.“ Was in diesem Zitat alles drinsteckt! Von einer Stufe aus geschrieben, die über dem Jammertal liegt und der Verstandesgipfel weit über das Niveau der Massenkompatibilität blickt.

 In „Heimathiebe“ stoße ich auf augenzwinkernde Kritik am Konsumterror. Ein kurzer Abriss über Geschichte und Schicksal des Ostens im weitesten Sinne, den man schmunzelnd lesen kann. Und dazu mit dem Kopf nicken. Oftmals wird ein Text abgeschlossen mit: „Aber das ist eine andere Geschichte…“  Verflixt, woher kenne ich das? „Heimathiebe“ ist widersprüchlich zwischen Verdruss, Versöhnung und Erinnerung, bittersüß vielleicht. Berlin, des Autors neue Heimat seit Jahren, bringt Fremdheit und Freiheit und scheint gutzutun. Ein Gedicht um den Schnee in Berlin hat mich fast zum Kreischen gebracht. Herrlich. Das schafft allerdings auch das Gedicht „Vögelschutzgebiet“ aus der Brandenburger Besichtigung. Ein paar sehr kluge Zeilen, über welche sich der Mensch seine Gedanken machen sollte:

Betriebsgeheimnis
Warum ist dem grünen Specht
Vor lauter Hämmern noch nicht schlecht?
Weil, auch wenn er den Mund nicht schont,
das Hirn über dem Schnabel wohnt.“

Ein Kurzurlaub an der Ostsee sollte einen klaren Kopf bringen, was in der Vorsaison durchaus den erhofften Erfolg brachte. Trotzdem eine seltsame Zeit an einem seltsamen Ort. Weitere Themen sind DSL, Internet, soziale Netzwerke. Nostalgietourette – eine Orgie alter Schlager, peinlicher Jugendbilder und „weißt du noch?“. Sogar ein kleiner Lebenslauf findet sich, jedoch von einer etwas anderen als der üblichen Art – wundervoll. Ebenso wie die folgende Feststellung: „Es gibt offensichtlich nur noch die Möglichkeit, entweder mit den Schafen zu blöken oder mit den Wölfen zu heulen. Etwas anderes gibt es nicht mehr.“

Und an unsere besonders Abgehobenen: „Und genau deshalb, liebe Volksverdreherinnen  und Volksverdreher, schlürft und schleimt ihr zu Hunderttausenden um die unsäglichen vielen Posten und Pöstchen herum. Deshalb ist sich jeder selbst der Nächste und versucht, etwas vom großen Kuchen zu ergattern. Den eh keiner mehr bezahlen kann. Man sollte vielleicht mal ans eigene Glied fassen, anstatt ungefragt ständig an anderen herumzufingern.“ Und ein besonderer Seitenhieb auf Menschen, die es eigentlich zu nichts Anständigen gebracht haben und in die Politik drängen. Mit ein klein wenig Crystal Meth geht es wie geflutscht.

Ein wahnsinnig begeisterndes Buch. Interessant, ehrlich, bissig, amüsant, mitreißend. Ein fast weiser Thomas Manegold brilliert. Danke dafür. Für jene, die noch ein paar funktionierende Knöpfe in ihren Köpfen haben, sollte es ein Muss sein, „Heimathiebe“ zu lesen.

Buch inklusive CD, Klappenbroschur, 104 Seiten/67 Minuten, 16 x 13,5 cm
ISBN: 978-3-95996-035-9
Edition MundWerk

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