Stefan Heilemann (Heilemania) – Laught, cry and scream

Nachdem ich die Büchersendung, welche mir der DHL-Bote eben übergeben hat, aufgepackt habe, fällt mein Blick auf den Flyer einer „Hebamme“, die ein Buch in den Händen hält. Quer darüber geschrieben: „Es ist ein… Bilderbuch!“. Genau, es ist ein Bilderbuch. Aber erst wird gesichtet, wild geblättert… was ist das? Eine Dankeschönkarte des Schöpfers, auf welcher er bequem liegt, der Himmel flammt über ihn, Stift und Skizzenblock in Bereitschaft, scheinbar gebettet im Gras – welches sich beim zweiten Blick als eine Unmenge grüner Hände entpuppt. Soso, auf Händen lässt er sich tragen – zumindest in seiner Phantasie. Flyer und Karte sind schon typische Beispiele seiner Arbeit. Dem Buch ist ein Soundtrack beigefügt, welcher dreizehn bekannte Titel der Band „In Strict Confidence“ beinhaltet. Also dann: Bilder beschauen mit Begleitmusik.

„Laught, cry and scream“ (Lachen, Weinen und Schreien) ist ein Buch voller Bilder, bei deren Betrachtung man wirklich nicht weiß, ob man lachen, weinen oder schreien möchte. Stefan Heilemann gestaltet seine Kunst auf der Grundlage von Fotografien. Diese werden bearbeitet, zerstückelt, neu gefügt, verfälscht, verzerrt und damit in „Unmöglichkeiten“ verwandelt. „Heilemania“ ist sein Synonym. Und etwas manisch erscheinen die Werke, die Szenen wie aus einem Alptraum darstellen, aus Wachträumen, irgendwie irre. Für diese Bilder muss man sich Zeit nehmen, sie lange betrachten. Das Vordergründige ergibt gepaart mit dem Bildtitel Tiefgründiges und Kritisches. Vorausgesetzt, der Schauende verfügt über Fantasie und auch über Verstand. Zuerst erblickt man ästhetische Bilder. Der zweite Blick eröffnet einem dann, dass hier nichts stimmt. Beim dritten und überlegten Blick beginnt man mit Sinnieren und entnimmt Aussagen für seine eigene Weltsicht.

Im Folgenden möchte ich versuchen, einige Bilder zu beschreiben. Was sicher ein recht verzweifelter Versuch ist, aber hoffentlich geeignet, Neugier auf die Originale zu wecken.

„Auszeit“ – Eine große Uhr mit zerschlagenem Glas, an welche sich Stefan in offensichtlicher Pausen-Haltung lehnt, zeigt eine Zeit zwischen 8.45 und 9.00 Uhr an. Bis dahin alles normal. Doch die Zeiger sind mit Schrauben arretiert, der Sekundenzeiger mit Panzer-Tape festgehalten. Auszeit für immer?
„Ein Prosit auf die Menschlichkeit“ – Das ist ganz einfach. Wir sind ja so unsäglich menschlich. Edel, hilfreich und gut. Oder so ähnlich. Wer wäre davon nicht überzeugt?! Das Bild drückt es einfach und deutlich aus: zwei sich mit Bierflaschen zuprostende Männer in Harlekinkostümen vor dem Hintergrund einer brennenden Stadt mit aufsteigenden „Atompilz“. Das ist die Menschlichkeit. Oder?

„Küchenzauber“ – Eine Küchenfee mit scharfen Messer beim Schneiden einer Gurke. Man sieht die Gurkenscheiben auf dem Schneidebrett. Eins, zwei, drei, vier… um dann in den Stumpf des Unterarmes überzugehen. Mahlzeit!

„Zirkus Heilemania“ – eine Dompteuse oder Zirkusdirektorin steht inmitten von fünf ihrer Artisten. An der Hand hält sie einen Zwerg. Dazu gesellen sich Feuerspucker, Jongleur, Clown und ein etwas klobig geratener Typ mit Silberrückenblick. Digital verzerrte Körper und Gesichter lassen trotzdem immer den Künstler selbst erkennen. Fünf mal Stefan und immer anders… Wer bin ich? Wenn ja, wie viele?

„Fin“ – Zerborstene Häuser, verbrannte Bäume, Schrottauto – das Ende von irgendwas. Krieg, Zeit, Menschlichkeit. In einem der Kreide-Karos einer Himmel-und-Hölle-Hopse steht linkisch eine junge Frau mit einem Stockpferdchen – nur dass kein niedlicher Fohlenkopf den Stock ziert, sondern ein blanker Tierschädel. Und das ist alles nur Menschenwerk. Menschen und Werk am Ende.

„Bist du stark genug um mein zu sein?“ – Manchmal muss man sehr stark sein, um mit jemanden eine Zweisamkeit einzugehen. Selbstschutzstacheln wehren Nähe ab. Und bildlich dargestellt: nicht nur die Arme sind übersät mit sternförmigen spitzigen Kakteenwaffen. Sie sollen die Trägerin vor weiteren Verletzungen schützen. Aber wie sollen ihre Verletzungen heilen ohne Hilfe? Hilfe, die an der Abwehr scheitert.

„Startklar zum Sterben“ – Die Dame schaut aus dem Bild heraus schon recht böse. Sieht aber auf den ersten Blick noch recht ordentlich aus. Wenn da nur nicht dieses riesige gebogene Messer wäre, statt einer Hand. Das Blut daran stammt von dem nur undeutlich sichtbaren abgeschlagenen Männer-Kopf in der anderen Hand der Dame. Sie scheint willens, ihre Aufgabe auch weiterhin zu erfüllen…
„Sicherung“ – Von einer Mauerbrüstung herab sind tief unten und ganz klein die Häuser einer Stadt zu sehen. Gerade noch mit den Zehenballen auf der Brüstung stehend mit nach hinten gestreckten Armen. Bereit zum Fallen, zum Sprung? Vielleicht spielt die Dame aber auch nur mit der Gefahr? Hinter ihr ragen aus einer weißen Wolke heraus riesige stützende Finger, die wie Flügel wirken. Ein „Schutzengel“? Für die Deutung des dunklen Gebildes über ihrem Haupt muss aber jeder seine eigene Phantasie bemühen.

Bizarr, verstörend und zerstörend, kritisch, nachdenklich, skurril sind diese Schöpfungen. Ein Hauch von Wahnsinn umgibt sie. Und der Betrachter sollte auch ein wenig „anders“ sein, um die Ästhetik und den Sinn zu erfassen, zu erahnen.

Ich war aber doch froh, dass es sich „nur“ um zusammengefügte Elemente handelt. Denn die Montagen sind so echt gemacht, dass es gelegentlich schon sehr makaber wirkt.

Dieses Bilderbuch ist auch ein Geschichtenbuch – wenn auch ohne viel Worte. Die Titel sind zu jedem Bild das Ausrufezeichen.

Allzu gern hätte ich alle Bilder beschrieben, so faszinierend sind diese. Aber verehrter Leser: Sie sollen das Buch ja selbst ansehen und ihre eigene Fantasie schweifen lassen…

753 Gramm
136 Seiten
Hardcover + Soundtrack CD von „In Strict Confidence“
www.heilemania.de

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